Tschaikowski_Pique_Dame_Salzburg_Foto_Rittershaus

Opernkritik – Pjotr Iljitsch Tschaikowski: Pique Dame (Salzburger Festspiele)

Premiere: 5.8.2018
Regie: Hans Neuenfels
Musikalische Leitung: Mariss Jansons
Besuchte Vorstellung: 10.8.2018
Foto: Monika Rittershaus
Foto: Rupert Larl

Mit welchem Schlagwort könnte man Pjotr Iljitsch Tschaikowskis 1890 in St. Petersburg uraufgeführte Oper Pique Dame zusammenfassen? Eine mögliche Antwort wäre: Leidenschaft! Der deutschstämmige Russe Hermann ist unsterblich in Lisa verliebt, die sich allerdings vor kurzem mit Fürst Jelezki verlobt hat. Geradezu triebhaft verfolgt Hermann die junge Gräfin. Geleitet von seiner in sich schlummernden Spielleidenschaft und dem zwanghaften Wunsch nach Anerkennung und gesellschaftlichem wie finanziellem Aufstieg wendet er sich von ihr ab und ihrer Großmutter zu, um ihr das Geheimnis der drei mythischen Karten zu entreißen. In ihren jungen Jahren war diese eine leidenschaftliche Kartenspielerin, verlor kein Spiel und muss deshalb, so der Gossip, über diabolisch-magische Kräfte verfügen.

In der Nacht dringt Hermann in ihre Gemächer ein. Doch als er sie mit einer Pistole bedroht, erleidet sie einen Herzinfarkt. Als Geist erscheint sie dem wahnsinnig gewordenen Hermann und verrät ihm die Kartenkombination: Drei, Sieben, Ass. Wie im Delirium rennt er ins Casino, merkt nicht einmal, wie Lisa sich angesichts des Todes der Großmutter durch den Geliebten das Leben nimmt, und setzt alles auf die drei Karten. Doch als letzte Karte kommt kein Ass, sondern die Pik-Dame. Hermann erkennt in ihr die alte Gräfin – und ersticht sich.

Das Libretto schrieb Tschaikowskis Bruder Modest, der es eigentlich im Auftrag des Kaiserlichen Theaters in St. Petersburg für den Komponisten Nicolai Klenowski basierend auf einer gleichnamigen Erzählung Alexander Puschkins verfasste. Doch das Libretto blieb unvertont; ein Streit mit Klenowski verhinderte eine Zusammenarbeit. Der Intendant des Theater wandte sich anschließend an Tschaikowski, der schließlich die Vertonung zusagte. Von Depressionen geplagt und von seiner Frau wegen seiner Homosexualität erpresst, floh Tschaikowski für die Komposition nach Florenz.

Düster ist die musikalische Grundstimmung seiner Pique Dame. Eine Ausnahme bildet das köstlich heitere Schäfer-Intermezzo des zweiten Akts, in dem Tschaikowski Mozarts Klavierkonzerte KV 466 und KV 503 verarbeitet, zugleich aber auch den Kontrast zu allen anderen Szenen dramaturgisch verstärkt. Geradezu bedrückend ist das Quintett um Hermann, als dieser zusammen mit Jelezki und dem Grafen Tomski Lisa und die alte Gräfin im Park erblickt, gruselig die Ballade des Tomski über die frühere Spielleidenschaft der Gräfin, nostalgisch gebrochen das Lied der alten Gräfin, als sie sich an die Zeit Ludwigs XV. und Madame Pompadour erinnert; übrigens ein Zitat aus André-Ernest-Modeste Grétrys zu dieser Zeit in Paris uraufgeführten Oper Richard Coeur de Lion. Auch Lisas Sehnsuchtsarie, in der sie ihre ganze Zerrissenheit zwischen ihrem Verlobten und Herrmann ausdrückt, gehört zu den besten Szenen der Oper.

Mit Mariss Jansons haben die Salzburger Festspiele einen exzellenten Exegeten und Bewunderer der Musik Tschaikowskis gewinnen können. Akribisch lotete er feinsinnig die Partitur aus, die er schon vor zwei Jahren am Pult des Concertgebouw Orchesters in Amsterdam unter einhelligen Beifall in einer Inszenierung von Stefan Herheim zum Leben erweckte. Von geradezu verspielt kammermusikalischen Miniaturen bis hin zu energisch leidenschaftlichen Ausbrüchen: Jansons zauberte zusammen mit den Wiener Philharmonikern einen Opernabend voller faszinierender Intensität. Es ist zu hoffen, dass von dieser Produktion eine CD, wenn nicht sogar eine DVD erscheinen wird. Oder ob die Einspielung der Pique Dame mit dem Chor und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Jansons Leitung ein Hindernis darstellt?

Jedenfalls ist auch die Regie von Hans Neuenfels mustergültig, der sich laut eigenem Bekunden mit dieser Inszenierung in den Ruhestand verabschiedet. Düster und geradezu kühl erzählt er zusammen mit Bühnenbildner Christian Schmidt und Kostümbildner Reinhard von der Thannen in einem geschwungenen, düsteren Raum im Plattenrustika-Stil und halb realen, halb phantastischen Kostümen einen schwarz-weißen Bilderreigen. Besonders eindrucksvoll ist beispielsweise die Schlussszene des ersten Teils, wenn die Zarin als Skelett auftritt und der Chor (Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor) ekstatisch wie beim mexikanischen Día de Muertos den vergangenen glorreichen Zeiten Russlands huldigt.

Einzig die beiden Außenseiter bringen Farbe auf die Bühne: Hermann trägt eine offene, rote Uniformjacke, hinter der man die nackte Brust erkennen kann; die Gräfin hingegen ein grünes, modisch geschnittenes Kleid. Wie mit einem Skalpell legt Neuenfels die Nerven der Protagonisten frei; der Höhepunkt des Abends ist sicherlich das Zusammentreffen der beiden Außenseiter am Beginn des zweiten Teils, die Neuenfels mit äußerster Subtilität wie Intensität inszeniert. Das düstere Schwarz ist einem grellen krankenhausweiß gewichen. Zerbrechlich, erkrankt und vom Leben gezeichnet singt die glatzköpfige Gräfin, gespielt von der 74-jährigen Hanna Schwarz, von den vergangenen Zeiten und tastet unsicher Hermann ab. Geheimnisvoll ist ihr dunkler Mezzosopran; ungläubig und naiv spielt sie mit seiner Pistole, steckt sie sich sogar langsam lustvoll in den Mund – und stirbt dann allerdings überraschend an Herzversagen.

Es ist auch der Moment des amerikanischen Tenors Brandon Jovanovich, der die zerrissene Figur des Herrmanns, zwischen Liebe zu Lisa, den Wunsch nach Anerkennung und der Gier nach Geld hin und hergerissen, ein vielschichtiges Profil verleiht. Auch Evgenia Muraveva überzeugt in der Rolle der emanzipierten Lisa, die allerdings an der Spielsucht ihres Geliebten und an dem Tod der Großmutter verzweifelt. Ihr Suizid interpretiert Neuenfels nicht als kitschigen Liebestod, sondern als den radikalsten Schritt, um unabhängig zu werden. Harter Tobak im Großen Festspielhaus; das Publikum applaudierte frenetisch.

Schreibe einen Kommentar

Zur Werkzeugleiste springen