Götterdämmerung-München-Foto-Wilfried-Hösl

Opernkritik – Richard Wagner: Götterdämmerung (Bayerische Staatsoper, München)

Premiere: 30.6.2012
Regie: Andreas Kriegenburg
Musikalische Leitung: Kirill Petrenko
Besuchte Vorstellung: 19.12.2015
Fotos: Wilfried Hösl

Reaktorunglück in Fukushima, Tsunami-Katastrophe, Euro-Krise, Edel-Boutiquen alla Maximilianstraße: Andreas Kriegenburgs sozialkritische, antikapitalistische und apokalyptische Deutung von Richard Wagners Götterdämmerung ist nun auch schon drei Jahre alt und trotz der zahlreichen tagespolitischen Bezüge nicht überholt. Im Oktober hat Japan den zweiten Atomreaktor in Sendai wieder in Betrieb gekommen, ungeachtet heftiger internationaler Kritik. Die Euro-Krise ist mit Blick auf Griechenland und andere europäische Länder noch lange nicht vom Tisch. Macht, Gier und Neid werden auch im kommenden Jahr die Natur Schritt für Schritt zerstören und die Entindividualisierung der Menschheit im Business-Outfit ungehemmt voranschreiten. Die Inszenierung von Kriegenburg ist sicherlich nicht der große Wagner-Wurf, dafür wurde im ersten Akt zu viel Pulver verschossen. Die wenigen neuen Ideen ab den zweiten Akt wirken trotz stimmiger Bilder eher banal und hilflos wiederholend als richtungsweisend neu. Doch die Grundaussage bleibt erschreckend aktuell. Im Dezember 2015 wurde die Produktion mit einem formidablen Sängerensemble, die beiden Hauptpartien ausgenommen, wiederaufgenommen.

Nach dieser Götterdämmerung versteht man, warum Hans-Peter König, Ensemblemitglied der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf, zu den gefragtesten Wagner-Bässen unserer Zeit gehört. Laut tönend, aber immer fest in sich ruhend und zielsicher verkörperte er glaubhaft den hasserfüllten und machthungrigen Hagen und präsentierte dem Publikum eine der gelungensten Gesangsstudien des Abends. Ebenfalls ausdrucksstark und mit schön ausbalanciertem Kavalier-Bariton sang Markus Eiche den bornierten, prahlerischen König der Gibichungen, Gunther. Anna Gabler überzeugte als Gutrune mit ihrem gehaltvollen Sopran. Gekonnt stolzierte die gebürtige Münchnerin wie eine Luxuszicke mit langer Schleppe in der Einkaufshalle der Gibichungen umher oder brachte sich auf einem Euroschaukelpferd perfekt in die von Kriegenburg geforderte Stellung. Auch Mezzosopranistin Michaela Schuster durfte sich für ihre Waltraute über kräftigen Beifall freuen. Als Rheintöchter waren Eri Nakamura, Angela Brower und Okka von der Damerau zu erleben. Zu Recht darf die Bayerische Staatsoper auf dieses exzellent besetzte Gesangstrio stolz sein, das punktgenau und synchron musizierte und einen homogenen Klang erzeugte. Auf dem Wagner-Olymp stehen sie unangefochten auf der Spitze.

Sängerisch problematisch bleibt allerdings das zentrale Paar des Abends. Hörbar quälte sich Petra Lang durch die schwierige Partie der Brünnhilde. Jeden einzelnen schrill-gequetscht wirkenden Spitzenton schliff sie von unten an und geriet gerade deswegen immer zu tief. In vokalisenartigen Linien und mit ausladendem Vibrato manövrierte sie sich eindimensional statt farblich nuanciert und differenziert durch die Klangwellen der Götterdämmerung und kämpfte mehrmals ums Überleben. In ihrem Schlussmonolog Fliegt heim, ihr Raben! sollte sie hoffnungslos untergehen. Petra Lang bleibt ein Wagner-Mezzo! Und einer der Besten auf der Welt, wie sie vergangenen Sommer in Bayreuth als Ortrud in Lohengrin (Inszenierung: Hans Neuenfels) abermals überzeugend zeigen konnte. Doch alle Technik und Willenskraft der Welt werden aus ihr keinen hochdramatischen Sopran machen. Man darf also gespannt sein, wenn sie nächstes Jahr bei den Bayreuther Festspielen ihr Rollendebüt als Isolde geben wird (Tristan und Isolde, Inszenierung: Katharina Wagner).

Konditionsstark und mit offenbar ermüdungsfreien Stimmreserven sang Lance Ryan den Siegfried. Trotz spürbarer Leidenschaft und Hingabe gab es auch bei ihm unüberhörbar stimmliche Probleme. Unsauber intonierte Töne, rhythmische Ungenauigkeiten und fehlende Spannungsbögen, gepaart mit einem sehr nasalen Stimmansatz, ergaben nicht gerade eine differenzierte Rolleninterpretation der männlichen Hauptfigur. Hingegen zeigte sich an diesem Abend das Bayerische Staatsorchester und der von Chordirektor Sören Eckhoff vortrefflich einstudierte Chor und Extrachor der Bayerischen Staatsoper unter der Leitung ihres Generalmusikdirektors in fabelhafter Verfassung. Es ist schier unglaublich, was Kirill Petrenko für einen atemberaubenden Detailreichtum und luxuriösen Klangrausch aus dem Orchestergraben des Nationaltheaters zauberte. Fein arbeitete er die Kontraste zwischen innigen lyrischen Momenten, packend ausdrucksstarken Szenen und extatischen Passagen aus. Wenn Petrenko Wagner dirigiert, ist Suchtpotenzial vorhanden! Mit Standing Ovations für ihn endete dieser Opernabend.

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