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Opernkritik – Richard Wagner: Tannhäuser (Tiroler Landestheater, Innsbruck)

Premiere: 14.5.2016
Regie: Johannes Reitmeier
Musikalische Leitung: Francesco Angelico
Besuchte Vorstellung: 18.6.2016
Fotos: Rupert Larl

Bekanntlich treffen in Richard Wagners Romantischer Oper Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg zwei Welten aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Die Hauptfigur im Konflikt zwischen äußerlich-sexuellen Verlagen und innerlich-religiösem Erlösungswunsch, zwischen Venus, der Göttin der Liebe, des erotischen Verlangens und der Schönheit auf der einen Seite und der Tochter des Landgrafen von Thüringen, der reinen Elisabeth auf der anderen. 25 Jahre fehlte der Dualismus zwischen ‚profaner‘ und ‚heiliger‘ Liebe am Tiroler Landestheater in Innsbruck. Nun kehrt die Dresdner Fassung der Oper (UA 1845) auf die Bühne des Großen Hauses zurück. Landestheaterintendant Johannes Reitmeier persönlich führt Regie und überzeugt mit seiner gelungenen Sichtweise auf Wagners zweites ‚kanonisiertes‘ Werk. Der Ausstattungsleiter des Pfalztheaters Kaiserslautern Thomas Dörfler zeichnet für das Bühnenbild, Antje Adamson für die Kostüme verantwortlich.

Die Ouvertüre ist voll im Gange, als sich der Vorhang öffnet und der Blick auf den projizierten Zuschauerraum des in Weiß-Gold-Rot ausgestatteten Tiroler Landestheaters fällt. Von der Decke regnet es rote Rosen auf einem Herrn im Smoking mit weißem Schal. Tannhäuser ist in dieser Inszenierung kein mittelalterlicher Minnesänger, sondern ein Opernsänger! Tenor, versteht sich. Doch der Ausbruch des ersten Weltkriegs, die Schließung des Opernhauses und die drohende Einberufung zwingen den Künstler in die Flucht. Asyl findet er im Venusberg, hier: das Sanatorium Monte Verità, jener Anfang des 20. Jahrhunderts bekannte Rückzugsort für Intellektuelle, Pazifisten, Anarchisten und Künstler im Schweizer Kanton Tessin, westlich von Ascona. Hier versucht man sich an alternativen Lebensentwürfen, frei von sozialen Zwängen und unterdrückenden Normen. Optisch am auffälligsten: Auf einen gewebeartigen, die ganze Bühne einnehmenden Stoff werden historische Bilder mit viel Nacktheit projiziert. Dahinter ist mitten in einer Gruppe von barfüßigen, blumenbekränzten und meditierenden Personen in langen weißen Gewändern Tannhäuser zu sehen, der seinen Kopf in den Schoß Venus’ gelegt hat. Sie ist die Anführerin dieser Bewegung.

Doch in der Aussteigerkolonie wird der ehemalige Opernsänger nicht glücklich. Tannhäuser kehrt in die Wartburggesellschaft zurück. Eine Gruppe von aggressiv-spießigen Deutschnationalisten im Burschenschaftler-Habit lassen im kriegszerstörten, dieses Mal real gespiegelten Zuschauerraum des Tiroler Landestheater mit Zunftzeichen und Pomp einschließlich Lüster die Vergangenheit hochleben. Dabei steht der Zustand des Theaters für den der Gesellschaft: Es wird eindrücklich gezeigt, wie Kunst im propagandistischen Nationalismus sinnentstellt, zweckentfremdet und instrumentalisiert wird. Der heroische, zeremonielle Sängerkampf – auf mehreren Ebenen ein antiquiertes Format.

Regisseur Reitmeier geht aber in seiner Inszenierung noch weiter und beleuchtet packend das Dreiecksverhältnis Wolfram-Elisabeth-Tannhäuser. Im Vorspiel des dritten Aktes wird, sinnfällig zum erklingenden Dresdner-Amen-Motiv, der Raum einer gotischen Kathedrale projiziert. Landgraf Hermann möchte die Hochzeit seiner Tochter mit Wolfram erzwingen. Doch die Stola des Kardinals war schon über die gereichten Hände gewickelt, als Elisabeth sich davon löst und lieber erhobenen Hauptes ins Kloster geht als gegen ihren Willen verheiratet zu werden. Sie liebt Tannhäuser, auch wenn er beim Sängerkrieg sie fast in aller Öffentlichkeit vergewaltigt hat.

Der neidvolle Wolfram hingegen ist hin und her gerissen zwischen Bewunderung und Verachtung. Eine überraschende wie geistreiche Idee der Inszenierung: Wolfram holt bei seinem großen Liebesgesang „O du, mein holder Abendstern“ jenes Notenblatt aus seiner Tasche, das er Tannhäuser bei der ersten Begegnung nach der Venusbergszene abgenommen hat. Seine schönste Musik ist geklaut, sie gehört seinem Rivalen Tannhäuser. Nur er ist als wirklicher Künstler in der Lage, Liebe so schön in Töne einzufangen – nicht ein strammer Deutschnationaler.

Auch die Frage, warum Tannhäuser in Rom vom Papst keine Absolution bekommen hat, findet in dieser Inszenierung eine sinnfällige Antwort: Der Pilgerchor ist ein Haufen verkrüppelter Kriegsrückkehrer, die für ihr Vaterland gekämpft haben. Sie sind die potenten Helden im nationalistischen Weltbild, sie werden erlöst. Tannhäuser hingegen, der einst vom Kriegsdienst geflohen ist und dem jedweder Nationalismus fremd ist, bleibt sie verweht. So wirkt das Schlussbild wie eine Utopie: Tannhäuser komponiert den letzten Chor der Oper „Heil, der Gnade Wunder Heil! Erlösung ward der Welt zuteil“ und übergibt es Wolfram. In seinen Armen stirbt er. Von der Decke fallen Notenblätter, Kopien des Autographs. Die Wiltener Sängerknaben nehmen sie und beginnen mit dem eindrücklichen Gesang, kurz darauf stimmt der noch im Burschenschafts-Ornat gekleidete Chor und Extrachor des Tiroler Landestheaters ein und führt die Oper zum kraftvollen Fortissimo-Schluss. Tannhäuser scheitert in beiden Welten, er erfährt Ausgrenzung und Ablehnung. Doch mit geradezu zwanghaftem Verhalten folgt er seiner Bestimmung: Erlösung und die Überwindung von Grenzen – durch Musik! Wäre es doch nur wahr!

Der italienische Dirigent Francesco Angelico am Pult des Tiroler Symphonieorchesters gestaltete an diesem Abend einen transparenten und bis ins kleinste Detail herausgearbeiteten Wagner-Klang. Wenngleich der Dirigent sich stellenweise, besonders auffällig in der Ouvertüre, zu langsamen, geradezu pathetischen Tempi hinreißen ließ, dankenswerterweise aber auf plakative Überwältigung verzichtete. Mit Abstand der beste Sänger war Bariton Armin Kolarczyk als Wolfram von Eschenbach. Bei dieser ausdrucksstark-bestechenden Stimme und diesem samtigem Timbre wundert man sich nicht, dass der Baden-Württembergische Kammersänger nächstes Jahr in den Meistersingern von Nürnberg (Inszenierung: Barrie Kosky) sein Bayreuth-Debut geben wird.

Es dürfte nur eine Frage der Zeit und eines Reifungsprozesses sein, bis Josefine Weber am Wagner-Olymp ankommen wird. Die jugendlich-dramatische Sopranistin gestaltete bei gut verständlicher Diktion einen kraftvoll leuchtenden Klang. Womöglich ist es dem Namen ihrer Partie geschuldet (Elisabeth), dass ihre Stimme allerdings bei hellen Vokalen einen leicht schneidenden Charakter bekommt. Mit noblem und sicherem Bass überzeugte als Landgraf Hermann bei allem unnötigen vorsichtigen Herantasten an hohe Töne Guido Jentjens.

Enttäuschend war leider Jeffrey Dowd als Tannhäuser, der für den verhinderten deutschen Tenor Daniel Kirch einsprang. Über seine wenig heldenhafte, herbstliche Stimme könnte man wohlwollend altersbedingt hinwegsehen, über seine extreme Textunsicherheit und das kaschierende, unverständliche Genuschel hingegen nicht. Auch die Venus des Abends, Jennifer Maines, blieb nicht länger in Erinnerung. Freundlicher und langanhaltender Applaus für eine durchdachte und sehr musikalische Künstlerdrama-Regie sowie für Armin Kolarczyk, Josefine Weber und Francesco Angelico.

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