Opernkritik – Vincenzo Bellini: I puritani (Opéra national de Paris)

Premiere: 7.9.2019
Regie: Laurent Pelly
Musikalische Leitung: Riccardo Frizza
Besuchte Vorstellung: 7.9.2019
Wiederaufnahme aus dem Jahr 2013
Foto: Sébastien Mathé / Opéra national de Paris

Die Uraufführung von I puritani am 24. Januar 1835 im Théâtre-Italien in Paris war der letzte überragende Triumph für Vincenzo Bellini, der noch im selben Jahr 33-jährig versterben sollte. Schon damals hatte am Erfolg der ziemlich konventionellen Dreiecks–Liebesgeschichte im englischen Bürgerkriegsgewande ein exzellentes Sängerensemble seinen Beitrag geleistet. Selbiges lässt sich auch über die wiederaufgenommene Inszenierung von Laurent Pelly zur Eröffnung der neuen Spielzeit an der Opéra national de Paris sagen, denn während das Publikum das Sängerensemble mit kräftigen Beifall bedenkt, mag Pellys düstre, psychologische Deutung nicht recht zünden.

Elvira ist für ihn eine von der Familie gefangengehaltene, seelisch zerrüttete Frau, die wie im William Friedkins Horror-Film Der Exorzist qualvoll leiden muss. Als optische Metapher hat sich Pelly von seiner Bühnenbildnerin Chantal Thomas die fein ziselierte Silhouette einer Schlossfestung mit schwarzen Eisenstangen bauen lassen. Vor einem abwechselnd mit einer Farbe beleuchteten Horizont wird dieser unverortbare Käfig mittels einer Drehbühne immer wieder neu in Position gebracht. So legitim dieser Zugang sein mag, so wenig hat Pelly allerdings mit seiner Deutung etwas zu sagen. Auf die Fragen beispielsweise, warum Elvira leiden muss, warum sie am Ende librettofremd tödlich zusammenbricht, gibt er keine Antwort. Der bedingungslose Fokus auf die weibliche Hauptpartie hat allerdings noch weitere Konsequenzen: Pelly vergisst die anderen Figuren komplett. Sie stehen alleingelassen und hilflos auf der Bühne, während Soldaten und der kräftig das Heimatland besingende Chor (Einstudierung: José Luis Basso) blockartig zu immer neuen Formationen arrangiert werden. Eine durchdachte, psychologische Personenregie sieht anders aus.

Die junge französisch-dänische Sopranistin Elsa Dreisig, die als Puritaniertochter und Arturos Geliebte Elvira ihr Rollendebüt gibt, hat also mit ihren qualvollen Verrenkungen und expressiven Spielen am Limit szenisch einiges zu leisten. Zweifelsohne sind auch ihre technische Präzision, ihre perfekt gesetzten Koloraturen beeindruckend, wenngleich ihre Rolleninterpretation trotz jubelnden Schlussapplauses nicht recht gefallen mag. Klar, Elvira deutet Arturos Verschwinden als Treuebruch und wird Ende des ersten Akts verrückt, bis ihr Geliebter sie schließlich von seiner Unschuld überzeugen kann und sie im dritten Akt wieder zu Verstand kommt. Warum sie allerdings mit einem stellenweise derb ausgestellten Stimmansatz und einer mit Umlauten angereicherten Diktion einen ausgesprochen veristischen Weg geht und die Grenze des Schöngesangs des Öfteren touchiert, ist nicht ganz ersichtlich.

Als ihr Bühnenpartner Javier Camarena hingegen auf die Bühne der Opéra Bastille tritt, wird er regelrecht von einer Welle phrenetischen Beifalls und Bravo-Rufens empfangen. Absolut berechtigt, denn bei seiner Interpretation des Lord Arturo Talbot kommt man aus dem Schwärmen nicht mehr heraus: Mit heroischen Spitzentönen, eleganten Glanz und einem scheinbar unendlichen Atem kämpft er gegen die verfeindeten Puritaner und für seine zum Tode verurteilte Königin. Seine Arie „A te, o cara“ schwebt mit einer selten gehörten Leichtigkeit durch das Auditorium und ist doch so kräftig, dass es einen unmittelbar berührt. Ein Gänsehaut-Tenor, bei dem es letztlich egal ist, ob er das hohe F im „Credeasi misera“ bekommt oder nicht.

Aus dem übrigen, männerlastigen Ensemble sticht insbesondere Igor Golovatenko als puritanischer Nebenbuhler Sir Riccardo Forth und Nicolas Testé als Elviras Onkel Sir Giorgio hervor, besonders in der ganz nach Verdi klingenden, militärisch anmutenden Cabaletta „Suoni la tromba“. Riccardo Frizza am Pult des Orchestre de l’Opéra national de Paris versteht es, diese Sängeroper ausbalanciert und leicht zu dirigieren, scheut sich aber auch nicht, die Blechbläsersoli und Chorstellen mit Verve zu nehmen. Ein musikalisch gesehen hoch erfreulicher Abend.

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