Wagner_Das_Liebesverbot_Foto_Kirsten_Nijhof

Opernkritik – Richard Wagner: Das Liebesverbot (Oper Leipzig)

Premiere: 29.9.2013
Regie: Aron Stiehl
Musikalische Leitung: Robin Engelen
Besuchte Vorstellung: 20.5.2016
Kooperation mit den Bayreuther Festspielen (BF Medien GmbH)
Fotos: Kirsten Nijhof

Es sind stressige Zeiten für reisefreudige Wagnerianer: Allein in Deutschland werden zum diesjährigen Spielzeitfinale acht komplette Zyklen von Richard Wagners Tetralogie Der Ring des Nibelungen dem geneigten Opernbesucher offeriert. Das Nationaltheater Mannheim (Inszenierung: Achim Freyer), die Staatsoper Unter den Linden Berlin (Inszenierung: Guy Cassiers), die Oper Frankfurt (Inszenierung: Vera Nemirova – sie zeichnet sich auch im Rahmen der kommenden Salzburger Osterfestspiele für die Re-Kreation der Walküre aus dem Jahr 1967 verantwortlich) und die Oper Leipzig (Inszenierung: Rosamund Gilmore) buhlen um die Gunst der Zuschauer. Zusammen mit den drei Ring-Zyklen bei den Bayreuther Festspielen im Juli und August (Inszenierung: Frank Castorf) sowie die zahlreichen hier nicht aufgeführten Vorstellungen der anderen sechs „kanonisierten“ Bühnenwerke des Musikdramatikers komplementieren sie den deutschen Reigen zum sommerlichen Wagnerparadies.

Doch fernab vom Mainstream lockte die Oper Leipzig mit einem Zyklus der besonderen Art in die Geburtsstadt des Komponisten. Alle drei Frühwerke – Das Liebesverbot, Die Feen und Rienzi – standen im Rahmen der Richard-Wagner-Tage 2016 vom 20. bis 22. Mai auf dem Spielplan. Für Wagnerianer ein Pflichtbesuch, für alle Opernfreunde mindestens von musikhistorischem Interesse. Und vielleicht sogar mehr: Denn schließlich ist auch ein Meister nicht vom Himmel gefallen. Wagner hat in seinen Lehr- und Gesellenjahren die verschiedensten musikalischen Strömungen studiert, adaptiert und daraus seine musikästhetischen Konzepte entwickelt. Grundlegende Topoi seiner späteren Bühnenwerke, vom Fliegenden Holländer bis hin zum Parsifal, sind bereits in seiner ersten vollendeten Oper Die Feen zu finden. Aber auch musikalische Bezüge sind zu benennen: Beispielsweise verwendet Wagner für das „Salve Regina“ in der Klosterszene vom Liebesverbot erstmalig das sogenannte Dresdner-Amen, jenes Motiv, das im III. Aufzug des Tannhäuser wiederkehrt und im Parsifal zum stückprägenden Gralsmotiv umgestaltet wird.

Ob sich der Meister indes über dieses Geschenk zu seinem 203. Geburtstags freuen könnte, darf bezweifelt werden. Immerhin bezeichnete er selbst seine drei Frühwerke despektierlich als Jugendsünden und wirkte maßgeblich an der ahistorischen und dekontextualisierten Rezeption seiner Werke mit. Auch Ehefrau Cosima und Sohn Siegfried Wagner empfanden die Trias nicht bayreuthwürdig. Viele internationale Wagnerianer ließen sich freilich nicht von dieser Geringschätzung und dem faktisch geltenden Aufführungsverbot am Grünen Hügel beirren: Sie pilgerten nach Leipzig, um an dem weltweit einzigartigen Event teilzunehmen. Ob es nun der Vervollständigung ihres Wagner-Oeuvres galt oder aber dem aufrichtigen Interesse, bleibt freilich offen.

Den Auftakt zum Wochenende machte Wagners zweite Oper Das Liebesverbot oder die Novize von Palermo, Große Komische Oper in zwei Akten, frei nach der Komödie Measure for Measure von William Shakespeare. Am 29. März 1836 unter desaströsen Umständen am Stadttheater Magdeburg uraufgeführt, sollte sich für sie erst 1923 im Nationaltheater München zum zweiten Mal überhaupt der Theatervorhang heben.

Inhaltlich entwarf Wagner einen Dualismus zwischen sinnlicher Lust und asketischen Geist -sizilianische temperamentvolle Lebens- und Liebesfreude gegen biedere Sittenstränge: Friedrich, des deutschen Königs Statthalter in Palermo, verbietet bei Todesstrafe die lasterhafte Freizügigkeit. Besonders der Karneval ist ihm ein Dorn im Auge. Unglücklicherweise verliebt er sich in die Novize Isabella, bricht sein eigenes Gesetz und wird schlussendlich vom revolutionierenden und feiernden Volk begnadigt. Ein Bekenntniswerk zur Liebe jenseits aller gesellschaftlichen, kirchlichen und staatlichen Regeln und Verbote, das freilich nur im lustigen Genre verhandelt und akzeptiert werden konnte.

Für die Leipziger Produktion, die 2013 zum Wagner-Jubiläum in Bayreuth Premiere feierte, setzte Regisseur Aron Stiehl zusammen mit dem Bühnenbildner Jürgen Kirner auf riesige Stellwände, die sekundenschnell die drei Sphären des Liebesverbot aufzeigen können. Links ein wuchernder, tropischer Urwald für die Welt der Triebe, in dem der Chor in Steinzeitfetzen und Hippieschick swingerclubähnlich der Lust des Karnevals frönt (Kostüme: Sven Bindseil), rechts ein Lichtkasten mit weiß-leuchtendem Kreuz für die lasterbefreite Klostersphäre der Isabella. Der Raum dazwischen gehört dem Ordnungsfanatiker Friedrich im klerikalen Gehrock des 19. Jahrhundert, umgeben von riesigen nummerierten Schubkästen und schwerem Biedermeierschreibtisch. Aron Stiehl setzt derweil auf eine heiter-freche und temporeiche Personenregie, die nur manchmal wenig innovativ erscheint.

Trotzdem wollten herzhafte Lacher und großes Amüsement leider so gar nicht aufkommen. Es lag weniger an der bilderreichen wie kurzweiligen Inszenierung als vielmehr an dem Dirigenten des Abends, Robin Engelen, erster Kapellmeister und Stellvertreter des Chefdirigenten in Leipzig. Musikalisch zeigt sich der 23 jährige Wagner eigentlich auf der Höhe seiner Zeit. Anders als in den Feen wendet er sich der italienisch-französischen Operntradition zu. Glaubt man dem Komponisten selbst, war eine Aufführung von Vincenzo Bellinis I Capuleti e i Montecchi 1834 in Leipzig ausschlaggebendes Moment für die Komposition des Liebesverbots. Als Vorbilder für einzelne Szenen sind neben den italienischen Komponisten Gaetano Donizetti (Friedrichs Arie Ja, glühend wie des Südens) und Gioacchino Rossini (Semiramide für das Duett Isabella – Mariana) auch die französischen Kollegen Daniel François Esprit Auber (La Muette de Portici für die Karnevalsszene) und Ferdinand Hérold (Zampa für die Ouvertüre) zu nennen. Des Weiteren sind die Parallelen zwischen dem Auftritt Isabellas Erst noch mich – Ich bin deine Schwester und Leonores Arie Töt` erst sein Weib! aus Ludwig van Beethovens Fidelio offensichtlich. Selbst Wolfgang Amadeus Mozarts Le nozze di Figaro grüßt sowohl im ersten als auch im zweiten Finale freundlich aus der Wagner-Musik heraus.

Und was macht Robin Engelen aus dieser gelungenen wie spannenden Synthese verschiedener Stile, die in den ersten Jahrzehnen des 19. Jahrhunderts parallel existierten? Anstatt das Werk aus dem Geiste des italienischen und französischen Stils zu interpretieren, ließ er das Gewandhausorchester Leipzig nicht nur bei der staccato-spritzigen und rhythmisch verspielten Ouvertüre viel zu schwerfällig und ohne rhythmisch-spielerischen Schwung musizieren. Unweigerlich kam einem im Laufe der Aufführung das Bild eines adipös gewordenen Bellini in den Sinn; Temposchwankungen sowohl innerhalb des Orchesters als auch auf der Bühne und ein sängerunfreundlicher, zäher, lauter Klang, der obendrein noch mit einigen sicherlich vermeidbaren Patzern garniert wurde.

Der junge Wagner hat es mit seinen ambitioniert gestalteten Partien den Protagonisten auf der Bühne eh schon schwer genug gemacht. Der finnische Bassbariton Tuomas Pursio gestaltete trotzdem überzeugend die Zerrissenheit des bigotten, therapiebedürftigen Friedrich. Anders Lydia Easley: Voller Hingabe und interpretierte sie die Isabella in einem durchdachten Rollenporträt. Doch vor allem in ihrer angeschlagenen Mittellage hatte die Sopranistin Mühen, dem hinwegfegenden bläserschweren Klang etwas entgegenzusetzen. Das schauspielerische Geschick von Magdalena Hinterdobler hingegen, die als Dorabella eine Art Personifikation der lebensbejahenden Lust auf die Bühne brachte, stach in besonderer Weise, wenn auch sängerisch diskussionswürdig, aus dem grundsoliden Ensembles heraus. Auch wenn musikalisch Abstriche gemacht werden mussten, bricht das Leipziger Liebesverbot eine Lanze für Wagners zweite „Jugendsünde“. Der Applaus im Publikum ließ daran keinen Zweifel.

Schreibe einen Kommentar

Zur Werkzeugleiste springen