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Opernkritik – Otto Nicolai: Il templario (Salzburger Festspiele)

Konzertante Aufführung
Musikalische Leitung: Andrés Orozco-Estrada
Besuchte Vorstellung: 30.8.2016
Fotos: Marco Borrelli

Es ist schon bemerkenswert: Das Programmheft und die diversen Pressetexte zu Otto Nicolais Oper Il templario, die zweimal als konzertante Aufführung am Ende der diesjährigen Salzburger Festspiele zu erleben war, haben offenbar die meisten Opernkritiker entweder nicht aufmerksam zur Kenntnis genommen oder nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Von einer Wiederentdeckung, ja einer regelrechten musikalischen Ausgrabung ist in diversen Vorberichten und Rezensionen die Rede, die das weltweit größte und bedeutendste Festival für klassische Musik mit Il templario vollzieht. Wie konnte diese Oper so lange in Vergessenheit geraten, fragt einhellig das Expertenkollektiv.

Doch Einspruch, euer Ehren, denn die Entdecker-Lorbeeren gehören jemand anderen: Jenen eingefleischten Opernliebhabern wie -experten, die den Blick nicht nur auf die sogenannten musikinstitutionellen Leuchttürme richten, sondern auch die exzellente Arbeit der leider unaufhaltsam von kulturresistenten Politikern kaputtgesparten Stadttheater zu schätzen wissen, dürfte bekannt sein, dass der Ruhm dem Theater Chemnitz gehört.

2006 suchte der Musikwissenschaftler Michael Wittmann nach einem Gespräch mit dem damals noch designierten Intendant des Chemnitzer Fünfspartentheaters Bernhard Helmich über aufführungswerte italienische Opern gezielt nach Il templario, fand mehrere Handschriften und erstellte eine kritische Edition. 2008 erfolgte nach über 130 Jahren Vergessenheit am Theater Chemnitz die erste Aufführung in moderner Zeit (Inszenierung: Ralf Nürnberger, Musikalische Leitung: Frank Beermann), im darauf folgenden Jahr erschien im Label cpo ein Live-Mitschnitt. Michael Wittmann verfasste für das Beiheft zur CD einen ausführlichen Text, den er für das Salzburger Programmheft überarbeitete. Wem all das unbekannt ist, hätte darin die ganze Geschichte der Wiederentdeckung lesen können, oder alternativ in einer Minute alle relevanten Informationen im Internet finden können.

Nein, der Verdienst der Salzburger Festspiele ist ein anderer: Sie haben Il templario dank exzellenter Besetzung zum internationalen Festspielereignis werden lassen und dadurch musikalisch nobilitiert. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Wiener Philharmoniker Clemens Hellsberg, gleichzeitig auch Nicolai-Forscher, bekam von Startenor Juan Diego Flórez eine E-Mail, in der er sein Interesse an der Oper bekundete. „Die Musik ist wunderschön! […] Die Oper klingt oft wie Belcanto, hat aber trotzdem viele symphonische Elemente. Es enthält wahre Innovationen der damaligen Zeit. Ich finde, die Oper hat oft sehr berührende Momente.“ Eine solche Aussage einer berühmten Sängerpersönlichkeit hat Gewicht, auch in Salzburg.

Und es gibt noch einen anderen denkwürdigen Zusammenhang: Der Name Otto Nicolai, allgemein eher durch seine Oper Die lustigen Weiber von Windsor bekannt, ist auf das Engste verwoben mit der Geschichte der Wiener Philharmoniker. 1841 zum Kapellmeister an das Kärntnertortheater berufen, formierte er aus Mitgliedern der k.k. Hofoper in Wien zum ersten Mal ein professionelles Konzertorchester. Am 28. März 1842 fand im Großen Redoutensaal in der Wiener Hofburg eine Philharmonische Akademie statt, das erste Konzert und die Geburtsstunde des traditionsreichen Klangkörpers.

Wenn also im Großen Festspielhaus in Salzburg nicht nur ein hervorragendes Sängerensemble anritt, sondern gerade auch die Wiener Philharmoniker in Bestbesetzung bis zum letzten Bratschenpult Il templario musizieren, ist das für die Oper mehr als ein Ritterschlag. Es ist eine Verneigung etablierter Autoritäten gegenüber einer Komponistengröße, die gerne als Scharnierfunktion zwischen Belcanto und frühem Verdi genannt, jedoch dadurch ästhetisch abgewertet wird. Dabei zeigt der abermalige Blick ins Programmheft Erstaunliches: Bereits die Uraufführung am 11. Februar 1840 geriet zum Triumph, die Wiener Reprise brachte Nicolai schlussendlich auch die Stelle des Hofkapellmeisters ein. In den folgenden 40 Jahren gelangten etwa 70 Inszenierungen auf allen namhaften Bühnen Europas.

Für die zugegeben etwas verworrene Handlung von Il templario ist die Vorgeschichte wesentlich: Vilfredo d’Ivanhoe und Rovena sind ein Liebespaar. Doch sein Vater Cedrico hat andere Pläne, es kommt zum Bruch zwischen Vater und Sohn, der mit der Beteiligung Vilfredos am Dritten Kreuzzug unter Richard I. Löwenherz endgültig vollzogen ist. In Palästina schwer verletzt, wird er von der Jüdin Rebecca gesund gepflegt, die sich in den schönen Kreuzritter verliebt und mit ihrem Vater Isacco nach England reist, um Vilfredo wenigstens räumlich nahe zu sein. Dort trifft sie auf Briano di Bois-Guilbert, der wegen enttäuschter Liebe dem Templerorden beigetreten ist und als Nachfolger des Großmeisters Luca di Beaumanoir gehandelt wird. Erfüllt von Begehren will dieser sein Gelübde brechen und mit Rebecca ein neues Leben beginnen. Sie jedoch lehnt entschieden ab.

Mit geradezu verschwenderisch ausgestatteten Melodien entwickelt sich aus dieser Konstellation ein komplexer Vier-Personen-Konflikt, an dessen Ende ein glückliches Hauptpaar, ein von Gott-gerichteter toter Briano und eine von ihren Emotionen überwältigte, wenngleich ebenso sterbende Rebecca stehen. Packende Arien mit weit gespannten Melodien in Ohrwurmqualität, virtuose Stimmbehandlung, markanter Stretta-Feuerwerks-Rhythmik, spannende Instrumentierung und effektvolle Chorszenen: Vor so viel Italianità eines deutschen Komponisten kann man nur respektvoll den Hut lüften.

Der kolumbianische Dirigent Andrés Orozco-Estrada am Pult der Wiener Philharmoniker braust gekonnt, wuchtig und mit ganzen Körpereinsatz durch die Nicolai-Partitur, stellt allerdings eine feinfühligere Interpretation hinten an. Auch wenn die Musiker mit herrlich zarten Holzbläser- und Streicher-Soli ungehörte Feinheiten hervorzauberten, geriet die Musik stellenweise dramatisch-plakativ. Mehrmals wähnte man sich eher in einer explodierten Lucia di Lammermoor. Das mag an sich noch einen legitimen interpretatorischen Wert haben, jedoch rächt sich dieser Zugang prompt. Denn Orozco-Estrada zeigte an dem Abend eine Vorliebe für abrupte Temposteigerungen in nur zwei Takten, vor allem in den zahlreichen Strettas und Ensemble-Finali. Durch die verlorene Agilität im Orchester dauerte es immer einen gewissen Moment, bis Dirigent und Musiker sich auf ein Tempo einigen konnten. Ähnliche Probleme hatten an diesen Stellen auch das sonst formidable Sängerensemble.

Mit stets mühelos-strahlender Höhe und heldenhaften Timbre, wenngleich etwas monochrom, gab Startenor Juan Diego Flórez den Vilfredo. Im ersten Teil vom Dirigenten noch zum Dauerfortissimo genötigt, sang er sich im zweiten Teil als Kämpfer für Gerechtigkeit im Gottesgericht lohengrinhaft in die Herzen des Salzburger Publikums. Seine Bühnenpartnerin Kristiane Kaiser als Rovena musste sich mit einer eher distanzierten, oft im Ensemble auftretenden Rolle, die sie freilich sensibel emotional gestaltete, begnügen. Spannend bei Il templario ist, dass entgegen der Opernkonvention der Bariton und die Mezzosopranistin am meisten zu singen haben. Mit autoritärer, imposanter wie voluminöser Stimme interpretierte Luca Salsi den Kreuzritter Briano als emotionsstarken Widersacher und Bösewicht. Die düster instrumentierten Moll-Akkorde bei seinen Auftritten tun ihr Übriges.

Clémentine Margaine, die die Rolle der Rebecca von Joyce DiDonato übernahm, hatte die komplexeste Rolle zu bewerkstelligen. Doch die Mezzosopranistin wusste mit ihrer farbreichen, gerundeten und dramatisch eingefärbten Stimme perfekt umzugehen. Hinreißend gestaltete sie ihre Soloszenen und Arien und bekam dafür kräftigen Szenenapplaus. Neben den kleinen Nebenrollen in Bestbesetzung, allen voran Adrian Sâmpetrean als Cedrico, war an dem Erfolg im hohen Maße der von Chorleiter Alois Glassner einstudierte Salzburger Bachchor beteiligt.

Der Jubel am Ende der nicht perfekt gelungenen konzertanten Aufführung war schier unendlich. Minutenlang spendete das Salzburger Publikum Standing Ovations. Vielleicht findet sich Otto Nicolais Il templario schon bald auf dem Spielplan des einen oder anderen Opernhauses. Lohnenswert ist diese Oper allemal. Für alle, die das Werk bereits jetzt schon hören möchten: die Vorstellung wurde vom ORF Hörfunk aufgezeichnet und wird am 3. September um 19:30 im Programm Ö1 gesendet.

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