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Opernkritik – Antonio Salieri: Falstaff ossia Le tre burle (Theater an der Wien)

Premiere: 12.10.2016
Regie: Torsten Fischer
Musikalische Leitung: René Jacobs
Besuchte Vorstellung: 19.10.2016
Fotos: Herwig Prammer

Unförmig, ungezügelt, ungeladen: Sir John Falstaff, Hauptfigur in William Shakespeares leichter, turbulenter und überaus witziger Komödie The Merry Wives of Winsor. In völliger Selbstüberschätzung seiner Wirkung auf Frauen verspricht der wohlbeleibte, maßlose, trunk- und raufsüchtige Ritter gleich zwei Frauen die Ehe, um sie anschließend um ihr Geld zu betrügen. Doch die lustigen Weiber sind ebenso listig. Sie erkennen den Hochstapler und rächen sich, machen mehrere Scherze auf Kosten des erfolglosen Verführers und geben ihn in aller Öffentlichkeit der Lächerlichkeit preis.

Von einigen bedeutenden Literaturkritikern wenig geschätzt, reizten Shakespeares Lustige Weiber von Windsor hingegen zahlreiche Komponisten zur Vertonung: Die beiden Franzosen Jean Papavoine (1761) und François-André Danican Philidor (1773), den Mannheimer Kapellmeister Peter Ritter (1794), Carl Ditters von Dittersdorf (1796), im 19. Jahrhundert den Irischen Komponisten Michael William Balfe (1838), Otto Nicolai (1849), Adolphe Adam (1856) und schließlich Giuseppe Verdi (1893), um nur die bekannteren zu nennen. Eine weitere Opernvertonung brachte im Oktober das Theater an der Wien als szenische Neuproduktion heraus.

Sie stammt von einem Mann, der dank des Regisseurs Miloš Forman und seines Films Amadeus (1984) in der Gegenwart zunächst als historisch unhaltbarer Mozart-Mörder traurige Bekanntheit erlangte: Antonio Salieri. Der gebürtige Italiener hatte zu jeder Zeit die besseren Positionen als Mozart: Zuerst als kaiserlicher Kammerkomponist und Kapellmeister der italienischen Oper, später als Leiter der kaiserlichen Hofmusikkapelle. Er war beim Publikum sowie bei Kaiser Joseph II. mindestens so hoch, wenn nicht sogar höher angesehen als der Salzburger Kollege. Doch das Gerücht über den ewigen Neider und wutzerfressenen Konkurrenten Salieri, der angeblich zum Giftfläschchen griff, überschattet die Rezeption seiner Werke bis heute. Man könnte sogar von einer posthumen Rufschädigung sprechen, denn allein die Aufführungszahlen seiner etwa 40 Opern stehen im Kontrast zur Vorstellung eines mittelmäßigen Komponisten.

Das Rennen in den etablierten Kanon machte bekanntlich Mozart. Doch seit den 1970er Jahren erfreut sich Salieris Œuvre einer kleinen, aber kontinuierlich andauernden Renaissance. Für den Oktober setzte das Theater an der Wien seinen am 3. Januar 1799 im Kärntnertortheater in Wien uraufgeführten Falstaff ossia Le tre burle auf den Spielplan. Die Oper muss seinerzeit sehr erfolgreich gewesen sein, denn noch im selben Jahr komponierte Salieris ehemaliger Schüler Ludwig van Beethoven seine 10 Variationen für Klavier B-Dur, WoO 73 über das Duett La stessa, la stessissima aus dem ersten Akt. Grund genug für das Produktionsteam, Beethovens Variationen immer wieder im Laufe des Abends in fragmentierter Form einzustreuen.

Weniger subtil lässt sich das Regiekonzept von Torsten Fischer erkennen: Für seine Inszenierung verlegt er die Handlung vom 17. Jahrhundert in die Gegenwart, der Ort Windsor wird zum Hof der britischen Königsfamilie umgedeutet. An der Hinterwand des von Vasilis Triantafillopoulos und Herbert Schäfer geschaffenen abstrakten und im hellen Weiß gehaltenen Einheitsraum mit von der Decke absenkbarer Spiegelwand prangt für alle sichtbar ein überlebensgroßes Fotoporträt von Queen Elizabeth und Prinz Philip. Tatsächlich huscht gleicht zu Beginn die Queen im einfach-eleganten, zitronenfarbenen Seidenkleid über die Bühne, ihr Gemahl dackelt ordenbehangen hinterher. Der Beginn einer extravaganten Party, wie die Übertitel verkünden. Gleich zu Beginn erwischt die Queen not amused das Dienstpersonal in flagranti beim Quickie.

Regisseur Fischer erweitert die an die italienische Operntradition angepasste und verkleinerte Besetzung um das stumme Königspaar. Prinz William und Herzogin Kate hingegen finden ihr Pendant im Ehepaar Ford, Thronfolger Prinz Charles und Herzogin Camilla im Ehepaar Slender. Doch schon beim Studieren des Programmhefts fällt ein Detail auf, das wesentlich für den Abend sein sollte. Die hierarchisch strukturierte, bis heute übliche Auflistung der Rollenbesetzung, von den Aristokraten bis zu den Dienern absteigend, ist in Wien geändert worden. Falstaffs Diener Bardolf darf sich gleich nach seinen ritterlichen Dienstherren an zweiter Stelle einordnen.

Ein Fauxpas? Mitnichten. Denn Fischer erzählt nicht nur einen unterhaltsamen Abend zwischen Ginflaschen, Hängematte und Bällebad, nicht nur in kammerspielartiger und stimmiger Personenregie das groteske Verführungsspiel eines unattraktiven Hochstaplers samt ehemännischer Eifersuchtsfantasien, James Bond- und Dame Edna Everage-Verkleidung. Er erzählt auch das Verhältnis der asymmetrischen Herrscher-Diener-Beziehung zwischen Falstaff und Bardolf und kippt immer wieder gekonnt die Stimmung ins Abgründige. Anfangs treten beide noch als Comedy-Duo à la Dick und Doof in royaler Runde auf; wenige Takte später zeigt Falstaff seinen bösartigen, ekeligen, aggressiven und erniedrigenden Umgang mit seinem Diener.

Doch Bardolf, anders als beispielsweise Leporello in Mozarts Don Giovanni, erhebt sich über seinen Meister und dreht das Verhältnis um, deutlich mit dem librettofremden Hamlet-Zitat To be or not to be gekennzeichnet. Er befreit sich aus der Knechtschaft, zieht ein anderes Kostüm über und lässt das ganze Opernpersonal wie Marionetten zu seinen Gunsten agieren. Im Detail komplett durchchoreographiert, tanzt Robert Gleadow mit nackter Brust unter goldenem Sakko diabolisch. Sein bedrohliches, fratzenschneidendes Gesicht erinnert an Mephistopheles oder an den Kubrick-Film A Clockwork Orange. Zusammen mit den reduzierten wie ausdrucksstarken Gesten und seiner scharf konturierten, dunkel timbrierten Bassbariton-Stimme schafft er eine schwer in Worte zu fassende, relaitv glaubwürdige Charakterstudie. Schweißgebadet vom körperlichen Totaleinsatz und sichtlich erledigt empfing er den lautstärksten Applaus des Abends. Warum er aber wieder hierarchisch als Buffo-Rolle degradiert an zweiter Stelle statt an vorletzter vor den Vorhang treten muss, bleibt unklar.

Ebenfalls begeisterte Anett Fritsch mit frischem, brillierendem Sopran und feinsinnig wie lustvollem Spiel sowohl als Kate-Double (Mrs. Ford) als auch als Lederhosen-Tedesca das Publikum. Bühnengatte Maxim Mironov sang die sehr komplexen, koloraturgespickten Arien mit strahlend tenoraler Höhe und bravura. Bereits als Lord Riccardo Percy meisterte er bei der Erstaufführung der historisch-kritischen Edition von Donizettis Anna Bolena am Teatro Donizetti in Bergamo alle halsbrecherischen Melodien und Koloraturkaskaden dank seiner agilen Tenorstimme perfekt und erlangte überregionale Aufmerksamkeit.

Mit hoher Flexibilität und schnellem Parlando gab Bariton Christoph Pohl klangschön den Falstaff. Allerdings war seine Stimme weit weniger kraftvoll als die der anderen Sänger, was besonders bei den verschiedenen Ensembles deutlich wurde. Alex Penda und Arttu Kataja als Ehepaar Slender und insbesondere Mirella Hagen als Dienerin Betty vervollständigten die Sängerriege in tadelloser Weise. Salieris Musik vereint ernste und komische Opernelemente der Zeit, zeichnet sich durch knappe Arien und eine herausgehobene Instrumentation aus. Mit René Jacobs stand am Pult der Akademie für Alte Musik Berlin ein kundiger Salieri-Interpret. Er arbeitete mit überwiegend beschwingten Tempi aus dem historisch informiert spielenden Orchester den Farb- und Melodienreichtum der Partitur feinfühlig heraus. Auch für ihn gab es kräftigen Applaus.

Im Schlussbild zersägt Bardolf seinen Mai più – Nie wieder – singenden Herren im Zirkuszauberkasten. Eine vielleicht nicht ganz dramatisch schlüssige Lösung, die im Vergleich zu den anderen Ideen etwas abfällt. Jedoch zeigt das Theater an der Wien mit dieser Produktion abermals Erstaunliches. Man darf also gespannt sein, wenn nach der Uraufführung von Anno Schreiers Oper Hamlet und Salieris Falstaff mit Giuseppe Verdis Macbeth der Shakespeare-Reigen anlässlich seines 400. Todestages fortgesetzt wird, ebenso auf Salieris Oper Scuola de’ gelosi (Premiere: 18. Mai 2017).

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