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Opernkritik – Richard Wagner: Götterdämmerung (Staatstheater Nürnberg)

Premiere: 11.10.2015
Regie: Georg Schmiedleitner
Musikalische Leitung: Marcus Bosch
Besuchte Vorstellung: 11.10.2015 (Premiere)
Fotos: Ludwig Olah

Diese Götterdämmerung am Staatstheater Nürnberg in der Inszenierung von Georg Schmiedleitner ist wohl an Aktualität und Tagespolitik nicht mehr zu überbieten. Richard Wagners Nornen irren orientierungslos über die Zuschauerreihen hinweg und suchen, Tonbänder abrollend statt Faden spinnend, den Bühnenaufgang. Die Schicksalsgöttinnen sollten mit ihrer antiquierten Technik keine Zukunft haben. Nachdem Siegfried seine Gemahlin Brünnhilde für neue Taten verlässt, ausstaffiert mit rotem Karohemd, Lederbuxe, Oktoberfest-Lebkuchenherz und Kuscheltier von Schießstand, wird der Blick frei auf die Halle der Gibichungen am Rhein. König Gunter und Halbbruder Hagen sitzen mafiös in einem mit Designermöbel ausgestatteten Luxusbüro, über ihren Köpfen schwebt ein riesiges G, das deutlich auf das Logo des Internetgiganten Google anspielt. Siegfried wird dort von dem Duo mit Hilfe einen Tranks, der seine Erinnerungen an Brünnhilde vernebelt, mit der Schwester des Königs Gutrune zusammengebracht, um machtwirtschaftliche Interessen realisieren zu können. Das Idealbild des knallharten kapitalistischen Ausbeutersystems wird mit der vorausgegangenen Rheinfahrt Siegfrieds noch verstärkt, begräbt eine Art von überdimensionierter Zugbrücke regungslos umherstehende tote Körper. Slogans in schwarzer Schrift auf der Haut verweisen auf die aktuelle Flüchtlingssituation. Der Rhein wird umgewidmet in das Mittelmeer, das zum Massengrab für unzählig viele Flüchtlinge wurde und immer noch wird.

Das Thema Flüchtlinge ist auch im zweiten Akt präsent. Hagen befiehlt den herbeigerufenen Gibichsmannen Tieropfer für die Götter zu schlachten, die Trinkhörner zu füllen und rüstig zu zechen, denn die Hochzeit ihres Königs mit der von Siegfried durch den Tarnhelm in Gestalt Gunters auf brutale Weise vergewaltigte Brünnhilde steht bevor. Doch während der Chor röhrend das Fest begrüßt, tragen in dieser Inszenierung Flüchtlinge ein Schlauchboot in die Mitte der Bühne, darin Müllsäcke mit der Aufschrift Syrien oder Irak. Die Männer verspotten sie, schlagen mit leeren Bierflaschen so lange auf sie ein, bis sie zu Boden gehen und die Last des Bootes sie begräbt. Minuten später beobachten sie durch Milchglasfenster, wie die zusammengeprügelte Brünnhilde den im schicken Frack gekleideten Gunter wie ein Lastesel auf einer Art Skateboard und unter tosendem Gegröle seiner Mannen auf die Bühne zieht. Und Regisseur Schmidleitner lotet noch weitere aktuelle Themen aus: Als Brünnhilde sich von dem verblendeten Siegfried abwendet und trotzig mit Gunter eine politische Liaison beginnt, um sich an Siegfried rächen zu können, werden Aluminiumkisten voll von Waffen hineingefahren. Im dritten Akt plantschen in quietschbunten modischen Leggings die sportlichen Rheintöchtern im kleinen Swimmingpool freudig umher und schütten sich literweise Wasser in den Mund. Die leeren Plastikflaschen verwandeln den Rhein in eine Müllhalde.

Flüchtlingskriese, Krieg, Waffenlieferungen, Ressourcenknappheit, Kapitalismuskritik, Frauenfeindlichkeit, Umweltverschmutzung, Spaßgesellschaft, Schlankheitswahn – all das mündet in einer ganz besonderen Götterdämmerung, denn nach dem Schlussmonolog Brünnhildes ist nicht ihr Tod am Scheiterhaufen zu sehen, geschweige denn die Flut des Rheines und die Zerstörung Walhalls mitsamt Göttern. Stattdessen richten die Rheintöchter auf der Vorderbühne Schreibtisch, Lampe, Laptop und Papier her und unterzeichnen mit Brünnhilde einen Vertrag, ehe ein BR-Team Brünnhilde über die Geschehnisse interviewt. Währenddessen twittern die Rheintöchter wie eine Art Internetaktivistengruppe. Auf einer Wall ist zu unter anderem zu lesen: Wie ein Vulkan erscheint uns Europa, an dessen Rändern ein Gebraus ertönt. Erste Followers kommentieren beispielsweise mit Brünni: Wow, Du bist eine starke Frau, oder fragen Wo bleibt die Anarchie?. Während den letzten Takten recken Männer und Frauen Smartphones in die Luft – lodernde Feuer sind zu sehen. Zeigen sie brenne Flüchtlingsheime oder doch eher das Dämmern des Kontinent Europas? Diese Götterdämmerung endet mit der Wunschutopie einer besseren Welt, erschaffen durch soziale Kommunikationsformen im digitalen Zeitalter.

Doch an diesem Sammelsurium aktueller Probleme liegt auch die Schwäche der Inszenierung, die so wirkt, als hätte nicht nur einmal Postillon, heute-Show und die Tagesschau Pate gestanden. Das Regiekonzept zerfranst in tausende Assoziationen, die miteinander wenig bis gar nichts zu tun haben und jeweils nur für wenige Minuten angedeutet werden. Es drängt sich geradezu der Verdacht auf, dass eine Art Checkliste mit aktuellen Problemen abgearbeitet werden musste. Zwar bieten die über vier Stunden Musik genügend Zeit, um unterschiedlichste Themen zu verhandeln und zu kommentieren, doch selbst für diese Vielzahl ist die Oper in dieser Form einfach nicht geeignet, gilt es ja bei allen Aktualisierungskonzepten das eigentliche Drama umzusetzen und einen roten Faden zu verfolgen.

Viele Abschnitte wirken daher sehr grobgeschnitzt und vor allem bei den Szenen zur Flüchtlingsproblematik ungewollt zynisch. Man könnte sogar so weit gehen, dass der es sich hierbei um nichts weniger als den Missbrauch der aktuellen Bilder und Schicksale handelt. Dass ausgerechnet der börsendotierte Konzern Twitter, der genauso kapitalistisch strukturiert ist und die Bürgerrechte in Sachen Datenschutz ebenfalls wie Google und Facebook mit Füßen tritt, die Rolle der heilbringende Plattform zufällt, ist besonders schwierig zu verstehen. Auch der gewissen Blauäugigkeit gegenüber modernen Kommunikationsformen darf man in Anbetracht der aktuellen Hetze in sozialen Medien durchaus kritisch eingestellt sein. Tradierte Symbole für Freiheit und friedliche Revolution wie beispielsweise der Regenbogenfahne für die LGBTIQ-Bewegung oder der weißen Rose hätten der Schlussszene einen allgemeineren Wunsch gegeben.

Vincent Wolfsteiner, die Nürnberger Alleswaffe in Sachen Heldentenor, sang den Siegfried. Akzeptiert man den Umstand, dass er alles heldenhafte der Rolle nimmt und als frecher unästhetischer Draufgänger die Hauptperson interpretiert, bleibt ein äußerst konditionsstarker Heldentenor, der auch mühelos ein strahlendes hohes C erreichen kann. Wirklich eine beeindruckende Theaterleistung. Die Entfesselung des Orchesters ab dem zweiten Akt nötigte vor allem Rachael Tovey als Brünnhilde zu explodierender Hochdramatik und großer Kraftanstrengung. Sie neigt in der Höhe auch ohne schreien zu einem schärferen Klang. Generalmusikdirektor Marcus Bosch und die zu neuen Taten aufgelegte Nürnberger Staatsphilharmonie musizieren im ersten Akt noch überzeugend. Doch dann wurde es vor allem eins: laut. Die Musiker ließen sich von dem leidenschaftlichen Dirigenten anstecken – wenn Wagner auf Überwältigung setzt, wurde es ohrenbetäubend laut. Hohe Unsicherheiten im Blech waren ebenfalls zu hören. Bei einer solchen Inszenierung einschließlich wankelmütigen Orchesters waren Woong-Jo Choi als Hagen, Antonio Yang als Alberich und Jochen Kupfer als Gunter sowie Ekaterina Godovanets als Gutrune und Roswitha Christina Müller als Waltraute im besten Sinne des Wortes bodenständig. Wagners letzter Teil der großen Tetralogie Der Ring des Nibelungen konnte in der Nürnberger Produktion leider nicht wirklich überzeugen.

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