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Opernkritik – Saverio Mercadante: Didone abbandonata (Innsbrucker Festwochen der Alten Musik)

Premiere: 10.8.2018
Regie: Jürgen Flimm
Musikalische Leitung: Alessandro De Marchi
Besuchte Vorstellung: 12.8.2018
Foto: Rupert Larl

Erfolgreich setzen die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik seit Jahrzehnten zu Unrecht vergessene oder selten gespielte Opern des 17. und 18. Jahrhunderts auf ihren Spielplan. Dieses Jahr wagt sich das Festival mit Saverio Mercadantes Didone abbandonata, uraufgeführt am 18. Januar 1823 am Teatro Regio in Turin, zum ersten Mal ins 19. Jahrhundert vor.

Saverio Mercadante, am 17. September 1795 in Altamura (Apulien) getauft, studierte ab seinem 13. Lebensjahr zunächst Violine, Flöte, Gesang, Generalbass und Kontrapunkt am Conservatorio di S. Sebastiano in Neapel. Mit 18 Jahren folgte ein Kompositionsstudium beim Direktor des Konservatoriums Niccolò Zingarelli. In dieser Zeit entstanden mehr als 150 überwiegend instrumentale Werke, darunter auch Mercadantes Flötenkonzert Nr. 2 in e-Moll, sein heute wohl bekanntestes Werk. Durch Kompositionen für die neapolitanischen Theater machte er erste Erfahrungen im Bühnenbetrieb, ehe er 1819 gleich mit einer ersten Oper L’apoteosi di Ercole (San Carlo/Neapel) einen großen Erfolg erzielen konnte. Es folgte ein rasanter Aufstieg; Opernaufträge aus Neapel, Rom und Palermo erreichten den 25-Jährigen.

Doch mit den politischen Unruhen in Neapel wendete sich sein Schicksal unerwartet: Seine sechste, für das Teatro San Carlo geschriebene Oper Maria Stuarda regina di Scozia wurde noch vor der Premiere abgesetzt, weil sie als Huldigung an eine konstitutionelle Monarchie verstanden wurde. Mercadante musste Neapel verlassen, die Uraufführung wurde 1820 am Teatro Communale in Bologna nachgeholt. Der internationale Durchbruch gelang dem Komponisten mit seiner im Folgejahr für das Teatro alla Scala in Mailand geschriebenen Oper Elisa e Claudio ossia L’amore protetto dall’amicizia. Mercadante wurde als Konkurrenz zum Opernfürsten Gioachino Rossini vermarktet.

Teile der zeitgenössischen Kritik hingegen waren anderer Meinung, insbesondere die Wiener nach einem Gastspiel des Komponisten in der Kaiserhauptstadt. Sie bemerkte einen konservativen neapolitanischen Konservatoriumsstil und konstatierte ein Zurückschreiten hinter Rossini. Mercadante reagierte produktiv auf diese Kritik, setzte sich mit den Opern des Konkurrenten Rossini aber auch mit Giovanni Pacini und Giacomo Meyerbeer auseinander und versuchte sich erfolgreich an neuen kompositorischen Ansätzen: 1826 gelang ihm mit Caritea, regina di Spagna, ossia La morte di Don Alfonso re di Portogallo ein weiterer nachhaltiger Erfolg seiner Karriere.

Warum seine äußerst erfolgreichen Werke bei der Bildung eines festen Opernrepertoires in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht berücksichtigt wurden, ist unklar und verwundert, hat er doch der Entwicklung der italienischen Oper ab den späten 1820er Jahren durchaus eigene Wendungen gegeben, die, wie der Musikwissenschaftler Michael Wittmann schreibt, gattungsgeschichtliche Relevanz beanspruchen darf. Noch Giuseppe Verdi und der ganz junge Giacomo Puccini erinnerten sich positiv an Werke Mercadantes, etwa an seine hoch geschätzten Opern Il giuramento (1837 am Teatro alla Scala/Mailand), Il bravo (1839 am Teatro alla Scala/Mailand) und La vestale (UA 1840 am Teatro San Carlo/Neapel).

Daher verwundert die Entscheidung von Festivalleiter und Dirigent Alessandro De Marchi ein wenig, ausgerechnet Mercadantes Didone abbandonata zu geben. Denn die typischen Rossini-Crescendi und die Einführung von Cabaletten täuschen nicht darüber hinweg, dass sich Mercadante in seinen frühen Opern unverkennbar an der althergebrachten neapolitanischen Tradition orientiert. Die musikalisch konservative Grundtendenz, die schon die Zeitgenossen kritisierten, ließ ihn auch zu eher traditionellen Libretti greifen, die ihrerseits der politisch restaurativen Zeit Rechnung tragen. Vergleicht man beispielsweise seine Didone abbandonata, basierend auf einem von Andrea Leone Tottola umgearbeiteten, 100 Jahre alten Libretto von Pietro Metastasio, mit Rossinis im selben Jahr uraufgeführter Semiramide, wird die überholte Dramaturgie seiner Oper trotz eingefügtem Chor und einigen wenigen Ensembles offensichtlich.

Spannenderweise unterzog Mercadante Didone abbandonata 1825 für Neapel einer weitreichenden Überarbeitung, die auf eine grundlegende Änderung seiner Tonsprache und seiner Musikästhetik verweist. Warum also nicht diese Version zur Aufführung bringen? Das Autograph liegt jedenfalls in Neapel. Mercadante hat sogar noch eine dritte Version im Ärmel: Die neapolitanische Fassung, aber mit einem lieto fine. Beide Versionen würden die gattungshistorische Bedeutung Mercadantes, dem in der angealterten Forschungsliteratur der Begriff „Reformoper“ zur Seite gestellt wird, besser erfahrbar machen.

Dennoch finden sich in den 14 Nummern der ersten Version neben viel Epigonalem auch manche vorwegnehmende und wunderbare Kleinodien. Mercadante zeigt seine Didone als energische Königin, die der lettischen Sopranistin Viktorija Miškunāitė einiges an Agilität wie Dramatik abverlangte. Doch sie meisterte die Aufgabe bravurös, ihre Schlussszene Mancano più nemici war zweifelsohne der Höhepunkt der Aufführung. Weiter bestach Katrin Wundsam mit ihrem weichen, charmanten Mezzosopran als Enea (Hosenrolle). Carlo Vincenzo Allemano machte seine Sache als Mohrenkönig Jarba grundsolide.

Dirigent Alessandro de Marchi, der philologisch penibel die Partitur aufbereitete und mit Bedacht auf allzu krasse Tempi verzichtet, bettet die Sänger*innen auf Samtkissen. Allerdings hatten die Hörner seines Originalklangensembles Academia Montis Maghini Mühe, einen schönen Klang zu produzieren. Gleich zu Beginn in der Ouvertüre wünscht man sich angesichts eines grässlich disintonierten, solistisch kicksenden Etwas nichts sehnlicher als ein Ventilhorn herbei, das allerdings erst zwei Jahrzehnte später allgemein verfügbar war. Musikalisch die einzige Grenzerfahrung des Abends.

Bliebe am Ende noch über die Regie Jürgen Flimms zu berichten. Doch über die 175 Minuten gähnende Langeweile auf einer sich drehenden, im Bau befindlichen Betonzitadelle samt rotem Betonmischer und vielsagendem, bierbestückten Kühlschrank (Bühnenbild: Magdalena Gut), auf der sich in den letzten Minuten ein Gewaltporno marktschreierisch wie sinnfrei sich Bahn bricht, schweigt man lieber vornehm.

 

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