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Reportage – Kurt Weill: The Eternal Road. Teil 3: Das Werk

Kurt Weills The Eternal Road besteht aus zwei getrennten Fiktionalitätsebenen, die im Laufe der vier Teile immer mehr miteinander verknüpft und im Finale zusammengeführt werden. Die erste Fiktionalitätsebene bildet die Rahmenhandlung von The Eternal Road und besteht aus einer zeitlosen jüdischen Gemeinde, die aus Angst vor Pogromen in ihre Synagoge flüchten und die ganze Nacht im Gebet verharrt. Der Rabbi, von wenigen Stellen abgesehen, der einzige singende Vertreter der Synagoge, zeigt durch die Rezitation der Tanach, der hebräischen Bibel, episodenhaft die Geschichte des jüdischen Volkes und der damit verbundenen ewigen Wanderung auf, um den anwesenden Gläubigen die Furcht vor dem kommenden Leidensweg zu nehmen.

Durch seinen Gesang erwachen die biblischen Figuren zum Leben und bilden die zweite Fiktionalitätsebene. Die durchkomponierten Episoden aus der Tanach werden immer wieder durch gesprochene Szenen in der Synagoge, die das Bibelgeschehen kommentieren und Einfluss auf den nächsten Szenenkomplex haben, unterbrochen. Der Rabbi ist durch die Wirkung seines Gesanges das Bindeglied dieser beiden Fiktionalitätsebenen. Das von Werfel geforderte Doppelgeschehen, also das zeitgleiche Spielen zweier Szenen, wurde in der Uraufführung durch ein imposantes Bühnenbild, bestehend aus mehreren simultan bespielbaren Teilbühnen, umgesetzt. Vorlage dafür waren die Mysterienspiele des Mittelalters mit der charakteristischen dreiteiligen Bühne (Unterwelt/ Hölle, Erde und Himmel).

Der erste Teil Die Erzväter beginnt mit der Geschichte von Abraham, der mit seiner Frau Sara, unterlegt von einer Marschmelodie, in das Gelobte Land Kanaan zieht, nachdem Gott mit ihm einen Bund geschlossen hat. Nach der Zerstörung der sündhaften Städte Sodom und Gomorrha gebar Sara Isaak. Die Rettung Isaaks vor dem Opfertod durch das plötzliche Eingreifen des Chores der Heerscharen und eine anschließende jubelnde Chorfuge im Stile der Barockzeit schließen den ersten Szenenkomplex ab. Die nachfolgende Episode fasst die Geschichte von Isaaks Sohn Jakob und seinen zwölf Kindern, den späteren Stämmen Israels, zusammen. Der dritte Szenenkomplex wird Jakobs Lieblingssohn Joseph gewidmet. Von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft, erlangte er am Hofe des Pharao als Berater und Traumdeuter Wohlstand und Ehre. Diese Episode steht wegen vieler kleinerer Turbachöre (Brüder des Joseph) und eindrucksvollen Rezitativen in der Tradition des Oratoriums bzw. der Passionen. Der erste Teil endet mit einem feierlichen Marsch, nachdem Joseph seinen Vater und seine Brüder in Ägypten freudig willkommen heißt.

Ein Trauermarsch eröffnet den zweiten Teil Mose, da nach dem Tod Josephs und seiner Brüder der neue Thronfolger die Israeliten versklavte. Nachdem Mirjam den Zuschauern die Geschichte ihres Bruders Mose in Form einer Kanzone erzählt hatte, muss dieser vor dem Pharao fliehen, weil er einen Sklaventreiber erschlägt. Am Berg Horeb offenbart sich Gott dem Mose in Form des brennenden Dornbusches. Der anschließende Exodus wird durch eine Tumultszene in der Synagoge ausgespart und die Bibelhandlung setzt erst wieder bei dem Empfangen der Zehn Gebote am Berg Sinai ein. Nach dem Tanz um das goldene Kalb folgt die 40-jährige Wüstenwanderung, ehe das Gelobte Land erreicht wird. Der zweite Akt klingt mit Moses Tod aus.

Der dritte Teil Die Könige wird mit einer kleinen Episode über die Stammesmutter Ruth und deren Ehemann Boas eröffnet, ehe Saul durch den Propheten Samuel zum ersten König Israels gesalbt wird. Dieser führt Krieg gegen die Philister und nur ein kleiner Hirtenjunge konnte den Riesen Goliath besiegen: David, der nach dem Tod Sauls zum zweiten König gesalbt wird. Durch den Ehebruch mit Bathseba zog er Gottes Zorn auf sich und das gemeinsame Kind musste sterben. Nach der Wiederversöhnung mit Gott zeugte er mit seiner nun zur Frau genommenen Bathseba einen Sohn, den dritten König Israels und Tempelerbauer Salomo. Die letzte Szene dieses Aktes endet mit der feierlichen Einweihung des Tempels in Jerusalem. Hier verwendet Weill als musikalisches Ausdrucksmittel der Freude die Doppelchörigkeit.

Im vierten und letzten Teil Die Propheten erscheinen sowohl Jesajah, der den Messias verkündet, als auch Jeremiah, der die Zerstörung des Tempels und die darauffolgende Diaspora der Juden prophezeit. Letzterer kämpft sowohl gegen die erneut aufkommende Sünde im Volk, zum Beispiel durch den Götzendienst, als auch gegen falsche Propheten im Land an. Einer dieser falschen Propheten mit den Namen Chananjah beeinflusst den letzten König Israels Zedekiah so stark, dass dieser sich weigert die Vorherrschaft des babylonischen Königs Nebukadnezar anzuerkennen. Daraufhin wird Jerusalem und der Tempel durch die Truppen des Königs zerstört, das babylonische Exil beginnt. Gleichzeitig erscheint in der Synagoge (1. Fiktionalitätsebene) der Engel der Endzeit (Messias), ehe ein Bote die Gemeinde auffordert, das Land bei Androhung der Todesstrafe zu verlassen.

Das Finale des Bibelspiels bildet ein feierlicher Marsch aus der Synagoge ins nun folgende Exil, angeführt von Abraham über Mose bis hin zu Jeremiah, danach der Rabbi mit erhobenen Schriftrollen und der zeitlosen Gemeinde. Der Zug schreitet dem Messias und dem Chor der Heerscharen entgegen. Bevor Abraham den Erlöser mit seinen Armen berühren kann, schließt sich der Vorhang. Der Weg der Verheißung endet offen.

Foto: Richard H. Tucker, Jr.

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