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Opernkritik – Jules Massenet: Werther (Bayerische Staatsoper, München)

Premiere: 16.10.2006
Regie, Bühne, Licht und Kostüme: Jürgen Rose
Musikalische Leitung: Asher Fisch
Besuchte Vorstellung: 31.10.2015
Fotos: Wilfried Hösl, Dario Acosta

Jules Massenets Oper Werther, nach dem Briefroman Die Leiden des jungen Werthers von Johann Wolfgang von Goethe, ist in Jürgen Roses Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper aus dem Jahr 2006 einer behutsamen Modernisierung unterzogen worden. Das Drama um die abgewiesene Liebe Werthers zu der mit Albert verlobten bzw. ab dem zweiten Akt verheirateten Charlotte und seinem Suizid am Ende wird gerade an der Bayerischen Staatsoper wiederaufgenommen. Das von Rose selbst entworfene Bühnenbild zeigt in der Mitte der leicht ansteigenden Guckkasten-Bühne einen hohen Fels, darauf Stuhl und Schreibtisch. An ihm sitzt Werther und schreibt unentwegt. Bereits die weiße Decke, die Drehbühne und die Wände sind mit handschriftlichen Notizen, Zitaten und Briefen in französischer Sprache geradezu übersät und ergeben ein surrealen Bühnenraum. Wie in der literarischen Vorlage fließt aus Werthers Feder das Drama, das zu seinen Füßen sich dem Zuschauer visualisiert. Einzig die Requisiten auf der Bühne und die außerhalb der Guckkastenbühne im Hintergrund zu sehenden Bäume ergeben konkrete Szenen, die die Geschichte in aller Einfachheit erzählen.

Die gesellschaftliche Isolation Werthers ist von Beginn an deutlich spürbar. Mithilfe einer Drehbühne wechseln sprunghaft die Szenen: Von idyllischer Familienatmosphäre über gemütliche Wirtshaus-Stimmung bis hin zur Goldenen Hochzeit des Pastors in der Kirche. Wenn Werther den Schreibtisch für seine eigenen Szenen verlässt, erlebt er seine Biographie – er erleidet sein tragisches Schicksal. Bei seinen großen Monologen erstarrt die Szenerie um ihn herum und er betrachtet sich in den Spiegeln, die in der Laibung des Bühnenbogens integriert sind. Er unterzieht sich selbst seiner depressiven Selbstreflexion. Nach der großen 45-minütigen Umbaupause sieht man den vermeintlich selben Bühnenraum. Man wundert sich einen kurzen Moment, stellt aber dann sekundenschnell fest: gar nichts ist so wie es vorher war. Der im ersten Teil noch hell ausgeleuchtete weiße Raum hat stark an Leuchtkraft eingebüßt, ja mehr noch: finster, dreckig und kaltschwarz wirkt er jetzt. Werthers Kritzeleien haben in seiner Todessehnsucht an Verworrenheit und Verwirrtheit noch zugenommen. Spätestens bei der zentralen Stelle im dritten Akt, wenn sich Werther und Charlotte am Weihnachtstag wiedersehen, erkennt man Roses Regiekonzept:
Charlotte: Seht! Das Haus ist noch dasselbe, das Ihr verlassen habt. Und wenn Ihr es wiederseht, erscheint es Euch nicht so, wie Ihr Euch daran erinnert?
Werther: Ja, ich sehe… hier hat sich nichts verändert… nur die Herzen! Jedes Ding ist noch an dem bekannten Platz.
Rose verweigert in seiner Inszenierung die Realität. Für ihn entsteht das ganze Drama in Werthers Kopf, es ist ein Konstrukt – mit tragischem Ausgang. Auch die Personenregie, die bei der Premiere vor neun Jahren sicherlich ausdifferenzierter ausfiel, deutet in die Richtung. Ein gelungenes, wenn auch subtiles Regiekonzept.

In der Wiederaufnahme sang Rolando Villazón zwei Vorstellungen. Für die andren beiden Abende konnte Matthew Polenzani in der Partie des bipolaren, von einem Extrem ins andere umschlagenden, egoistischen Werther gewonnen werden. Seine Rolleninterpretation ist ein wahrer Genuss zum Anhören. Von äußerst feinsinnigen, sensiblen Pianissimostellen bis hin zu kraftvoll-dramatischen Fortissimoausbrüchen gelingt ihm alles. Voll von Melancholie und tenoralem Weltschmerz ist seine große Soloarie Pourquoi me réveiller im dritten Akt, die das Publikum verdientermaßen mit kräftigem Szenenapplaus und Bravorufen bejubelt. Eine wirklich einzigartige Leistung. Direkt nach München ist er in gleicher Rolle in Wien zu erleben (Inszenierung: Andrei Serban). Die Rolle des Alberts wurde von Michael Nagy gesungen. Erfolgreich, wohlhabend, gut gekleidet und im Falle des heutigen Sängers auch noch gut aussehend – ganz das Gegenteil zu Werther. Die oftmals als sehr langweilig empfundene Rolle bekommt dank Nagys angenehmen und weit ausstrahlenden Baritons eine wünschenswerte Aufwertung. Vor allem im dritten Akt konnte er ein stimmig-dramatisches Pendent zu Polenzanis Werther liefern.

Angela Browers Mezzosopran liegt für die Rolle der Charlotte genau richtig. Ihr lieblich, zurückhaltend-nobler Gesang passt besser für die zwischen Pflichtbewusstsein und leidenschaftlicher Zuneigung schwankenden weiblichen Hauptpartie als der röhrende Mezzosopran viele ihrer Kolleginnen. Positiver Nebeneffekt: Ihr Gesang mischt sich in den verschiedenen Duetten wunderbar stimmig und trägt so zu den Höhepunkten des Opernabends existenziell bei. Ihre von kindlich-naiver Fröhlichkeit komplett überzogene Schwester Sophie wurde von Hanna-Elisabeth Müller gesungen. An ihrem leuchtenden, voluminösen Sopran kann man sich gar nicht satthören. Dem Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper ist wieder einmal ein wunderschönes erstklassiges Rollenporträt gelungen. Man hätte ihr gerne länger zugehört. Das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Asher Fisch spielte heute nicht unbedingt ihr Kernrepertoire. Trotzdem ist die spannungsgeladene Musik, der Kontrast zwischen kammermusikalischen Passagen und ohrenbetäubenden Fortissimoausbrüchen deutlich hörbar. Dies muss aber vor allem an der handfesten Massenet-Partitur gelegen haben, denn ein Blick in den Orchestergraben verriet, dass das Staatsopernorchester lieber Konzertmeister und Stimmführer anvisierte, als dem Dirigent des Abends auch nur eines Blicks zu würdigen. Dass die Musik trotzdem die Zuschauer packen konnte und dadurch der Abend zu einem tollen Opernerlebnis wurde, spricht für die Qualität des Staatsorchesters.

[Die Szenenfotos der Bayerischen Staatsoper zeigen Rolando Villazón als Werther, nicht Matthew Polenzani]

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