Opernkritik – Riccardo Broschi: Merope (Innsbrucker Festwochen der Alten Musik)

Premiere: 7.8.2019
Regie: Sigrid T‘Hooft
Musikalische Leitung: Alessandro de Marchi
Besuchte Vorstellung: 7.8.2019
Foto: Innsbrucker Festwochen / Rupert Larl

Mit der Ausgrabung der knapp 300 Jahre alten Opera seria Merope haben die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik und ihr künstlerischer Leiter Alessandro De Marchi einen sensationellen Erfolg eingefahren; dank eines spektakulären Sängerensembles und musikalisch wie szenisch historisch Informiertem im Blockbuster-Format. Die Handlung dieses Dramma per musica wartet mit allen typischen Eigenschaften der Barockoper auf, einschließlich des verpflichtenden Happy Ends, des lieto fine.

Zehn Jahre, nachdem der grausame Polifonte Meropes Mann Cresfonte und zwei ihrer Kinder von dem Auftragsmörder Amassandro hatte ermorden lassen, soll die immer noch trauernde Witwe den Thronräuber aus Legitimationsgründen auch noch ehelichen. Nach etlichen Verwechslungen, Verstellungen und Missverständnissen ordnet ausgerechnet noch Merope die Ermordung ihres tot geglaubten Sohn Epitide an, der unter falschen Namen am Königshof auftaucht und den sie für den Tod ihres Sohnes verantwortlich macht. Doch kurz bevor die eilig von Polifonte zum Tode verurteilte Merope eigentlich sterben soll, tritt Epitide quicklebendig auf, beitritt den Thron, umarmt die Mutter, vergibt den um Vergebung flehenden Usurpator und nimmt Prinzessin Argia zur Frau.

Das 1711 von Apostolo Zeno geschriebene Libretto vertonte erstmals Francesco Gasparini für Venedig, ihm folgten Komponisten wie Antonio Vivaldi, Niccolò Jommelli, Florian Leopold Gassmann und Tommaso Traetta. Auch ein gewisser um 1698 im Königreich Neapel geborener Riccardo Broschi sollte 1732 auf dem Höhepunkt seines Schaffens für Turin das Libretto vertonen. Nicht weiter erwähnenswert, könnte man meinen; immerhin gibt es zahllose für den täglichen Theatergebrauch komponierte Opern. Doch ein zentraler Aspekt macht diese, wie auch alle anderen Kompositionen aus der Feder des allerdings sich nicht dauerhaft durchsetzenden Komponisten interessant: Riccardo hat die Rolle von Meropes Sohn Epitide seinem Bruder Carlo auf die Kehle geschrieben, der unter dem Künstlernamen Farinelli zum bekanntesten Kastraten der Barockzeit avancierte.

Ob nun die verwehrte Kanonisierung Broschis gerechtfertigt bzw. der mit dieser Ausgrabung von Alessandro De Marchi intendierte Gegenbeweis geglückt ist, muss an anderer Stelle geklärt werden. Jedenfalls gehören die für Bruder Farinelli komponierten Arien „Chi non sente al mio dolore“ aus dem 1. Akt und „Se pensare potessi“ aus dem 2. Akt unbestritten zu den Höhepunkten der im Großen und Ganzen ansprechenden Oper. Erstere hat auch schon Cecilia Bartoli in Konzerten gegeben, Simone Kermes sogar auf ihrer CD Colori d’Amore veröffentlicht. Es versteht sich von selbst, dass Countertenor David Hasen, der offenbar De Marchi auf die Partitur aufmerksam machte, vor einer kaum zu bewältigenden Aufgabe steht: Höher, tiefer, länger und virtuoser als viele andere Kastraten konnte Farinelli singen und fand in seinem komponierenden Bruder denjenigen, der sein vokale Können optimal zu nutzen wusste. Das macht Hasen hörbar Arbeit – und trotzdem muss man anerkennend für diese Leistung dem Hut ziehen. Farinelli nachzumachen ist einfach ein Ding der Unmöglichkeit.

Ausgerechnet Filippo Mineccia als attraktiver, virtuos farbenreich singender Auftragsmörder und Gegenspieler Anassandro als auch Hagen Matzeit als Botschafter Licisco stehlen dem primo castrato die Show. Großartig ist Anna Bonitatibus als sehr subtile, fein singende, geradezu introvertierte Merope, ebenso Vivica Genaux als kräftig auftrumpfender Ratsvorsitzender Trasimede. Der Super-GAU für eine seit knapp 300 Jahren nicht mehr aufgeführte Oper ist natürlich der Ausfall eines Sängers. So hatten die Festwochen enorme Schwierigkeiten, einen Ersatz für den kurzfristig erkrankten Jeffrey Francis zu bekommen. Carlo Allemano, Festwochenurgestein, hat sich dankenswerterweise bereiterklärt, innerhalb von wenigen Tagen die Partie einzustudieren und aus dem Orchestergraben zu singen, während Schauspieler Daniele Berardi den Polifonte etwas hilflos auf der Bühne verkörpert.

Das neu gegründete Innsbrucker Festwochenorchester gibt unter der Leitung von Alessandro De Marchi einen anfänglich etwas zaghaften, spätestens aber mit dem ersten Finale immer kraftvolleren und abwechslungsreicheren Einstand. Man kann De Marchi vorwerfen, allzu subtil an die Partitur herangegangen zu sein. Auf der anderen Seite ist er ein Barockspezialist, der beim aktuell vorherrschenden Trend nicht mitmacht, in einem wahlweise extrem gedehnten, kaum hörbaren Pianissimo oder in einem überhetzen, rein auf virtuose aber inhaltslose Wirkung setzenden Prestissimo durch die Partitur zu fegen, wie es beispielsweide ein von allen bejubelter Teodor Currentzis allabendlich vollzieht.

Für eine historisch informierte Regie hat sich die international renommierte Barock-Expertin Sigrid T’Hooft von ihrem Bühnen- und Kostümbilder Stephan Dietrich eine eindrucksvolle Guckkastenbühne mit unterschiedlichen Kulissen in Schwarz-Weiß-Ästhetik bauen und zahlreiche luxuriöse Kostüme samt federbekrönten Kopfschmuck designen lassen. In ihnen lässt die Regisseurin die Protagonisten mit barocker Theater-Gestik und -Mimik auftreten. Das ist für ein historisch ausgerichtetes Festival wie die Innsbrucker Festspiele der Alten Musik sicherlich interessant, streng genommen aber ein alter Hut, hat Sigrid T’Hooft dies schon mehrfach gemacht, u.a. in Göttingen und Karlsruhe. Mit der Zeit wird es auch etwas langweilig, erschöpft sich doch der schematische Bewegungskanon schnell – und zunehmend auch das Publikum.

Verschärft wird die Langatmigkeit durch eine diskussionswürdige Entscheidung: Wie es damals zur Konvention gehörte, folgt jedem Aktfinale eine abschließende Tanzszene, komponiert von lokalen Kapellmeistern. Für Merope sind diese Tänze verschollen; Alessandro De Marchi fand Ersatz in von ihm eingerichteten Kompositionen von Jean-Marie Leclair und Carlo Alessio Rasetti. Die sechs Tänzer*innen der Truppe Corpo Barocco können zwar in den ebenfalls von Sigrid T’Hooft choreografierten Szenen zweifelslos brillieren, doch der dadurch auf fünfeinhalb Stunden ausgedehnte Blockbuster-Abend schießt über das Ziel weit hinaus. Statt insgesamt drei Tänze hinzuzufügen, hätten manche großzügigen Striche in den Rezitativen, insbesondere gleich am Beginn, der Oper keineswegs geschadet.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.