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Opernkritik – Giuseppe Verdi: Un ballo in maschera (Teatro Amilcare Ponchielli, Cremona)

Premiere: 4.12.2015
Regie: Nicola Berloffa
Musikalische Leitung: Pietro Mianiti
Besuchte Vorstellung: 6.12.2015
Fotos: Alessia Santambrogio

Das Schicksal von König Gustav III. von Schweden, Liebhaber und Förderer von Oper und Ballett, hat mehrere Komponisten des 19. Jahrhunderts auf Grundlage des Dramas Gustave III: ou Le bal masqué von Eugène Scribe zu einer Oper inspiriert. François-Daniel-Esprit Auber (Gustave III, ou Le bal masqué, 1833), Vincenzo Gabussi (Clemenza di Valois, 1840), Saverio Mercadante (Il reggente, 1843). Der als aufgeklärter Monarch regierende Gustav wollte die Privilegien des Adels abschaffen und wurde deshalb während eines Maskenballs im Stockholmer Opernhaus im Jahre 1792 von Intriganten tödlich angeschossen. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass der opern- und maskenballliebende ‚Theaterkönig‘ selbst durch sein tragisches Ende zur Vorlage von Opernlibretti wurde.

Als Giuseppe Verdi vom Teatro San Carlo in Neapel einen Kompositionsauftrag für die kommende Opernsaison des Jahres 1858 erhielt, wählte er ebenfalls dieses Sujet. Der Dichter Antonio Somma wurde von ihm beauftragt, das Libretto zu verfassen. In diesem sind, wie schon bei Scribe, zahlreiche historische Details und Anspielungen enthalten. Es ist daher wenig verwunderlich, dass die königliche Zensurbehörde in Neapel den Opernstoff mit einem tatsächlich stattgefundenen Königsmord entschieden ablehnte. Man erinnerte sich genau an das vier Jahre zuvor verübte, jedoch missglückte Attentat auf Kaiser Napolèon III. von Frankreich. Die weitreichenden Eingriffe, Anmerkungen und Umformulierungen in praktisch jede Szene der Oper, um die politische Brisanz auf ein Minimum zu entschärfen, führte zum Bruch zwischen dem Theater und Verdi. Dieser sollte für Neapel nie wieder eine Oper schreiben. Das Teatro Apollo in Rom hingegen bot dem Komponisten bereitwillig die Uraufführung an, denn die damalige päpstliche Zensurbehörde war (überraschenderweise) wesentlich gnädiger. Sie stimmte dem Libretto zu, mit nur zwei kleineren Eingriffen: Die Handlung soll nach Boston verlegt und einige Personen umbenannt werden. Text und Musik hingegen wurden unverändert beibehalten und die Oper unter dem Titel Un ballo in maschera am 17. Februar 1859 mit triumphalem Erfolg uraufgeführt.

Mit einer Neuproduktion von Un ballo in maschera beschloss das Teatro Amilcare Ponchielli in Cremona seine diesjährige Opernsaison. Doch die Inszenierung von Nicola Berloffa konnte leider nicht überzeugen. Gleich beim Betreten des Theaters ist auf den ersten Blick ist die originalgetreue Präsidentenloge des Ford’s Theatre in Washington zu erkennen, ausstaffiert mit mehreren USA-Flaggen (Bühnenbildner Fabio Cherstich). Am 14. April 1856 wurde dort Abraham Lincoln tödlich angeschossen. Es überrascht also kein bisschen, als noch vor der Ouvertüre in den Publikumssaal winkend Lincoln mit Begleitern die Loge betritt, ein Schuss zu hören ist und unter dem trommelfellzerstörenden Geschrei einer Begleiterin der Präsident Tod über die Brüstung hängend zusammenbricht. Der Präsidentenmord wird während dem Ball auf der Hinterbühne von einer Laien-Theatergruppe nachgespielt, um sicherzustellen, dass auch jeder im Saal die Parallelen zum direkt darauffolgenden genau gleich ablaufenden Anschlag auf Riccardo alias Gustav III. von Schweden versteht. Leider blieb diese Zehn-Sekunden-Szene und ihr Aufgreifen im dritten Akt auch die interessanteste Idee im Inszenierungskonzept. Denn was ein aufregender Actionthriller werden sollte, wurde zu einem langweiligen Rampensingen und oft unfreiwillig komischen Verwirrspiel.

Kostümbildnerin Valeria Donata Bettella hat offenbar die Überbleibsel des letzten Kostümverkaufs für die Ausstattung der Protagonisten benutzt: Die Lakaien mit Perücke und Gehrock verweisen auf das 18. Jahrhundert, die Zigeunerin Ulrica wird zur blinden Indianer-Wahrsagerin, Cowboys interagieren als Intriganten und der Sekretär des Gouverneurs Renato gesellt sich mit Melone und Aktentasche im 20er Jahre Style hinzu. Bei so viel stereotyper Maskerade noch vor dem eigentlichen Ball ist es vielleicht konsequent, den dritten Akt als ganz gewöhnlichen Ball ohne Verkleidung zu konzipieren. Doch es bleibt verwirrend: Ist jetzt die Inszenierung eine schauspielerische Nacherzählung des Mordes an Lincoln? Wohl kaum, denn im Gegensatz zu diesem genießt Gouverneur Riccardo ausgiebig das Lieben mit Armelia, der Frau seines Sekretärs. Hinzu kommt, dass bereits vor der Finalszene die Schauspieltruppe den Lincoln-Mord nachspielt und dadurch auf den Beginn der Inszenierung verweist. Aber warum werden ständig die zwei Logen aus dem Ford’s Theatre in immer neuen Formationen zusammengestellt? Warum bevölkern Cowboys eine der beiden Logen und beobachten Indianerin Ulrica, die vor einer Ziegelmauer sitzt und strickt? Warum wird das nächtliche Stelldichein Riccardos mit Amelia flankiert von den zwei Logen, von der aus alle Cowboys das Spiel genauestens verfolgen können? Zu einem sinnstiftenden Gefüge lässt sich dies alles nicht zusammenbringen. Besonders peinlich war auch das Finale. Die Türe zur Loge stand in der Schlussszene sperrangelweit offen, sodass jeder die Ziegelsteintapete auf der Rückseite der Türe genau sehen konnte. Offenbar hat man die Rückseite des Bühnenelements für die Ulrica-Szene verwendet und hat auf dieses störende Detail nicht geachtet, denn als ein wirklicher Verfremdungseffekt ist dies schwer zu deuten.

Leider mussten an diesem Abend auch einige Abstriche in der Musik verzeichnet werden. Der junge vielversprechende Tenor Sergio Escobar als Riccardo war an diesem Abend indisponiert. Der Spanier war unverkennbar erkrankt und eigentlich nicht in der Lage, die schwierige Hauptpartie zu singen. Instinktiv versuchte er während den drei Stunden Musik seine mit Schleim belegten Stimmbänder durch Räuspern frei zu bekommen, was seiner Stimme mehr schadete als nutzte. Man kann darüber spekulieren, ob für diese Nachmittagsvorstellung kein Ersatz gefunden werden konnte oder Escobar unbedingt singen wollte. Doch es wäre das mindeste gewesen, dass ein Vertreter der Intendanz zu Beginn der Vorstellung vor den Vorhang tritt, um den Sänger anzusagen. Daria Masiero als Amelia sorgte mit ihrem dunklen Timbre für emotional-ergreifende Momente, jedoch wirkten ihr nasaler Stimmsitz und ihr ausladendendes Vibrato sehr monoton. Die Mezzosopranistin Annamaria Chiuri als Indianer-Hellseherin Ulrica konnte mit guter Aussprache und surrend-sonorer Stimme der Partie das notwendige orakelhafte verleihen. Für sie gab es jubelnden Applaus. Einzig Angelo Veccia als Renato sollte man noch für sein packendes Schauspiel und sein gesanglich fein schattiertes Rollenporträt erwähnen. Wurden also die Sänger mit unterschiedlichem Beifall beklatscht, war sich das cremoneser Publikum bei Pietro Mianiti am Pult des präzis spielenden Orchestra I Pomeriggi Musicali di Milano einig. Für den dichten Orchesterklang mit dramatisch abgemischten Orchesterfarben gab es verdientermaßen langanhaltenden Applaus.

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