Don Giovanni

Opernkritk – Wolfgang Amadeus Mozart: Don Giovanni (Metropolitan Opera, New York)

Premiere: 13.10.2011
Regie: Michael Grandage (Neueinstudierung durch Louisa Muller)
Musikalische Leitung: Fabio Luisi
Besuchte Vorstellung: 5.10.2016
Fotos: Marty Sohl

Der Vorhang hebt sich – und wieder einmal fühlt man sich im verstaubten Opernmuseum. Eine auf alt getrimmte Hausfassade ist zu sehen. Geschlossene Fensterläden aus Holz verdecken die übereinandergestapelten Wohnschachteln, immerhin jede ausgestattet mit Romeo-und-Julia-Balkon. Doch statt schmachtender Innenhofromantik ereignen sich im einzig geöffneten und brokatbespannten Einzimmer-Appartment librettogetreu dramatische Szenen. Unter dem Schutz einer schwarzen Panzerknacker-Augenbinde begrabscht der ewige Verführer Don Giovanni das aktuelle Objekt seiner kurzzeitigen sexuellen Begierde: Donna Anna.

Ob er sie vergewaltigt oder nur verführt – letzteres würde mindestens ein gewisses Entgegenkommen ihrerseits voraussetzen – muss wie so vieles in dieser fünf Jahre alten Don Giovanni-Produktion an der New Yorker Metropolitan Opera offen bleiben. Alles Weitere ist bekannt: Der Wüstling flieht über eine Leiter, muss kurz mit Annas Vater fechten, ein kurzer Hieb, ein böser Sturz: des Commendatores Auftritt ist anfangs recht kurz. Immerhin öffnen sich wenig später bei Leporellos Registerarie die Fensterläden und Frauen unterschiedlichen Alters wie Attraktivitätsgrades treten in pastellfarbenen Roben der Firma Plüsch&Rüsch hervor – Opfer frauenverschließender Sexualgewalt sehen freilich anders aus.

Ein lustig-netter Einfall? Vielleicht. Bemerkenswert? Eigentlich nicht. Aber die Adventskalenderidee, die in der finalen Friedhofsszene mit Statuen des ermordeten Commendatore ihr Pendent findet, soll der einzige veritable Regieeinfall des ansonsten vielbeachteten britischen Film- und Schauspielregisseur Michael Grandage für die kommenden drei Stunden sein. Anstatt die Charaktere im Dienste einer wünschenswerten Kernaussage zu entwickeln, stellt er die Sänger langweilig im Raum auf und überlässt sie ihrer selbst. Er reduziert dadurch die komplexe und vieldeutbare Handlung auf das dramaturgisch Vordergründige.

Passenderweise führt Bühnen- und Kostümbildner Christopher Oram mit seiner feschen Frauenmode und den Gehröcken, Kniebundhosen, Zopf- und Lockenperücken das ganze Repertoire biederer Barockbekleidung vor. Grandages Inszenierung hat keine Aussage, möchte stattdessen an publikumswirksame Bilderbuch-Produktionen eines Franco Zeffirelli oder Jean-Pierre Ponnelle anschließen und scheitert dank fehlenden Handwerks grandios. Billiges Opulenztheater. Die effektheischenden Flammen bei der Höllenfahrt mögen Zeugen sein.

Leider gibt es auch von den musikalischen Leistungen wenig Erfreuliches zu berichten. Simon Keenlyside hat seit seiner großen Stimmkriese die tenorale Helligkeit und die satten Tiefen verloren. Da sind noch die schönen Legati, die klug gestalteten Rezitative und die expressive Spielweise von früher, doch einen impulsiven Stimmplayboy – und was ist Don Giovanni, wenn nicht das? – konnte der 57-Jährige lyrische Bariton nicht bieten. Ganz anders die Singkomödianten Adam Plachetka als draufgängerischer Leporello und Matthew Rose als kraftvoll sonorer Masetto. Rolando Villazón wäre sicherlich ein passender, leicht überdrehter Tenorpartner gewesen, doch er sagte schon vor Wochen sein Engagement als Don Ottavio ab. Und auch wenn die intime Stimme Paul Applebys im Riesensaal der MET etwas verloren wirkte, konnte er mit silberner Glätte und eleganter Haltung seine beiden Tenorarien Dalla sua pace und Il mio tesoro klangschöner präsentieren als sein Kollege auch im gesunden Zustand in der Lage gewesen wäre.

Auf der Seite der Frauen konnte einzig Serena Malfi als Zerlina punkten. Sie ließ das überkommene Image der kleinen, dummen Soubrette links liegen und setzte mit warmer Stimme und manch erotischer Reverenz ungewöhnliche Akzente. Fabio Luisi hingegen, zum Principal Conductor aufgestiegen, ertränkte die Musik Mozarts in einer schwerfälligen Klangsuppe, angerichtet nach Art der Fünfziger Jahre, die besonders bei seinen diskussionswürdigen Tempigestaltungen zu Problemen in der Koordination mit der Bühne führte. Auch wenn einige Sänger respektable Leistungen abgeliefert haben: Dieser Don Giovanni ist weder musikalisch auffällig noch schön anzusehen, schon gar nicht aufschlussreich und besonders eins: langweilig. Ein verzichtbares Opern-Tête-à-Tête.

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