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Opernkritik – Wolfgang Amadeus Mozart: Le nozze di Figaro (Teatro Amilcare Ponchielli, Cremona)

Premiere: 16.10.2015
Regie: Mario Martone (Neueinstudierung durch Raffaele di Florio)
Musikalische Leitung: Stefano Montanari
Besuchte Vorstellung: 16.10.2015 (Premiere)
Übernahme vom Teatro San Carlo, Neapel
Fotos: Giulia Selvaggia Virgara, Michele Borzoni

Wolfgang Amadeus Mozarts sprudelnd-lustige und ironisch-brillante Komödie Le nozze di Figaro stand als zweite Produktion auf dem diesjährigen Spielplan des Teatro Amilcare Ponchielli in Cremona. Die Produktion des neapolitanischen Regisseurs Mario Martone hatte bereits 2006 im Teatro San Carlo di Napoli Premiere, für die Neueinstudierung zeichnet sich Raffaele di Florio verantwortlich.

Diese Figaro-Inszenierung belässt die Handlung in der Originalzeit und am Originalort: Das spanische Sevilla um 1780. Im Hintergrund der Bühne hat Bühnenbildner Sergio Tramonti eine prächtige, symmetrische Treppe konstruiert, die beidseitig für Auf- und Abtritte benutzt wird. Zusammen mit dem Bespielen der Gänge im Zuschauerraum werden zusätzliche Perspektiven ermöglicht. Auch wenn die Inszenierung im ausgehenden 18. Jahrhundert spielt, sind die Kostüme von Ursula Patzak nicht zu rokokoresk, sondern in einfacher Klarheit gestaltet. Einzig der Graf darf in seinen großen monarchischen Szenen mit rotem Brokatkostüm auftreten und seinem Stand so auch optisch Gewicht verleihen. Weiterführende Deutungsebenen hingegen sind nicht anzutreffen, tiefere, psychologische Interpretationen der einzelnen Partien werden offenbar gänzlich den Sängern überlassen. Abgesehen von ein paar netten Regieeinfällen ist die Produktion zu brav und konventionell.

Musikalisch ist aber dafür einiges geboten. Die jungen, fast ausschließlich aus Italien kommenden Sänger verliehen Mozarts Oper noch einmal mehr einen unheimlich taffen Charakter. Die erst 26-jährige Sopranistin Lucrezia Drei präsentierte eine leidenschaftliche, expressive und packende Susanna. Zusammen mit einem einwandfreien Spiel konnte sie auch in den Rezitativen das begeisterte Publikum mitreißen. Gleiches gilt für die aus Mailand stammende Federica Lombardi. Die Sopranistin überrascht in der schwierigen Rolle als Contessa mit Farbenreichtum und ausdifferenzierter Dynamik. Ihre Stimme ist reich an Obertönen und mit noblen, vornehm-zurückhaltenden Vibrato. Eine wirkliche Luxus-Gräfin! Die männliche Seite ist hingegen etwas durchwachsen. Der Figaro wurde von Andrea Porta gesungen. Ihm halfen seine lässig ausdrucksvollen Gesten und sein theatralisch interessantes Rollenbild, um die Sympathie des Publikums sich zu vergewissern. Allerdings konnte dieser Anspruch gesanglich nicht auf gleichem Niveau mithalten. Oftmals hatte er Schwierigkeiten mit seiner Partie, patze nicht nur einmal gehörig daneben. Vincenco Nizzardo als Conte indes bezauberte durch seine klar schöne Stimme. Man fragt sich nicht nur einmal im Laufe des heutigen Abends, ob Susanna doch nicht lieber den Grafen nehmen sollte. Gesanglich steht diesem jedenfalls nichts im Wege. Als Cherubino konnte die junge Mezzosopranistin Cecilia Bernini gewonnen werden. Frisch, ausgelassen und mit Freude am Schauspiel konnte sie das Bild des jugendlichen, testosterongesteuerten Womanizer perfekt wiedergeben. Auch die anderen Nebenrollen überzeugten tadellos.

Dirigent Stefano Montanari achtete penibel auf jedes forte oder piano, zischte auch im Laufe des Abends öfters das Orchestra I Pomeriggi Musicali di Milano unverhohlen an, wenn sie seinem Dirigat nicht Folge leisten wollten. Besonders beeindruckend war der vom Dirigenten höchstselbst gespielte Cembalopart. Wie schon in der Don Giovanni-Produktion vergangenen Jahres am Teatro la Fenice di Venezia (Regie: Damiano Michieletto) musizierte Montanari farbenfroh, lebhaft, energisch und nie mit Langeweile. Den Vorwurf mancher Opernbesucher, das wäre doch schon sehr manieristisch, kann guten Gewissens ignoriert werden. im Gegenteil: Die Begleitung Montanaris gibt der Inszenierung die fehlende Frische. Das cremoneser Publikum lachte an diesem Abend von ganzen Herzen und erfreute sich an dem Karussell der Missverständnisse zwischen den verschiedenen Protagonisten. Ein musikalisch gesehen gelungener Abend.

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