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Opernkritik – Richard Wagner: Tristan und Isolde (Teatro Comunale Luciano Pavarotti, Modena)

Premiere: 11.11.2015
Regie: Monique Wagemakers
Musikalische Leitung: Marcus Bosch
Besuchte Vorstellung: 15.11.2015
Übernahme vom Staatstheater Nürnberg
Fotos: Ludwig Olah

Es ist schon etwas Besonderes, wenn in der norditalienischen Region Emilia-Romagna ein Musikdrama von Richard Wagner auf dem Programm steht, ist diese doch unzertrennbar mit dem Namen von Wagners großen Antipoden Giuseppe Verdi verbunden. Man erinnere sich nur an den in allen italienischen Medien heraufbeschworenen Skandal bezüglich der Spielzeiteröffnung der Mailänder Scala im Dezember 2012. Dirigent Daniel Barenboim hat es gewagt, in diesem „Heiligen Jahr“, das in der die ganzen Klassikwelt anlässlich der 200. Geburtstage von Verdi und Wagner begangen wurde, das bedeutendste Opernhaus Italiens mit Wagners Lohengrin (Regie: Claus Guth) zu eröffnen, statt mit einer Verdi-Oper. Weit ab von diesem Skandal feierte bereits im Oktober desselben Jahres Tristan und Isolde im Staatstheater Nürnberg Premiere. Diese Produktion stand nun als deutsches Importprodukt klassifiziert, so zumindest war es in den Regionalzeitungen zu lesen, auf dem Programm des Teatro Comunale Luciano Pavarotti in Modena.

Regisseurin Monique Wagemakers blieb ihrem schlichten Inszenierungsstil treu, erzählt die Geschichte getreu dem Libretto. Doch die in den Premierenkritiken des Jahres 2012 hoch gelobte psychologische Personenführung war in Modena nur vereinzelnd zu erkennen. Das Beziehungsgeflecht zwischen dem König des britischen Cornwall Marke, seinem Vasallen Tristan und der irischen Königstochter Isolde blieb überwiegend unklar. Auch der auftrumpfende Aktionismus sowohl im Finale des ersten Aktes (die Dienerin Isoldens Brangände und Tristans Gefolgsmann Kurwenal trennen mühevoll die beiden einander eng umschlingenden Liebenden) als auch im Finale des zweiten Aktes (Melot haut mit seinem Schwert einmal horizontal auf den Bauch Tristans ein – eigentlich stürzt sich Tristan in seiner Liebesentrückung in das Schwert) wirken eher platt als intelligent. Das Finale des dritten Akts hingegen zeigte, dass es auch anders gehen kann. Während Isolde ihren Liebestod stirbt, erhebt sich der tote Tristan, tritt hinter Isolde und führt sie so zur wagnerschen Erlösungsidee. Bereits in der Liebesnacht im zweiten Akt war dieses Bild zu sehen. Liebesentrückung, Todessehnsucht und Erlösungsglaube geben sich hier über die Akte hinaus die Hand. Dirk Becker setzt in seinem Bühnenbild auf einen schwarzen Rundraum, drei große ineinandergelegte Kreise am Boden und drei an der Decke in weiß könnten Unendlichkeit symbolisieren. Die Fackel im zweiten Akt wird zu einem gelb-rot beleuchteten Himmelskörper, wohl einen Trabanten. Wenn im dritten Akt die saturnähnlichen Ringe zerbrochen sind und ein Bühnenfragment wie ein Komet senkrecht aus der Bühne ragt, ist man sich nicht sicher, ob während der zweiten Pause auf der Bühne ein intergalaktischer Kampf alla Krieg der Sterne gewütet hat.

Der Nürnberger Generalmusikdirektor Marcus Bosch ist mit einem bereits eingespielten Sängerensemble für diese Produktion nach Modena gereist. Vincent Wolfsteiner ging in dieser Vorstellung sehr schonungslos mit seiner Stimme um. Das Nürnberger Ensemblemitglied verlieh seinem leidenschaftlich-stürmischen Tristan ähnlich wie seinem Götterdämmerungs-Siegfried letztem Monat in Nürnberg (Regie: Georg Schmiedleitner) etwas Draufgängerisches. Schon während des ersten Akts stellten sich Intonationsprobleme ein, im zweiten Akt brechen die hohen Töne regelrecht weg. Zugegeben: Wenige Tenöre schaffen es, die komplexe Partitur mit der geforderten stimmliche Ausdauer zu verwirklichen. So überrascht Wolfsteiner mit Tristans langem Monolog zu Beginn des dritten Aktes alle Zuschauer im Theater. Enormes stimmliches Potenzial wurde hörbar, glaubhaft sang er sich regelrecht in den geforderten fieberhaften Wahn. Vielleicht ist seine stimmliche Schwäche im zweiten Akt dem Umstand geschuldet, dass es sehr viele hochdramatische Partien in nur kurzer Zeit sang. In der Rolle als Isolde war Claudia Item zu hören. Sie hatte anfangs ebenfalls stimmliche Schwierigkeiten, doch im Laufe der Oper konnte sie ihren Sopran mit großer Ausdruckskraft und schönen Linien füllen. Besonders gelungen sind ihre klaren Klangformungen in tiefem und mittlerem Register. Die Spitzentöne in den hochdramatischen Ausbrüchen allerdings, besonders im zweiten Akt, konnten nur mit enormem stimmlichem Aufwand hervorgebracht werden. Eine richtige Freude hingegen war es Alexey Birkus in der Rolle als König Marke zu hören. Zu dieser Spielzeit wechselte der Bass vom Salzburger Landestheater in das Ensemble des Nürnberger Staatstheaters. Seine Fortschritte sind enorm: Intensiv und majestätisch-schwer ist sein Marke, doch schattierte er wohlüberlegt zwischen Wut, Trauer, Verzweiflung und Verletzung ab. Ein gelungenes Rollenporträt. Ebenfalls auf höchstem Niveau war Roswitha Christina Müller in der Rolle der Brangäne. Klangschön und wohlgeformt war ihr farbenfroher Mezzosopran, ohne hörbaren Registerbruch. Jochen Kupfer als Kurwenal und Javid Samadov als Melot komplettierten das Ensemble.

Trotz trockener Akustik des insgesamt nur 901 Plätze umfassenden Opernhauses schaffe es Marcus Bosch durch wohlgesetzte Tempi Details hörbar zu machen, die in größeren Häusern schneller untergehen und trotzdem gleichzeitig die großen musikalischen Bögen zu spannen. Doch die Akustik machte die Probleme, die das Orchestra Regionale dell’Emilia Romagna offenkundig mit der komplexen Wagner-Partitur hatte, deutlich hörbar. Leidenschaftlich, schwelgerisch, schmachtend, drängend, erschütternd, aufwühlend: kurzum die Grenzen sprengende Musik war an diesem Abend matt und träge. Nicht nur Intonations- sondern vor allem Koordinationsprobleme zwischen den verschiedenen Instrumentengruppen deuten auf eine Unterschätzung der Partitur und fehlende Probenarbeit hin. Obwohl Bosch auf das deutlichste versuchte zu helfen und wie ein Navigator das Orchester durch riesige Klangwellen und rauschhaften Ozean musikalisch zu leiten versuchte – es mochte nicht gelingen. Es blieb bei einer lauen Meeresbrise. Die Reaktionen des Publikums in Modena zeigen aber, dass auch Wagner in Italien gespielt werden kann. Bravorufe und lang anhaltender Beifall für einen bodenständigen Abend zeigen das Potenzial, das in Verdis Heimatregion steckt. Doch auch 150 Jahre nach der Uraufführung kommen Theater mit Wagners Tristan und Isolde an die Grenzen des Möglichen.

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