Opernkritik – Luigi Cherubini: Médée (Salzburger Festspiele)

Premiere: 30.7.2019
Regie: Simon Stone
Musikalische Leitung: Thomas Hengelbrock
Besuchte Vorstellung: 4.8.2019
Foto: Salzburger Festspiele / Thomas Aurin

Was hat Medea nicht alles für ihre Liebe zu Jason gemacht? Einst fuhr der Held mit den Argonauten nach Kolchis, um das Goldenen Vlies nach Iolkos zu bringen und damit den Königsthron zurückzugewinnen, den sein Onkel Pelias widerrechtlich an sich riss. Doch die von Aietes, des blutrünstigen Königs von Kolchis auferlegten Prüfungen konnte Jason alleine nicht lösen. Es waren die Göttinnen Hera und Athene, die Eros, den Gott der Liebe gebeten haben, dass sich des Königs Tochter Medea unbändig und vor allem dauerhaft in Jason verliebt und ihm mit ihren Zauberkräften bei den Prüfungen hilft. Auch Jason verliebte sich in die schöne Prinzessin, doch schon bei der Flucht nach Iolkos mit dem gestohlenen Vlies geschah eine erste von mehreren grausamen Taten Medeas: Sie tötete ihren als Geisel genommenen Halbbruder Absyrtos, schnitt ihn in Stücke und warf die Einzelteile vor den Augen der entsetzen Argonauten nacheinander von Bord, um ihren herannahenden Vater Aietes zu stoppen.

Auch am Tod von Jasons Onkel Pelias ist sie indirekt verantwortlich, stachelte sie seine vier Töchter doch an, ihn zum Zwecke der Verjüngung in einen Topf mit kochendem Wasser und letztlich nicht wirkenden magischen Kräuter zu stecken. Wegen dieser Tat in Iolkos verachtet, ging das Paar ins Exil nach Korinth und wurde von König Kreon aufgenommen. Die Ehe mit zwei Kindern verlief harmonisch, bis König Kreon Jason seine Tochter Kreusa und mit ihr das Königreich Korinth anbot. Immerhin kann Medea als Fremde nach griechischem Recht nicht seine Frau sein – und ein Königreich habe sie auch nicht. Jason willigt ein und von ein auf dem anderen Tag ist Medea mittellos und verstoßen. An dieser Stelle des Mythos, quasi in medias res, beginnt Luigi Cherubinis 1797 am Théâtre Feydeau in Paris uraufgeführte Opéra-comique Médée und damit die Wandlung ihrer Gefühle von inniger Liebe zu unvorstellbaren Hass.

Was folgt ist bekannt: Eine der wohl verstörendsten und bestürzendsten Gewaltexzesse der an Brutalität nicht sparsamen griechischen Mythologie. Während die Vorbereitungen zur unmittelbar bevorstehenden Hochzeit laufen, fürchtet Kreusa (in der Oper Dircé) eine Racheaktion Médées. Als selbige tatsächlich erscheint und Jason auffordert, zu ihr zurückzukommen, geraten Dircé und das Volk in Panik und fordern den Tod der Zauberin. Jasons Zurückweisung und das dauerhafte Verwehren der Kinder weckt Médées Rache. Sie nutzt die von König Créon gebilligte Bitte, noch einen Tag in der Stadt zu bleiben zu können, um Dircé ein wunderschönes Kleid zu schenken, das jedoch in Flammen aufgeht, als sie es anzieht. Während die Rivalin bei lebendigem Leib verbrennt, ist Médée mit ihren beiden Kindern im Tempel und vollendet ihre Rache an Jason: Sie tötet mit einem Dolch die gemeinsamen Kinder und anschließend sich selbst.

Unbestritten ist der Medea-Stoff eine Horrorgeschichte, eine ins Negative pervertierte Utopie. Von den archaischen Trieben und den irrationalen Emotionen geht eine Aura des Schreckens und zugleich der Faszination aus: Welcher Mensch ist in der Lage, seine eigenen Kinder umzubringen? Verschiedenste Künstler*innen, Musiker*innen und Schriftsteller*innen sind dieser Frage nachgegangen, am eindrücklichsten wohl in jüngerer Zeit Christa Wolf, die in ihren Roman Medea: Stimmen von 1996 die Konstruktion des Mythos selbst zu hinterfragen versucht. Doch lässt sich der singuläre Medea-Mythos auch als eine Art Dokumentarfilm frei von Psychosen erzählen, als eine logische Alltagsgeschichte, als eine Abfolge von Ereignissen, die zu dieser schrecklichen Tat geführt haben und wir uns eigentlich wundern müssen, warum solches nicht öfters passiert? Der australisch-schweizerische Theater-, Film- und Opernregisseur Simon Stone, der bereits 2017 bei den Salzburger Festspielen Aribert Reimanns Lear inszenierte, nimmt jedenfalls diesen Weg für seine Inszenierung von Cherubinis Médée – mit gemischtem Erfolg und letztlich teuer erkauft. Doch lassen wir uns auf das Experiment ein.

Zur eruptiven Ouvertüre sehen wir in collagierten und pittoresk abgedrehten Schwarz-Weiß-Filmchen den Niedergang eines Upper class-Familienidylls. Anfänglich ist Jason noch glücklich mit der aus Osteuropa stammenden Médée, doch dann folgt der Ehealltag, das absichtliche Fernbleiben Jasons vom Vorspielabend der geigenspielenden Kinder, das Erwischen des Ehemanns in flagranti mit Dircé und schließlich die Scheidung. Ein packender Auftakt, der in den beiden anderen großen Orchestervorspielen und den neu geschriebenen Monologen Médées als Ersatz zu den originalen Dialogen von Librettist François-Benoît Hoffman mit weiteren Filmclips weitergeführt wird.

Stone möchte damit weniger der Frage nachgehen, welcher Mensch in der Lage ist, seine eigenen Kinder umzubringen, als vielmehr, was alles passieren muss, damit ein Mensch seine eigenen Kinder umbringt. Dafür fährt er auch zusammen mit seinem Bühnenbildner Bob Cousins  und Kostümbildnerin Mel Page unzählige hyperrealistische Bildideen auf: Médée, die das schicke Luxusanwesen verlassen muss, Médée, die in ihrer Heimat in einem abgewrackten Internetcafè versucht, den Ex-Mann zu erreichen, Médée, die von einem Staatsbeamten oder Luxushotelbesitzer (eigentlich König Créon – so ganz klar ist das nicht) bei der Einreise am Flughafen Wien Schwechat gehindert wird, während das Geschehen durch ein Kamerateam Live im österreichischen Fernsehen zu sehen ist.

Aber warum wird eigentlich Médée in dem Rechtsstaat Österreich von ihren Kindern getrennt? Warum wird sie abgeschoben? Warum kann ein Familienvater/Hotelbesitzer/Staatsbeamter sie an der Wiedereinreise hindern? Wie kommt eigentlich das Kamerateam in einem sicherheitstechnisch extrem überwachten Raum? Und warum gibt es keine*n Moderator*in? Im Laufe des Abends mehren sich die Zweifel gegenüber dieser Art von Dokumentarfilm, verstärkt durch den hyperrealistischen Anspruch der Ausstattung. Spätestens beim zweiten Aktfinale verabschiedet man sich von dieser Idee. Denn während laut Libretto die Hochzeit vollzogen wird – musikalisch von Cherubini eindrucksvoll als Simultanszene mit einer Bühnenmusik einschließlich Chor im Hintergrund und der das Geschehen kommentierenden Médée im Vordergrund konzipiert – lässt Stone seine Médée zuerst einen Kellner auf der Toilette ermorden, um anschließend im Saal als Kellnerin getarnt eine zerbrochene Weinflasche Dircé in den Bauch zu rammen und – dank Video – mit ihren Kindern den Ort des Geschehens zu verlassen.

Auch das große Finale ist wenig logisch: Médée stoppt bei einer Tankstelle, verabreicht den beiden Kindern Pillen und darf sichtlich aufgebracht, aber ungestört Benzin über das Auto und sich selbst schütten, während eine Armada an Feuerwehrleuten, Sanitäter und Schaulustigen Rache an Médée für den Tod von Dircé fordern. Aber warum verpasst nicht einer der Polizist*innen ihr einen Schuss, um die Kinder noch zu retten? Stattdessen setzt Médée sich ins Auto und zündet es an. Es folgt allerdings kein spektakuläres Finale, wie es Cherubini durchaus komponierte, kein großer Knall oder eine weitere Videoeinspielung, sondern ein lauwarmes Glimmern und rauchendes Feuerchen. Stone schafft in seiner Inszenierung fraglos packende Momente und geht in den neugeschriebenen Monologen auf tiefenpsychologische Erkundungsfahrt. Doch mit seiner hyperrealistischen Bildästhetik schafft er schlussendlich einen langweiligen, stellenweise unlogischen Dokumentarfilm / Krimi und banalisiert nonchalant einen packenden, singulären Mythos.

Ein weiteres Problem ist die unfokussierte, in einer Wimmelbildästhetik aufgehende und in Nebenschauplätzen verlierende, wenngleich gut einstudierte Personenregie. Sie lenkt in erster Linie von der Musik ab und deklassiert Cherubinis Partitur zum Soundtrack. Dies ist umso ärgerlicher, als mit Elena Stikhina eine Médée für die eigentlich angesetzte, allerdings im Mutterschutz befindende Sonya Yoncheva gefunden wurde, welche für die zwischen sanfter Liebe, brutalen Hass und zarten Muttergefühlen zerrissene Hauptfigur eine passende und ungemein vielschichtige und musikalisch spannende Rolleninterpretation gibt. Pavel Černoch kann da mit seinem etwas dumpf klingenden und angestrengt klingenden Tenor kein Paroli bieten. Hingegen lassen die Nebenfiguren im wahrsten Sinne des Wortes aufhorchen, allen voran Alisa Kolosova als treue Freundin Néris und Rosa Feola als Dircé.

Höchst erfreulich spielen die Wiener Philharmoniker historisch informiert unter der Leitung von Thomas Hengelbrock. Zupackend, aufwühlend und zugleich klangschön versuchen sie der dominierenden Szene etwas entgegenzusetzen, das insbesondere im zweiten Teil des Abends gelingt. Und beim Hören der drei großen Orchesterstücke wundert man sich nicht, warum ein gewisser Ludwig van Beethoven Cherubinis Kompositions- und Instrumentationsfähigkeiten hoch schätzte.

 

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