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Opernkritik – Richard Wagner: Die Walküre (Sächsische Staatsoper, Dresden)

Premiere: 11.11.2001
Regie: Willy Decker
Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Besuchte Vorstellung: 28.2.2016
Koproduktion mit dem Teatro Real, Madrid (Spanien)
Fotos: Frank Höhler

Christian Thielemann gilt als einer der bedeutendsten Wagnerinterpreten der aktuellen Zeit. Nach einer Vorstellung im November 2011 an der Wiener Staatsoper (Inszenierung: Sven-Eric Bechtolf) dirigierte er nun erstmals in Dresden drei Vorstellungen von Wagners Die Walküre. Mit viel Sensibilität arbeitete er farbenreich und nuanciert mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden die Leitmotive heraus. Schwelgerisch-innige Solocelli im ersten Akt, Posaunen in herrschaftlicher Diktion, prägnante Basstrompete – bei Thielemann erzählen die Instrumente in einem Spannungsbogen, der in keinem Moment abzureißen droht. Doch die vielen hörbar gestalteten Details zeigen auch, dass Thielemann offenbar viel öfter in Bayreuth Kirill Petrenko beim Arbeiten zuhörte als er wahrscheinlich selbst zugeben möchte.

Kapellmeister Thielemann spannt durch durchdachte Tempoproportionen die großen Wagnerbögen. Doch geht er in dieser Walküre an die Grenzen des Möglichen. Ob Tempi, Dynamik, Rhythmik – alles steht im Dienste eines kontrastierenden Klangrauschs. Magische Momente, denen man sich kaum entziehen kann. Ein solches an die Grenzen gehende Dirigat fordert nicht nur die Musiker, sondern vor allem auch die Sänger heraus. Auch wenn Thielemann das Orchester immer wieder zurück nimmt, um für die Sänger ein Podest zu zimmern, werden sie zu Höchstleistung angehalten.

Das erstaunliche Sängerensemble führt unangefochten Nina Stemme in der Rolle der Brünnhilde an. Mühelos schafft es die schwedische Sängerin, ihre dramatische, jugendlich-leuchtende Sopranstimme innerhalb von nur wenigen Taktschlägen vom innigstem piano zu einem gewaltigen fortissimo zu führen. Ein solches Gegenüberstellen von Extremen, das eingangs beschrieben auch im Dirigat von Thielemann zu finden ist, ist freilich effektvoll und brennt sich bleibend in das musikalische Gedächtnis ein. Doch nicht nur deswegen zählt Nina Stemme zu den bedeutendsten Sängerinnen im hochdramatischen Wagnerolymp. Keine gequälten Spitzentöne, keine unschönen Registerbrüche sind in ihrem Gesang zu finden. Stattdessen sind bei aller Wagner’schen Dramatik Leichtigkeit, Klangschönheit und Textverständlichkeit Ergebnis einer differenzierten und durchdachten Gestaltung.

Anders die zweite Dame des Abends Petra Lang, die auch gerne ganz oben im Wagnerolymp wäre. Sie hat in mehreren Vorstellungen an der Bayerischen Staatsoper im Dezember vergangenen Jahres gezeigt, wie man eine Walküren- und Götterdämmerungs-Brünnhilde auch singen kann, aber nicht singen soll. Auch ihre Sieglinde in Dresden ist mit erheblichen Mühen verbunden. Zwar ist ihre Intonation deutlich präziser als in den Münchner Vorstellungen, doch bleibt auch in Dresden ihr Gesang eine einfarbige, mitunter schrille und wenig abwechslungsreiche Vokalise. Christopher Ventris, der für den erkrankten Johan Botha einsprang, setzt in seiner Interpretation des Siegmund leuchtend-lyrische Akzente, wenngleich er sich am Ende des ersten Aktes ein wenig Ruhe verschreiben musste.

Die Sächsische Staatsoper darf sich glücklich schätzen, mit Markus Marquardt einen Wotan mit Noblesse im Ensemble zu haben, der selbst in der freien Künstlerwildbahn selten zu finden ist. Mit expansionsfreudigem Stimmvolumen, sehr durchdachter Wort-Ton-Gestaltung und erstaunlich langen Phrasierungsbögen gelingt dem Bassbariton eines der gelungensten Rollenporträts des Abends. Zusammen mit Thielemann zaubert Marquardt in Wotans großem Abschiedsmonolog Leb`wohl, du kühnes, herrliches Kind! am Ende der Oper Gänsehautstimmung. Die Semperoper ist auch die künstlerische Heimat von Georg Zeppenfeld. Hunding ist in der Inszenierung kein aggressiv-polternder Wilder, sondern durch und durch ein Gentleman. Und auch Zeppenfeld lässt mit samtig-klangschönem und farbenreichen Bass sowie eleganten Gesangsbögen Wagners Bösewicht fast schon sympathisch werden.

Auch Christa Mayer als rechtschaffend-nörgelnde Ehefrau Fricka im schwarzen Witwenkostüm gibt sich mit einer unglaublichen Bühnenpräsenz die Ehre. Bleiben noch die übrigen acht Hosen und Militärmäntel tragenden Walküren mit unterschiedlichen Rothaar-Frisuren. Die Hojotoho-Rufe sind bei manchen Sängerinnen etwas überambitioniert und geraten deshalb zu schrill in der Tongebung. Sicherlich tat auch das für den Zuschauer planlose Umherirren durch rotgepolsterte Stuhlreihen seinen Teil, dass diese Szene musikalisch abfällt und mit dem Niveau der restlichen Aufführung nicht mithalten kann.

Damit ist auch schon ein Element von Willy Deckers Theater-auf-dem-Theater-Inszenierung benannt, die er vor 15 Jahren zusammen mit seinem Bühnenbildner Wolfgang Gussmann und der Kostümbildnerin Frauke Schernau auf die Bühne der Semperoper brachte. Wotan agiert in dieser Deutung als Regisseur, zieht den Vorhang auf, bringt die Figuren zusammen, greift wenn nötig in das Bühnengeschehen ein und hantiert mit weißen Bühnenbildmodellen. Besonders das Bühnenbildmodell zum ersten Akt (ein eschenfurniertes Zimmer mit einer Säule, in ihr steckt das Schwert Nothung) taucht immer wieder auch in den anderen beiden Akten auf. Wenn sich am Ende Brünnhilde nicht im Feuerkreis, sondern auf dem aufgehenden Mond zu langem Schlafe betten muss, wird die Idee des Wagner’schen Welttheaters erstmals sichtbar. Leider ist von der Premiere wenig bis überhaupt keine Personenregie übriggeblieben. Eine bessere Einstudierung wäre wünschenswert gewesen, denn auch wenn diese Inszenierung im Spiegel der aktuellen Geschehnisse verstaubt wirken mag, sind die Bilder auf der Bühne durchaus wirkungsvoll.

Am Ende stehen ein glücklicher Thielemann und ein nicht weniger strahlendes Sängerensemble auf der Bühne und werden mit frenetischem Beifall aus dem Dresdener Publikum für diese – wenn auch mit einigen Abstrichen für die szenische Einrichtung – außergewöhnliche Walküre gefeiert.

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