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Opernkritik – Richard Wagner: Siegfried (Bayreuther Festspiele)

Premiere: 1.8.2017
Regie: Frank Castorf
Musikalische Leitung: Marek Janowski
Besuchte Vorstellung: 1.8.2017
Fotos: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Verehrte Besucher! Wir weisen Sie darauf hin, dass es im II. Aufzug zu einem lauten Bühneneffekt (Gewehrsalve) kommt. Entsprechende Schallmessungen ergaben, dass das Gehör der Besucher dadurch nicht gefährdet oder geschädigt wird.

Mit diesem Hinweis, abgedruckt auf den Besetzungszetteln, bereiten die Bayreuther Festspiele das Publikum auf Richard Wagners Siegfried vor. Denn Regisseur Frank Castorf findet in seiner Inszenierung für die wohl populärste Szene der germanischen Mythologie ein drastisches Mittel: Nicht mittels des Schwertes Nothung, sondern mit mehreren Schüssen einer trommelfellzerfetzenden und im I. Aufzug zu den Schmiedeliedern zusammengebauten Kalaschnikow tötet Siegfried den Drachen Fafner, bei Castorf ein zwielichtigen Playboy, der zuvor Dessous und Sexspielzeug für seine fünf leicht bekleideten Begleiterinnen erworben hat. Mag das Gehör vielleicht nicht geschädigt werden, einen Schock bekommt man vom ohrenbetäubenden Lärm allemal.

Der Hinweis auf dem Besetzungszettel kann allerdings auch über dem ganzen Abend stehen. Denn dieser Siegfried ist vor allem eins: laut! Stefan Vinke, zum dritten Mal in der Titelpartie von Richard Wagners gleichnamigem Musikdrama auf den Brettern des Festspielhauses zu erleben, hat eine unverwüstliche Stimme. Doch steigert sich der Power-Heldentenor im Laufe des Abends mittels einer fast schon als unkultiviert zu bezeichnenden Tongebung, überdehnten Spitzentönen sowie gestemmten und daher disintonierten Passagen ins Extreme und erreicht gefährlich die Grenze des gesanglich Schönen. Das passt freilich zu seinem rüpelhaft-prolligen Underdog-Look samt Goldkettchen, das Kostümbildnerin Adriana Braga Peretzki ihm verpasst.

Dass lyrische Momente nicht seine Stärken sind, hört man, wenn Catherine Foster als Brünnhilde nach mehrjährigem Verbannungsschlaf im III. Aufzug facettenreich und leicht ihr Heil dir, Sonne! Heil dir, Licht! anstimmt – schauspielerisch wie musikalisch der Höhepunkt der Vorstellung. Zusammen mit ihr wacht auch Marek Janowski auf, nach dreieinhalb Stunden Musik denkbar spät. Zwar sind auch im Siegfried zahlreiche Koordinationsprobleme zwischen Bühne und Graben auszumachen, doch führt er immerhin das Festspielorchester dank des ihn künstlerisch inspirierenden Zugpferds Catherine Foster in der letzten halben Stunde in einem versöhnlichen Schluss. An seine bereits in den beiden vorangegangenen Tetralogie-Teilen konstatierten holzbläserstarken und blechbläserarmen, immer undifferenziert laut tönenden Klangsuppe wird man sich allerdings gewöhnen müssen.

Für Nadine Weissmann als Erda, Thomas J. Mayer als Wanderer, Karl-Heinz Lehner als Fafner und Andreas Conrad als Mime, kommt die musikalische Steigerung am Ende des III. Aufzugs zu spät. Sie alle mussten zuvor gegen die Unberechenbarkeit von Janowskis extravaganter Tempogestaltung ankämpfen – und meisterten diese Herausforderung mit festspielwürdiger Bravour!

Neben Catherine Foster ist der Bühnenbildner Aleksandar Denić der Star des Abends. Seine monumentale Drehbühne wechselt zwischen einem gigantischen kommunistischen, allerdings noch im Bau befindlichen Mount Rushmore mit den Köpfen von Marx, Lenin, Stalin und Mao und dem Berliner Alexanderplatz der DDR mit S- und U-Bahnstation, Weltzeituhr, Leuchtreklame, Postamt und Schaufensterfronten. Regisseur Frank Castorf indes entdeckt die Nebenhandlung für sich und sorgt mit einer präzisen Personenregie für kurzlebigen Unterhaltungswert. An vorderster Front lenkt Regieassistent Patric Seibert als neu in diesen Ring des Nibelungen eingeführte, stumme Partie vom eigentlichen Geschehen ab. Zuerst als Bär von Siegfried hineingeführt, schmiert er sich selbst mit schwarzer Farbe an, avanciert zum ungleichen dritten Mitbewohner der skurrilen Siegfried-Mime-Wohnwagen-WG und fungiert als Blasebalg in der Schmiedeszene. Putzt er im II. Aufzug Lenin die Nase, um ihn später mit einem Holzhammer zu bearbeiten, taucht er im III. Aufzug als Stasi-spitzelnder Kellner auf, der Wotan und Erda immer mehr billigen Rotwein und ekelhafte Spaghetti serviert, den großen Reibach immer im Blick.

Zur Verlobung Siegfrieds mit Brünnhilde am Ende des Musikdramas tummeln sich schließlich nicht weniger als sieben Krokodile auf dem Alexanderplatz; das Ergebnis des seit 2013 kopulierenden Elternpaars. Castorf verarbeitet hier nebenbei bemerkt eine Kindheitserinnerung: Seine Eltern verboten ihm, draußen ohne Aufsicht zu spielen, da wilde Tiere dort lebten; ein pädagogischer Trick, um den kleinen Frank vor zusammenstürzenden Häusern im kriegszerstörten Ost-Berlin zu schützen. Das Waldvögelchen, das zuvor im ausladenden, farbenfroh-glitzernden Friedrichstadtpalast-Revue-Outfit mit Siegfried flirtete, reitet nun auf einem der Krokodile lustvoll umher, wird allerdings von einem anderen bis zur Hälfte verschlungen. Siegfried rettet sie heldenhaft und scheint nicht abgeneigt, es den Krokodilen nachzutun. Brünnhilde löst eifersüchtig die innige Umarmung, packt Siegfried kräftig am Arm und küsst ihn schnell zum Schlussakkord. Das Publikum lacht, der Vorhang fällt.

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