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Opernkritik – Richard Wagner: Die Walküre (Bayreuther Festspiele)

Premiere: 30.7.2017
Regie: Frank Castorf
Musikalische Leitung: Marek Janowski
Besuchte Vorstellung: 30.7.2017
Fotos: Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Szenisch haben Das Rheingold und Die Walküre in dieser Ring-Tetralogie nichts miteinander zu tun. Eine ärmlich heruntergekommene Holzscheune einschließlich Truthahnpaar, diverse Bretterverschläge und ein hölzerner Erdölförderturm verlegen die Handlung in die älteste Ölmetropole der Welt: die aserbaidschanische Hauptstadt Baku, für Frank Castorf das Symbol für den Reichtum des Westens schlechthin. Das Öl als inszenatorisches Leitmotiv, in Rheingold noch angedeutet, ist hier omnipräsent. Castorf vollzieht allerdings für den ersten Tag des Bühnenfestspiels nicht nur einen Zeit- und Ortswechsel, sondern auch einen theaterästhetischen. Statt einer überdrehten amerikanischen Gangsterburleske der 60er Jahre herrscht im imposanten Drehbühnenbild von Aleksandar Denić eine kammerspielartige, mitunter statische Ruhe bei bewusst reduzierten Gesten und der Möglichkeit zur musikalischen Entfaltung.

Castorf erteilt dem Publikum in seiner Walküre eine Geschichtsstunde. Unter anderem verweisen der zylindertragende und mit einem Speer samt aufgespießtem Arbeiter-Kopf ausstaffierte Oligarch Hunding, der patriarchal gekleidete Wotan und die als aserbaidschanische Königin mit einer Peitsche wild um sich schlagende und von einem Leibeigenen getragene Fricka auf das zaristische Russland vor der Revolution 1917. Sie alle stehen ikonisch für die dortige aristokratische Gesellschaft, die für ihren Reichtum das Proletariat gewaltsam unterdrückten und im zweiten Aufzug nach der Ausrufung der politisch instabilen Demokratischen Republik Aserbaidschan sich neu erfinden müssen. Nicht umsonst singt Wotan zu seinem Auftritt: „Der alte Sturm, die alte Müh‘! Doch stand muss ich hier halten!“.

Blätter aus der russischen Revolutions-Tageszeitung Prawda fliegen durch das Bühnenbild und bedecken Sieglinde, die sich auf einer Matratze ausruht. Auf einer Leinwand sind Propagandafilme der aserbaidschanischen Regierung zu sehen. Es gibt aber auch Grund zum Lachen, etwa wenn Wotan in einer Live-Videosequenz seiner von Castorf neu in das Bühnengeschehen eingeführten Ex-Geliebten und Mutter der Geschwister Siegmund und Sieglinde telefoniert, die parallel zum Gespräch mehrere Sahnetorten verschlingt oder aber bei Siegmunds Tod, der mit dem lautstarken Umfallen eines in der Nähe stehenden Fahrrads zusammenfällt.

Mit dem dritten Aufzug ist das alte System endgültig passé. Während die Walküren als Teil der Oligarchie noch ein rauschendes Fest feiern und offenbar von den politischen Umwälzungen nichts mitbekommen haben, übernimmt die Rote Armee nach schweren Verlusten – fahnenschwenkende Soldaten werden am oberen Ende des Bühnenbilds durch Giftgas getötet – die Kontrolle. Am Bohrturm leuchtet der Sowjetstern. Zu der Textzeile „Trümmer der eig’nen Welt“ schleudert Wotan, der sich seinen langen Patriarchen-Bart abschnitt, das Fell des zaristischen Bären symbolträchtig in die Ecke. Parallel sind als Videoprojektionen sozialistische Stummfilme wie auch Kampfparolen auf Kyrillisch als Teil der stalinistischen Staatspropaganda zu sehen.

Die Gehorsamsverweigerung der üblicherweise folgsamen Brünnhilde gegenüber ihres Vaters Wotan deutet Castorf nicht nur als weibliche Emanzipation vom Patriachat, sondern verknüpft sie durch eine weitere Videoeinspielung mit einem weitgehend unbekannten aber kriegsentscheidenden Ereignis von 1942 und unterstreicht dadurch die wirtschaftliche Bedeutung Bakus als Ölmetropole: Mit der „Operation Siegfried“ bzw. „Operation Edelweiß“ versuchte Nazi-Deutschland die Erdölfelder Bakus zu erobern, um Treibstoff-Engpässe zu verhindern und die exorbitanten Kriegsausgaben zu minimieren. Doch die Sowjets sabotierten durch Nitroglyzerinsprengungen die Förderanlagen. Mit einem brennenden Ölfass als „Feuerzauber“ endet diese Walküre.

Musikalisch gerät der Abend nach einem enttäuschend-durchwachsenen Rheingold zum Sängerfest, allen voran Catherine Foster (Brünnhilde) mit ihrem durch alle Register und Ausdrucksformen klangschön und souverän geführten Sopran. Georg Zeppenfeld, mittlerweile zum Haus und Hof-Bassisten am Grünen Hügel avanciert, interpretiert den Bösewicht Hunding nicht als aggressiv-polternder Wilder, sondern mit farbenreichem Bass und eleganten Gesangsbögen fast schon zu sympathisch. John Lundgren überzeugt als kräftig-wuchtiger Wotan weit mehr als sein Kollege am Abend zuvor, geht aber im Vergleich zu den anderen Sängern des heutigen Abends weniger differenziert an die Partie heran.

Dagegen besticht Christopher Ventris mit heldentenoralem Timbre, präziser Stimmführung und kräftig-warmer Tongebung in der Rolle des Siegmund. Ebenfalls glänzt Camila Nylund als stimmgewaltige, in vielen Farbschattierungen feurig-flackernde Sieglinde. Ein Ausnahme-Wälsungen-Paar, dem Marek Janowski jedoch mit einem fülligen Forte-Klang selten den nötigen Freiraum für differenzierte Feinheiten gibt. Zwar musiziert das Bayreuther Festspielorchester besser als tags zuvor, doch auch an diesem Abend klaffen Bühne und Orchestergraben über weite Strecken auseinander, besonders ärgerlich in der Todesverkündigungsszene im zweiten Aufzug und beim erstmaligen Erklingen des Erlösungsmotivs im dritten Aufzug, wenn Sieglinde erfährt, dass sie schwanger ist. Und wieder hört man die Holzbläser, insbesondere die Klarinetten, ungeniert und penetrant laut in das Festspielhaus unschön hineinblöken. Das Truthahnpaar hat im ersten Aufzug den Schnabel gehalten.

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