Opernkritik – Alessandro Scarlatti: Il primo omicidio (Opéra National de Paris)

Premiere: 24.01.2019
Regie: Romeo Castellucci
Musikalische Leitung: René Jacobs
Besuchte Vorstellung: 03.02.2019
Foto: Bernd Uhlig / Opéra National de Paris

Es gibt Opernabende, an denen man sich angesichts der Produktion permanent Fragezeichen in den Kopf denkt. Ein solchen Abend gibt es nun am Palais Garnier mit Romeo Castelluccis Inszenierung von Alessandro Scarlattis Oratorium Il primo omicidio und unter der musikalischen Leitung von René Jacobs. Der italienische Allroundkünstler Castellucci, der mittlerweile eine stattliche Anzahl von Musiktheaterproduktionen unterschiedlicher Qualität vorgelegt hat, folgt Scarlattis Vertonung der Geschichte von Kain und Abel formal und teilt auch seine Inszenierung in zwei in sich geschlossene Teile.

Im ersten dominieren verschiedene Transformationen des Lichts, schimmern hinter einem dichten Gazevorhang in Farbe wie in Intensität oszillierende Leuchtpaneele in unterschiedlichen Anordnungen, aber auch einmal real brennende Balken hervor. Die Sänger bewegen sich minimalistisch und nehmen in diesem abstrakten, optisch durchaus reizvollen Raum stilisierte Posen ein. Doch irgendetwas möchte uns Castellucci neben dieser l‘art pour l’art-Ästhetik mitteilen, jedoch verweigern sich ein mittelalterlicher Verkündigungsaltar, der sich kopfüber herabsenkt und ein mit Kunstblut gefüllter Plastiksack, der daran angebracht wird, einer schlüssigen hermeneutischen Deutung.

Doch die völlige Ratlosigkeit setzt mit einem harten, ästhetischen Bruch nach der Pause ein. Der zweite Teil spielt ganz konkret auf einem karg begrünten Feld samt Sternenhimmel. Die mit Alltagskleidung ausstaffierten Sänger werden kurz vor dem Mord durch Kinder ersetzt. Und während diese mit überzeichneten Mündern den Gesang der Solisten aus dem Orchestergraben nachmimen rätselt man, was dieser Verfremdungseffekt zu bedeuten habe. Sind Kinder, denen noch keine Moral anerzogen wurde, archaische Wesen? Oder ist es ein optisches Sinnbild für das „kindische Verhalten“ von Erwachsenen, beispielsweise von Kain?

Doch während man noch beschäftigt ist, sich einen Zugang zur Kindermetapher zu verschaffen, wird das blutüberströmte Abel-Double von einer Gruppe anderer Kinder gewaschen, dem Kain-Double eine Dornenkrone aufgesetzt und das Eva-Double in einem marianisch-blauen Mantel zu bedeutungsschwangeren Posen arrangiert. Kain – Christus / Eva – Maria, die neue Eva? Ein naheliegendes, wenngleich schiefes Bild. Am Ende wird das (Schlacht-?) Feld mit einer bühnenfüllenden Plane verdeckt. Sicherlich starke Bilder, doch was sollen sie bedeuten? Castellucci bleibt einem die Antwort schuldig.

Als wären das nicht genug Fragezeichen, gibt René Jacobs zusätzliche Rätsel auf, riskiert am Pult des belgischen B’Rock Orchestra überraschend und ungewöhnlich wenig. Überwiegend auf Schönklang abzielend, musizieren alle tadellos, doch wirken die Lamenti zu kalkuliert, die barocken Wind- und Donnermaschinen zu theatral und die Streicher, die bei der Sinfonia des zweiten Teils mit ihrem Bogen am Frosch lautmalerisch kratzen, um das kommende dramatische Geschehen musikalisch vorwegzunehmen, seltsam gemacht. Auch das Sängerensemble mit Kristina Hammarström (Caino) und Olivia Verbeulen (Abele) sowie in den Elternfiguren Brigitte Christensen (Eva) und Thomas Walker (Adamo) offerieren nur eine grundsolide Leistung.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.