Reportage – Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen (Wagner Tage, Müpa Budapest)

Premiere: 13. bis 16. Juni 2019
Regie: Hartmut Schörghofer
Musikalische Leitung: Ádám Fischer
Besuchte Vorstellungen: 13. bis 16. Juni 2019
Fotos: János Posztós (Das Rheingold), Szilvia Csibi (Die Walküre), Gábor Kotschy (Siegfried), Bálint Hirling (Götterdämmerung) / Müpa Budapest

Sie gilt als eine der schönsten Städte Osteuropas: Budapest. Mit über 1,7 Millionen Einwohnern ist die ungarische Hauptstadt die zehntgrößte Stadt der Europäischen Union. Ihre einzigartigen Jugendstilbauwerke, Thermalquellen und die noch ganz kakanisch geprägte Kaffeehauskultur ziehen jedes Jahr Millionen von Touristen an die „schöne blaue“ Donau, welche die seit 1873 zusammengelegten Stadtteile Buda und Pest voneinander trennt. „Das Schönste an Pest ist der Blick auf Buda“, sagt der Volksmund – und es stimmt: Von hier aus hat man einen wunderbaren Blick auf den Gellértberg mit der Freiheitsstatute und der Zitadelle sowie auf den Burgberg mit der Matthiaskirche, der Fischerbastei und dem ehemaligen königlichen Schloss, heute Heimat der Nationalbibliothek, der Nationalgalerie sowie des Historischen Museums. Seit 1987 stehen Burgviertel und Donaupanorama auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes.

Aber auch das modernere Pest bietet einiges: Hier steht nicht nur das Parlamentsgebäude, das größte Gebäude des Landes, das auch die Krone des Hl. Stephan sowie die ungarischen Reichsinsignien beherbergt, sondern auch eine Reihe großer Hotels am Donaukorso, die Staatsoper, die imposante St.-Stephans-Basilika, die Große Synagoge und seit 2005 das Kunstmuseum und Konzerthaus Müpa Budapest (zuvor: Művészetek Palotája, zu Deutsch: Palast der Künste). Das Gebäude an der Lágymányos-Brücke besteht aus drei Hauptflügeln und beherbergt jeweils eine Kunstrichtung: Das Ludwig Múzeums für Zeitgenössische Kunst, das Festival-Theater für Sprechtheater und Tanz, sowie der dominierende Nationale Béla Bartók-Konzertsaal, der 1699 Besuchern Platz bietet und in punkto Akustik und technischer Ausstattung zu den modernsten Konzertsälen Europas zählt. Bereits bei der Planung wurde der Anspruch berücksichtigt, hier Opern aufführen zu können.

Im Juni fanden dort zum wiederholten Mal und unter der künstlerischen Leitung von Ádám Fischer die Budapester Wagner-Tage statt und lockten erneut zahlreiche internationale Wagner-Enthusiasten an die Donau. Gezeigt wurde eine überarbeitete Version der bereits vor elf Jahren premierten, halbszenischen Produktion der Tetralogie Der Ring des Nibelungen. Eigentlich wollte man sie vor zwei Jahren einstampfen, doch der Wunsch seitens des Publikums, so Fischer beim Eröffnungsempfang, war so groß, dass man sich entschlossen hat, ihn nochmals aufzuführen – jedoch in einer „facegelifteten“ Version, für die der aus Salzburg stammende Regisseur Hartmut Schörghofer Verantwortung zeichnet. Den Konzertsaal hat man für die Wagner Tage erneut zum Opernhaus umgebaut: Die Musiker sitzen in einem Orchestergraben; auf einer kleinen Bühne steht ein getrepptes Podium mit zwei Ebenen, die wiederum durch einer Treppe verbunden sind. Hier agieren die Sänger*innen – Damen in Konzertrobe, Herren in Frack – sowie kostümierte Balletttänzer*innen.

Als Kritiker steht man nun vor dem Problem, eine Regie zu beurteilen, die eigentlich ja keine sein möchte. Wesentliches Gestaltungselement sind unterschiedliche, durchaus ansprechende Videoinstallationen (Szupermodern Filmstúdió Budapest) auf einer aus zwölf Einzelteilen bestehenden, transparenten Screenwand, die einen kontinuierlichen Bilderfluss herstellen. Stellenweise hinzutretende Balletttänzer deuten die Szene zusätzlich aus, wenngleich ein immer wieder zu dramatischen Schlüsselmomenten verrenkt tanzender Loge im roten Frack, den es auch noch in drei verschiedenen Größen gibt, spätestens nach der Walküre als Regieidee nicht mehr wirklich trägt. Dass Erda unverstärkt in das Off hinter der Bühne verbannt wurde und dadurch die meiste Zeit ungehört bleibt, ist sicherlich ein handwerklicher Fehler.

Manche Regieeinfälle rufen allerdings einfach nur Stirnrunzeln hervor. So darf Wotan mit einem Speer auf die Bühne treten, dem Schwert Nothung wird aber in allen Teilen des Rings der Auftritt verwehrt. Die dramaturgischen Konsequenzen sind immens: Ausnahmslos alle Aufzüge, in denen das Schwert eine zentrale Rolle spielt, gerieten zum statisch langweiligen, unterinszenierten Stehtheater. Auf der anderen Seite gibt es minutiös mit Schattenspielen, Videoeinspielungen und packender Personenregie durchchoreographierte Aufzüge, wie beispielsweise der dritte Aufzug in der Walküre oder der zweite Aufzug in Götterdämmerung. In dieser Gegenüberstellung von voll- und unterinszenierten Aufzügen wird vielleicht das Problem dieser halbszenischen Realisation deutlich: Zieht der eine Aufzug das Publikum in seinen Bann, wird diese Spannung und die szenischen Erwartungen im nächsten zunichte gemacht. Was bleibt ist ein unbefriedigendes Ergebnis.

Dass man in Budapest höchstes musikalisches Niveau erwarten kann, lässt sich an den innerhalb kürzester Zeit ausverkauften zwei Ringzyklen ablesen. Zu loben ist die großartige Leistung des Ungarischen Radio Sinfonieorchesters unter der Leitung von Ádám Fischer. Über eine frische, kammermusikalisch aber in den richtigen Momenten zupackende und auch auf klangliche Überwältigung setzende Interpretation freut man sich, wenngleich es in Siegfried Ermüdungserscheinungen in Form von mangelnder dynamischer Flexibilität gab.

Die kleinen Rollen wurden von Ungarischen Sänger*innen bestritten. Stellvertretend für sie soll Kálmán Peter mit seiner kohlrabenschwarzen, bassbaritonal-satten Bösartigkeit für den Albenkönig Alberich angeführt werden. Die verbliebenen sind gestandene Wagner-Interpret*innen: Die letzte Bayreuth-Brünnhilde Catherine Foster gab sich die Ehre und überzeugte mit ihrem durch alle Register und Ausdrucksformen klangschön und souverän geführten Sopran mit idiomatischer Deklamation auch in Budapest. Stuart Skelton fuhr als Siegmund mit rekordverdächtigen Wälsungen-Rufen zu Höchstleistungen auf und die unmittelbar nach Richard Strauss’ an der Wiener Staatsoper prämierter Frau ohne Schatten frisch gekürte Österreichische Kammersängerin Camila Nylund glänzt als stimmgewaltige, in vielen Farbschattierungen feurig-flackernde Sieglinde.

John Reuter, der als Wotan im Das Rheingold noch etwas blass blieb, konnte einen weitaus glaubwürdigeren Charakter in der Walküre vermitteln, wenngleich der Abstand zu Tomasz Konieczny, der als Wanderer in Siegfried auftrat, zu groß war. Power-Heldentenor Stefan Vinke, der an zwei unmittelbar aufeinanderfolgenden Abenden den Siegfried sang, konnte im Vergleich zu seiner Bayreuther Interpretation seiner unverwüstlichen, oftmals gestemmten und daher disintonierten Stimme etwas Eleganz verleihen. Luxuriös vervollständigt Gerhard Siegel als gewitzter Mime und Christian Franz als lyrisch angelegter Loge eine Besetzung, die sich auch anderorts sehen lassen kann.

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