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Reportage – Kurt Weill: The Eternal Road. Teil 2: Kurt Weill und das Judentum

Der aus einer jüdisch-orthodoxen Familie stammende Kurt Weill wurde am 2. März 1900 in Dessau geboren. Die Mutter, Nachfahrin einer alten Rabbiner-Familie, übernahm größtenteils die religiöse Erziehung der Kinder, während der Vater an der örtlichen Gemeinde als Kantor und Religionslehrer angestellt war. Bereits in jungen Jahren kannte Weill das religiöse Leben seiner Glaubensbrüder in Dessau. Seine ersten Kompositionen für den synagogalen Gottesdienst mit dreizehn Jahren, die Auseinandersetzung mit dem jüdischen Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy und der Haltung Richard Wagners zum Judentum sind Zeugnisse seiner religiös geprägten Jugendzeit.

Der wachsende Antisemitismus Anfang des 20. Jahrhunderts und die Angst vor Unruhen durch eine Revolution in der Zwischenkriegszeit stürzten Weill in eine Sinnes- und vor allem eine Glaubenskrise. Sein musikalisches Talent wurde wegen seines Bekenntnisses zum jüdischen Glauben von den Kritikern seiner Zeit komplett ignoriert. In einem Brief an seinen Bruder Hans Weill drückt der erst 19-Jährige seine tiefe Verzweiflung aus:

Ich war schon fast bei dem Entschluss angelangt, die Schreiberei aufzustecken, und mich nur auf die Kapellmeisterei zu werfen. Wir Juden sind nun einfach mal nicht produktiv und wenn wir es sind, wirken wir zersetzend und nicht aufbauend und wenn die Jugend in der Musik die Mahler-Schönberg-Richtung für aufbauend, für zukunftsbringend erklärt (ich tue es ja auch!), so besteht sie eben aus Juden oder aus jüdelnden Christen. Niemals wird ein Jude ein Werk wie die Mondscheinsonate schreiben können.

Mit der räumlichen Entfernung von seinem Elternhaus und durch die musikalische Ausbildung in Berlin trennte er sich auch von den religiösen Ritualen, wenngleich er noch immer in der Synagoge als Kantor arbeitete. In dieser Zeit wandte er sich der evangelischen Kirchenmusik, vor allem der Johann Sebastian Bachs, zu. Durch die Zusammenarbeit mit dem bekennenden Kommunisten und Atheisten Bertolt Brecht entfernte er sich immer mehr vom jüdischen Glauben. In dieser sehr produktiven Zeit gelang ihm 1928 mit der Dreigroschenoper der Durchbruch.

Dem aufkommenden Nationalsozialismus waren allerdings die Arbeiten von Brecht und Weill einerseits wegen des jüdischen Bekenntnisses des Komponisten, andererseits wegen der anarchistischen und sozialkritischen Tendenzen der Werke ein Dorn im Auge. Der Konflikt gipfelte in dem größten Theaterskandal der Weimarer Republik, als Mitglieder der NSDAP die Uraufführung der neuen Brecht-Weill Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny störten, die Zuschauer ebenfalls zum Boykott aufriefen und die Uraufführung nur mit Mühe zu Ende gespielt werden konnte. Die Machtübernahme durch die Nationalsozialist*innen im Jahre 1933 zwang Weill ins Exil nach Frankreich, kurze Zeit später belegte Nazideutschland seine Werke mit einem Aufführungsverbot. Der Eintrag im Lexikon der Juden in der Musik verdeutlicht, wenn auch erst 1940 veröffentlicht, den Hass gegenüber Weill:

Weill, Kurt Julian: Dessau 02.03.1900, Komponist und Kapellmeister. Der Name dieses Komponisten ist untrennbar mit der schlimmsten Zersetzung unserer Kunst verbunden. In Weills Bühnenwerken zeigt sich ganz unverblümt und hemmungslos die jüdisch anarchistische Tendenz. (…) Mit seiner gemeinsam mit Bert Brecht (Text) geschriebenen Dreigroschenoper (1928) errang er einen sensationellen Erfolg. (…) Dieses Werk mit seiner unverhohlenen Zuhälter- und Verbrechermoral, seinem Song-Stil und seiner raffiniert primitiven Mischung von Choral, Foxtrott und negroidem Jazz wurde von jüdischer und judenhöriger Seite als revolutionärer Umbruch der gesamten musikdramatischen Kunst gepriesen.

Als sich Weill in Louveciennes, einem Pariser Vorort, aufhielt, inszenierte Max Reinhardt im Théâtre Pigalle Die Fledermaus. Der Produzent Meyer Weisgal trat mit der Idee eines großen jüdischen Bibelspieles an den Theatermacher heran und gewährte ihm völlige Freiheit bei der Wahl der Künstler. So gewann Reinhardt sowohl Franz Werfel (Text) als auch Weill (Musik) für das Großprojekt Der Weg der Verheißung. Nach mehreren Treffen auf Schloss Leopoldskron, Reinhardts Wohnsitz in Salzburg, unterzeichneten die Beteiligten einen Vertrag und verpflichteten sich, ein biblisches Moralspiel in Musik zu schreiben, zu komponieren und darzustellen, das die geistigen Ursprünge, die frühere sagenhafte Geschichte und das zeitlose Schicksal des jüdischen Volkes darstellen soll, zu dem sie gehören.

1935 emigrierte Weill nach Amerika und erhielt acht Jahre später die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Er legte die deutsche Sprache vollkommen ab, identifizierte sich immer mehr mit der dortigen Kultur und bezeichnete sich selbst als amerikanischen Komponisten. Das Projekt Der Weg der Verheißung nahm er nach Amerika mit. Die Uraufführung musste wegen unvorhergesehener Ereignisse mehrmals verschoben werden, konnte allerdings am 7. Januar 1937 im Manhattan Opera House in englischer Sprache als The Eternal Road in gekürzter Form uraufgeführt werden.

Nur wenigen Kritikern missfiel die Premiere. Umjubelt wurde vor allem Reinhardts Inszenierung. Die Musik hingegen fand kaum Beachtung, wohl auch, da sie wegen der monumentalen Inszenierung aus Platzgründen vom Tonband erklingen musste. Die wenigen Musikrezensionen fielen weitgehend wohlwollend aus und hoben immer wieder die vielen musikalischen Stile hervor, wie zum Beispiel barocke Doppelchöre und Chorfugen, Elemente des Jazz und der Tanzmusik sowie amerikanische Marschmusik. Durch Inhalt, Aufbau, Struktur und musikalische Vielschichtigkeit ist The Eternal Road eine besondere Form des Musiktheaters, die sich nicht leicht in einen Gattungsbegriff einordnen lässt.

Die Originalpartitur ist bis heute verschollen, im Nachlass von Lotte Lenya, Weills Ehefrau, befanden sich allerdings Photographien, die in dem Archiv der Kurt Weill Foundation in New York eingesehen werden können. Der amerikanische Komponist Ed Harsh besorgte eine für den heutigen Spielbetrieb angepasste, allerdings wegen des stark oratorienhaften Duktus eher diskussionswürdige Bearbeitung des Werks. In dieser Version fand am 13. Juni 1999 die deutsche Erstaufführung des Bibelspiels an der Oper Chemnitz statt. Auch die konzertante Aufführung beim diesjährigen Kurt Weill Fest griff auf diese Fassung (die einzig erhältliche) zurück.

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