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Opernkritik – Richard Strauss: Elektra (Teatro Comunale, Bologna)

Premiere: 15.11.2015
Regie: Guy Joostend
Musikalische Leitung: Lothar Zagrosek
Besuchte Vorstellung: 17.11.2015
Koproduktion mit dem Théâtre de La Monnaie / De Munt, Brüssel (Belgien) und dem Gran Teatre del Liceu, Barcelona (Spanien)
Fotos: Rocco Casaluci, Renato Morselli

Die bombastisch-dröhnende Anfangsfanfahre zu Richard Strauss’ Elektra dauert nur wenige Sekunden. Doch als diese mit aller Wucht und Intensität aus dem voll besetzen Orchestergraben des Teatro Comunale in Bologna zum ersten Vorhang der Oper herausgeschleudert wurde, war bereits klar: Das wird ein außergewöhnlicher Abend. 46 Jahre lang fehlte dieses 1909 uraufgeführte Schlüsselwerk der musikalischen Moderne auf der Bühne des geschichtsträchtigen Opernhauses. Hugo von Hofmannsthal benutze als Grundlage für das Opernlibretto das gleichnamige Drama des antiken griechischen Tragödiendichter Sophokles. Doch anders als in der Vorlag setzt er den Schwerpunkt auf die seelischen Vorgänge der Hauptpersonen, ganz im Sinne der freudschen Psychoanalyse und der Ästhetik des Fin de Siècle. Eine Parabel voll von Obsessionen, perversen Rachewünschen, Blut und hasserfüllten Familienbeziehungen.

Zur Vorgeschichte: König Agamemnon, Herrscher von Mykene, wurde nach dem Trojanischen Krieg von seiner Frau Klytämnestra und ihrem Geliebten Aegisth heimtückisch ermordet. Die Tochter des getöteten Königs Elektra akzeptiert die neue Herrschaft nicht. Immer wieder durchleidet sie in Halluzinationen den Mord an ihrem Vater von neuem und schwört fürchterliche Rache gegen ihre Mutter und Aegisth. Sie hat ihren jungen Bruder Orest, den sie in jener Mordnacht aus dem Palast geschaffen hat, als Rächer bestimmt. Doch dieser ist untergetaucht. Elektra wartet unentwegt auf die Rückkehr ihres Bruders und den langersehnten Tag der Vergeltung. Täglich gedenkt sie ihres Vaters Agamemnon zu seiner Sterbestunde in aller Öffentlichkeit.

Doch die alte Pracht des Palastes ist in dieser Inszenierung nicht mehr zu erkennen. In einer zerfallenen, finsteren Ruine mit zugemauerten Fenstern patrouillieren in schwarzen Uniformen die Mägde der Königin Klytämnestra sowie weitere Bedienstete, alle ausgestattet mit kugelsicheren Westen, Schlagknüppel, Pistolen und Kalaschnikow. Der heruntergekommene Königshof von Mykene ist zu einem Hochsicherheitstrakt geworden, den der Regisseur Guy Joosten zusammen mit seinem Kostüm- und Bühnenbildner Patrick Kinmonth als Sinnbild staatlicher Terrorregime deutet. Ob es nun das Mykene der griechischen Antike, das Deutschland des Nationalsozialismus oder das Syrien der Jetztzeit ist – eine mit Hilfe des Militärs durchgesetzte Unterdrückung missachtet Menschenrechte, verursacht Leid, verschlingt Unmengen von Geld und reglementiert kulturelles Leben, steht dieses doch für Wohlstand und insbesondre für Meinungsfreiheit.

In diesem Seelengefängnis haust wie ein wildes Tier Elektra. Ihre Psyche ist durch die Unterdrückung und die täglich ausgesprochenen, blutrünstigen Rachegedanken vollkommen zerstört, einzig der Wunsch nach Vergeltung hält sie am Leben. Sie nächtigt auf einer abgetakelten Schlafcouch vor einem bordeauxfarben Vorhang. Ihre wenigen persönlichen Gegenstände (Buch, Spiegel und die Todeswaffe des Vaters, eine Axt) verwahrt sie in einem Koffer. Doch Herrscherin Klytämnestra kann ihr aufgebautes Terrorsystem schon lange nicht mehr koordinieren und kontrollieren. Täglich wird die Königin von Albträumen und Schuldgefühlen heimgesucht und steht wie ihre Tochter ebenfalls kurz vor dem Wahnsinn. Krankenschwestern verabreichen ihr Unmengen von Psychopharmaka und Drogen und setzen sie so außer Gefecht. Die Aufseher haben ist zusammen mit den Mägden schon vor längerer Zeit die Macht über das despotische System übernommen und können dadurch, in Anlehnung an das sog. Stanford-Prison-Experiment aus dem Jahre 1971, ihre perversen und menschenverachtende Demütigungsfantasien in aller Anonymität ungehemmt ausleben.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass Chrysothemis, dramaturgisches Gegengewicht zu ihren Geschwistern Elektra und Orest, aus diesem höllischen Gefängnis ausbrechen und die grässliche Vergangenheit hinter sich lassen möchte. Doch ihr Wunsch nach einem normalen Leben mit Mann und Kindern soll ihr nicht vergönnt sein. Am Ende der Oper stürmt der langersehnte Orest den Palast, tötet seine Mutter Klytämnestra und ihren Geliebten Aegisth und richtet ein Blutbad an. Elektras einziges Lebensziel ist erfüllt, ihr Vater Agamemnon ist gerächt. Als Symbol dafür verbrennt sie ihre wenigen persönlichen Sachen und geht ab. Anschließend wird das zentrale Bühnenelement nach oben gefahren und eine neoklassische Architektur aus weißem Marmor kommt zum Vorschein – und auch die Folgen des Palastgemetzels.  Überall zerrissene, leblos aufeinandergestapelte, blutverschmierte Körper, unter ihnen auch Chrysothemis. Orest als einziger Überlebender hält wie eine pervertierte Pietà-Darstellung die tote Elektra in den Armen und gibt ihr einen letzten Kuss, ehe sich der Vorhang schließt.

Diese Produktion ist wirklich nichts für schwache Nerven. Regisseur Guy Joosten verfolgt mit ausdrucksstarken Bildern und minuziös geplanter Personenregie die persönlichen und gesellschaftlichen Folgen von bedingungslosem Machterhalt eines despotischen Terrorregimes, das sich jedoch nicht auf eine Einzelperson runterbrechen lässt. Vielmehr bildet ein anonym-agierendes Unterdrückerkollektiv ohne Wertevorstellungen das verbrecherische System. Mit einem Nervenkitzel von dem ersten bis zum letzten Ton wurde das Seelendrama um Elektra bis in die Nebenrollen psychologisch schonungslos aufgearbeitet. Beispielsweise fällt der fünften Magd eine bemerkenswerte und weitreichende dramaturgische Rolle zu, ist sie die einzige Person, die sich nach dem Libretto mit Elektra solidarisiert und deshalb von ihren Kolleginnen gedemütigt und erniedrigt wird. Sie ist die Person, die die Handgreiflichkeiten zwischen Elektra und Klytämnestra zulässt, ist doch Elektra klar die stärkere von beiden. Sie ist es, die im anschließenden Überleitungsteil den Korken knallen lässt und mit Elektra ein Glas Champagner trinkt. Sie ist es, die den Palast absperrt, damit niemand der modernden Hand Orests entweichen kann. Sie ist es, die als Zeichen ihrer Verbundenheit Elektra zum Abschied herzlich umarmt, ehe sie flieht. Es sind solche von der ersten Szene an exponierte und konsequent weiterentwickelte Gedanken,  die diesen Abend zu einem spannenden, schweißtreibenden Psychothriller werden lassen. Diese Produktion hat es verdient, in die Liste der besten Inszenierungen aufgenommen zu werden.

Die hochdramatische Sopranistin Elizabeth Blancke-Biggs zog als Elektra effektvoll alle Register ihrer rauchig-dunklen Stimme. Es ist wirklich atemberaubend, mit welcher Intensität sie jede einzelne Passage dieser Mordspartie sowohl gesanglich als auch schauspielerisch gestaltete und ausdifferenzierte. Besonders ihr kraftvoll ausgebildetes tiefes Register, ihre klare Artikulation und ihre problemlos zu erreichende Höhe trotz szenischer Höchstbeanspruchung unterscheidet sie von vielen ihrer Kolleginnen. Die Rolle der Chrysothemis als dramaturgischer Kontrapunkt zu ihrer Schwester Elektra wurde auch gesanglich durch die Interpretation der italienischen Sopranistin Sabina von Walther besonders deutlich. Mit heller, klarer und selbstbewusster Stimme besitzt sie sowohl die lyrische Qualität als auch die geforderte dramatische Fähigkeit, um die oft als sehr unterwürfig gedeutete Schwester die wünschenswerte Komplexität zu geben. Mezzosopranistin Natascha Petrinsky ist als Klytämnestra ebenfalls erstaunliches gelungen. Sie ist nicht eine hysterisch-rumbrüllende Mutter, sondern schilderte ausdrucksstark und mit wohlgewählter Diktion die Vielschichtigkeit der von Alpträumen und Schuldgefühlen heimgesuchten aber insgeheim entmachteten Schreckensdespotin. Ihre umwerfende Bühnenpräsenz gibt ihrer Rolleninterpretation den perfekten letzten Schliff. Bei drei solch exzellent besetzten femininen Hauptpersonen haben es die Sänger der von Strauss viel kleiner angelegten Männerpartien wahrlich schwer. Bariton Thomas Hall sang stimmschön-packend und mit psychischer Anspannung den Orest. Die Partie des Aegisth hingegen wurde als Karikatur eines plumpen arroganten Militärfunktionärs in Anlehnung an die Gemälde von George Grosz interpretiert, der bewusst unheldisch von Jan Vacik gesungen wurde.

An diesem Abend konnte das Orchestra del Teatro Comunale di Bologna unter der Leitung von Lothar Zagrosek alle Klangwünsche ohne Abstriche erfüllen. Die Partitur zu Elektra, davon berichtet Strauss selbst in Betrachtungen und Erinnerungen, geht an die Grenze der Harmonik und die Aufnahmefähigkeit der damaligen Ohren. Die Musik brach in brutaler Weise mit der Ästhetik der Romantik, ist sie nochmals um einiges härter, derber und dissonanter als die der Salome. Das Orchester wird zu einem musikalischen Monstrum und gibt durch gewaltige Schreckensakkorde und bitonalen Kämpfen aber auch durch die lyrischen Chrysothemis-Passagen und dem ätherischen Klytämnestra-Monolog packend und in aller schonungslosen Drastik einen Einblick in die Komplexität der menschlichen Psyche. Dieser Opernabend war im wörtlichen Sinne atemberaubend!

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