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Opernkritik – Pietro Mascagni: L’amico Fritz (Teatro Alighieri, Ravenna)

Premiere: 9.1.2016
Regie: Leo Nucci
Musikalische Leitung: Donato Renzetti
Besuchte Vorstellung: 9.1.2016 (Premiere)
Koproduktion mit der Fondazione Teatri di Piacenza und der Fondazione Teatro di Modena
Fotos: Gianni Cravedi

Es ist eine schöne Tradition geworden, dass die Fondazione Teatri di Piacenza mit ihrem Progetto Opera Laboratorio alljährlich ausgewählte junge Sängerinnen und Sängern auf ihrem Weg auf die große Opernbühne fördert. Im Rahmen einer szenischen Opernproduktion haben die vielversprechenden Talente die Möglichkeit, wichtige Erfahrungen für die Zukunft zu sammeln. Zum wiederholten Mal konnte als Dozent und Regisseur der weltweit gefragte Bariton Leo Nucci gewonnen werden. Ihm ist die Weiterbildung junger Künstler und die Gründung einer neuen Opernkultur in Italien ein Herzensanliegen. Und auch die Fondazione ist von dem Projekt überzeugt. Trotz Sparmaßnamen stellten die Verantwortlichen mehr finanzielle Mittel für die diesjährige Produktion bereit.

Nach den Donizetti-Opern Luisa Miller und L’elisir d’amore in den vergangenen beiden Jahren wurde der 70. Todestag von Pietro Mascagni zum Anlass genommen, dem wichtigen Vertreter des Verismo mit seiner Oper L’amico Fritz die Reverenz zu erweisen. Einen Monat lang wurden die jungen Stimmbänder intensiv trainiert, an der Textverständlichkeit geschliffen und am dramatischen Ausdruck gefeilt, ehe Anfang Oktober im Teatro Municipale in Piacenza sich der Vorhang für die erste Vorstellung heben konnte. Im neuen Jahr ist die Produktion auf Tour. Erste Station war vergangenes Wochenende das Teatro Alighieri in Ravenna.

Der überwältigende Erfolg von Cavalleria rusticana (1890) machte Pietro Mascagni über Nacht zum neuen vielversprechenden Stern am italienischen Opernhimmel. Mit seiner zweiten Oper L’amico Fritz, nach der gleichnamigen Komödie des Autorenduos Emile Erckmann und Alexandre Chatrian, sollte der erst 27-Jährige seinen Siegeszug auf den Opernbühnen der Welt fortsetzen. Dabei standen lange Zeit die Zeichen für Mascagni denkbar schlecht. Die Zusammenarbeit mit seinem neuen Textdichter Nicola Daspuro gestaltete sich als sehr schwierig und zäh. Zahlreiche Änderungen und Umarbeitungen durch den Komponisten selbst und andere Literaten, u.a. Giovanni Targioni-Tozzetti (der Librettist von Cavalleria rusticana), verstimmten Daspuro derart, dass das Libretto unter dem Pseudonym Pierre Suardon veröffentlicht werden musste.

Das handlungsarme und in Augen mancher Kritiker schwache Textbuch hat auch von Anfang an großes Aufsehen erregt. Die wohl vernichtendste Kritik übte kein geringerer als Giuseppe Verdi höchstselbst: Ich habe in meinem Leben viele, unendlich viele schlechte Textbücher gelesen, aber so ein dummes Libretto wie dieses noch nie. Allerdings wollte Mascagni, so ist es in einem Brief überliefert, ein einfaches Libretto mit einer dünnen und fragmentarischen Handlung [vertonen], damit ich nur wegen meiner Musik und wegen nichts sonst als meiner Musik beurteilt werde. Sein Wunsch sollte in Erfüllung gehen. Die Premiere am 31. Oktober 1891 im Teatro Costanzi in Rom wurde für ihn zu einem riesigen Triumpf. Über 30 Vorhänge sowie sieben Wiederholungen forderte das Publikum. Neben Gustav Mahler, der die deutsche Uraufführung am 16. Januar 1892 in Hamburg leitete, und Hugo Wolf äußerte sich selbst der Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick positiv über die Oper. Heute hingegen ist L’amico Fritz nur noch selten auf den Spielplänen anzutreffen.

Mascagni verzichtet in dieser Oper auf die lauten dramatisch-berstenden Klänge, die er in seiner Cavalleria rusticana angeschlagen hatte. In L’amico Fritz gibt er pastoralen Stimmungsbildern, atmosphärischen Klängen und einer einfachen, realistischen fast schon Soap-artigen Handlung den Vorzug. Der reiche und überzeugte Junggeselle Fritz Kobus hat Geburtstag. Unter den Gratulanten ist auch sein Freund, der Rabbiner David, der ihm prophezeit, dass auch ihn einmal die Liebe einholen wird. Schließlich wetten die beiden: Falls Fritz tatsächlich einmal heiraten sollte, bekommt David seinen Weinberg. Kurz darauf findet der Hochzeitsverweigerer seine große Liebe Suzel. Fritz verliert seine Wette und den Weinberg, doch David schenkt ihm diesen als Hochzeitsgeschenk am Ende der Oper wieder zurück. Auch wenn die Kritik von Verdi zum Libretto nicht von der Hand zu weisen scheint, so sollte doch nicht unerwähnt bleiben, dass auch Wehmut, Schmerz und Sehnsucht Grundmotive der Handlung und letztlich auch der Musik sind. Mehrmahls könnte die Geschichte scheitern und problemlos ins Tragische kippen.

Dass Regisseur und Sänger Leo Nucci freilich seinen Schwerpunkt ganz klar auf die musikalische Leistung seiner Schützlinge gelegt hat und nicht auf eine ausgefeilte, textkritische Interpretation, tritt in seiner Regie zutage. Zu Beginn ist die Bühne von einem goldenen Gemälderahmen eingefasst. Zu sehen ist ein von Carlo Centolavigna geschaffenes Bühnenbild, dass offenbar Claude Monets Gemälde Das Haus des Künstlers in Argenteuil als Inspirationsquelle hat. Eine Touristin im zitronengelben Cocktailkleid möchte vom Theater und vom lebensgroßen Gemälde ein Foto machen, doch ein Museumswärter weißt sie auf das Fotografierverbot hin. Stattdessen nimmt er sie wie in dem Film Nachts im Museum (Regie: Shawn Levy) auf Entdeckungsreise in das zum Leben erweckte Gemälde mit. Doch leider sollten sie erst zum Schlussbild der Oper wieder auftauchen. Der Bilderrahmen bleibt im wahrsten Sinne des Wortes nur ein Rahmen. Warum der Regisseur die Idee von zwei Handlungsebenen nicht weiter verfolgte, sondern dann doch das idyllische Postkartenambiente bevorzugt, in dem die Sänger Kirschen pflücken, Blumen umtopfen und mit klassischen Ausdrucksgesten statisch rumstehen, muss er selbst erklären. Der scheinbar trivialen Handlung hätte eine weitergehende Deutung sicher nicht geschadet.

Stattdessen wurde aber beachtlich und teilweise auf sehr hohem Niveau musiziert. Sarah Baratta wartete als Suzel mit einer beeindruckenden Leistung ihres süßlich-reinen und runden Jugendlichen Soprans auf. Gleich bei ihrer ersten Arie Son pochi fiori, der Blumenüberreichungsszene, konnte sie mit elegisch gefärbter Stimme eine der reizvollsten Szenen der Oper wunderbar präsentieren. Ihr Liebespartner Fritz weckte gemischte Gefühle. Mit schönem Timbre präsentierte Ivan Defabiani nach kurzen anfänglichen Schwierigkeiten seine beiden Soloszenen Quale strano turbamento und O amore, o bella luce del core in aller tenoral-leuchtender Kraft. Doch bei den leisen Passagen wurde seine Stimme zunehmend brüchig und hauchig. Das berühmte duetto delle ciliegie, das Kirschenduett im zweiten Akt, wurde davon in seiner Innigkeit etwas getrübt.

Absolut herausragend war neben der Mezzosopranistin Nicole Brandolino als Zigeuner Beppe (wunderbar spritzig vorgetragen ihre Arie O pallida che un giorno) Giovanni Tiralongo als gerissener David. Mit vitaler Stimme und unglaublicher Bühnenpräsenz überzeugte er vor allem in seinem zentralen Duett mit Suzel, in dem er die Dorfgeschichte mit der biblischen Erzählung von Rebekka verknüpft. Der Coro del Teatro Municipale di Piacenza (Leitung: Corrado Casati) und die Voci Bianche del Coro Farnesiano di Piacenza (Leitung: Mario Pigazzini) rundeten das Gesangsensemble stimmig ab.

Besonders gelobt werden muss das Orchestra Giovanile Luigi Cherubini unter der temperamentvollen Leitung von Donato Renzetti. Voll von leidenschaftlichen Bögen, satten Klangfarben und zwischen expressiven und lyrischen Melodien schwankende Passagen zeigte sich an diesem Abend die Mascagni-Partitur. Doch stellenweise wollten die Sänger sich bei ihren Melodien mehr Freiheit gönnen als der Dirigent ihnen gab. Koordinationsprobleme sowie Irritationen auf der Bühne waren das unschöne Ergebnis. Für das Intermezzo zwischen II. und III. Akt, in dem die melancholische Zigeunermelodie von Beppe pathosgeladen wiederaufgegriffen wird, gab es wie auch am Ende der Vorstellung vom begeisterten Publikum langanhaltenden Beifall.

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