Il-mondo-della-luna-salzburg-Foto-Anna-Maria-Löffelberger

Opernkritik – Joseph Haydn: Il mondo della luna (Salzburger Landestheater, Salzburg)

Premiere: 20.9.2015
Regie: Andreas Gergen
Musikalische Leitung: Mirga Gražinytė-Tyla
Besuchte Vorstellung: 27.12.2015
Fotos: Anna-Maria Löffelberger

Carlo Goldoni gilt als der wichtigste italienische Komödiendichter und Librettist des frühen 18. Jahrhunderts. Vor allem in der Zusammenarbeit mit dem Komponisten Baldassare Galuppi reformierte er die italienische Literaturkomödie, schufen sie doch gemeinsam durch individualisierte, lebensnahe Charaktere, fein nuancierte Ensembleszenen und farbige Tableaus sowie kontrast- und temporeiche Kettenfinali einen neuen Standard im lustigen Sujet und bewusst in Abgrenzung zur commedia dell’arte. Innerhalb von nur acht Jahren feierten 15 opere buffe des Künstlerduos auf den Bühnen Venedigs erfolgreich ihre Uraufführungen und begründeten dadurch eine ganze Ära. Besonders viele Neuvertonungen durch andere Komponisten erfuhr in der Folgezeit das Libretto zur 1750 uraufgeführten Oper Il mondo della luna: Florian Leopold Gassmann (1761), Niccolò Piccini (1762), Giovanni Paisiello (1774) und Gennaro Astaritta (1775), um nur die bekanntesten Komponisten zu nennen.

Auch Joseph Haydn vertonte das Goldoni-Libretto Il mondo della luna, wenngleich er eine Mischfassung zwischen Original und der Astaritta-Version aus unbekannter zweiter Hand benutzte. Ihre Premiere feierte das Werk am 3. August 1777 im Opernhaus des Schlosses Eszterháza im Rahmen der Feierlichkeiten zur Hochzeit von Graf Nikolaus, Sohn von Haydns Dienstherren, dem Fürsten Nikolaus Joseph Esterházy, und Maria Anna Gräfin Weißenwolf. Nach nur drei nachweißlichen Aufführungen verschwand die Geschichte über das Verwirrspiel einer inszenierten Mondlandung für lange Zeit in den Archiven. Erst 1932, zum 200. Geburtstag von Haydn, wurde das Werk durch das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin aus der Vergessenheit geholt, wenn auch in einer stark bearbeiteten Version von Mark Lothar.

Eine richtige, freilich kurzatmige Renaissance des Werkes setzte ab 1959 ein. Zwei Jahre zuvor läutete der Sputnik 1, der erste Satellit im Weltall, das Zeitalter der Raumfahrt ein und gab die Initialzündung für eine richtige Weltallbegeisterung. In dieser Tradition ist auch die Interpretation von Haydns Il mondo della luna am Salzburger Landestheater zu deuten. Operndirektor und Regisseur Andreas Gergen versetzt die Handlung direkt in das Jahr 1969. Eine kiffende Hippie-Studenten-Kommune mit geheimem Forschungslabor gaukelt dem Hobbyastronom und Vado, vado; volo, volo-singenden Bonafede im Strick-Schick via LSD-Trip vor, er sei auf dem Erdtrabanten. Durch diese List kommen Ecclitico, Ernesto und Cecco auch ihrem wirklichen Ziel näher, die beiden Töchter des Weltraumfanatikers, Clarice und Flaminia, sowie seine selbstbewusste Haushälterin Lisetta zu ehelichen.

Der Zeit der 68er Jahre folgend wird der Mond als Utopie gegen gesellschaftliche Konventionen und für die freie Liebe gedeutet. Psychodelische Blumen in quietschbunten Neonfarben bilden dort die Flora, extraterrestrische Sternkrieger im Konservendosenoutfit und Balletttänzer mit aufwändigen Frisuren bilden die Bewohner des Mondes. Der König über das Reich Luna ist eine fluoreszierende Tenor-Riesenkrake mit Menschenkopf, Dreadlocks und Peace-Zeichen-Kette. Die von Regina Schill im besten Sinne geschmacklos-trashig entworfenen Kostüme hätten jeder Bad-Taste-Party problemlos den letzten Schliff gegeben. Sogar ein kleiner R2-D2, allerdings in der Studenten-Mülleimer-Version, huscht über die Bühne. Bei so einer zugespitzten Persiflage auf die Science -Fiction-Welt ist es fast noch grotesker, am Ende der Oper im Röhrenfernsehr tatsächlich die Mondlandung vom 21. Juli 1969 mit zu verfolgen.

Es ist ein lustiger, kurzweiliger und unterhaltsamer Abend, den Regisseur Andreas Gergen geschaffen hat. Doch an dem wirkmächtigen Goldoni-Libretto und der Haydn-Partitur konnte es nicht liegen. Tilmann von Blomberg erstellte der Grunddramaturgie des Textbuches folgend extra für diese Produktion eine moderne Dialogfassung. Den gesungenen italienischen Rezitativen wichen so neugetextete gesprochene Dialoge in deutscher Sprache. Damit erhöht sich das Erzähltempo rasant und die Handlung gewinnt an Komik. Auch wenn tiefgreifende und radikale Modernisierungen von Librettotexten nicht jedermanns ästhetischen Prämissen entsprechen – das Salzburger Landestheater zeigt mit dieser gelungenen Produktion, dass unter Berücksichtigung der Grunddramaturgie und der Musik Bearbeitungen durchaus sinvoll sein können, vorausgesetzt Oper soll in dieser Form unterhalten.

Beste Unterhaltung gab es an diesem Abend ohne Zweifel durch das überragend spielende und solide singende Gesangsensemble. Leichtgläubig, liebenswert, schrullig, besorgt um die Tugendhaftigkeit der Töchter und vernarrt in den Mond: So interpretierte Sergio Foresti vielschichtig und durchdacht den Hobbyastronom Bonafede. Haydn komponierte für die Basspartie gleich drei großen Sehnsuchtsarien: La ragazza col vecchione, Vado, vado; volo, volo und Che mondo amabile. Diese präsentierte der italienische Bass allerdings dem Zuschauer nicht einfach trottelhaft-naiv, wie man es vielleicht bei einer lustigen Rolle denken würde, sondern mit Liebe zum Detail differenziert klug. Dass er am Ende alleine beliebt, hat er zumindest musikalisch nicht verdient.

Besonders herauszuheben ist die tenoral leuchtende Strahlkraft von Bariton Maximilian Krummen. Der Absolvent des Internationalen Opernstudios der Staatsoper Berlin war dieses Jahr auch bei den Bregenzer Festspielen 2015 als Guglielmo in Wolfgang A. Mozarts umjubelter Cosi fan tutte (Inszenierung: Jörg Lichtenstein) zu erleben. Auch Laura Nicoresci sammelte als Fiordiligi in Mozarts letzter Da-Ponte-Oper ihre ersten Erfolge auf der Opernbühne (Opernstudio der Bayerischen Staatsoper, Inszenierung: Tobias Kratzer). Das Ensemblemitglied des Salzburger Landestheater brillierte mit lyrischen Qualitäten, strahlender Höhe und perfekten Koloraturen als Clarice, besonders in ihrer großen Arie Son fanciulla da marito. Auch die erst 20 jährige, in Wien studierende Tamara Ivaniš zeigte mit ihren beiden Arien Ragion nell’alma siede und Se la mia stella, welch potenzial in der jungen Kroatin steckt. Wenn man ihre Koloraturen hört, kann man ihr nur vom ganzen Herzen eine gute Karriere wünschen. Mit Rowan Heiller in der Rolle als durchtriebene Haushälterin Lisetta wurde auch ein weiteres Prunkstück der Oper, die Buffoarie Una donna come me, gewitzt und mit viel Charme interpretiert.

Beeindruckend war auch die Leistung des Balletttänzers, Artisten und Allroundkünstlers David Pereira Nieto. Der spanische Akrobatikweltmeister errang in der Fernsehshow France’s Got Talent 2013 den dritten Platz. Seine damalige Choreographie im Einkaufswagen wiederholte der Schlangenmensch zum Teil auch in dieser Inszenierung. Dem Programmheft ist zu entnehmen, dass er bald auch als Schauspieler zu erleben sein wird. Angesichts dieses überwiegend jungen und frischen Ensembles für Il mondo della luna darf man auf die kommenden Produktionen des Salzburger Landestheaters gespannt sein, besonders auf die österreichische Erstaufführung von Charles Wuorinens Oper Brokeback Mountain Ende Februar.

Die seit dieser Spielzeit neue Musikdirektorin des Salzburger Landestheater Mirga Gražinytė-Tyla machte 2012 auf sich aufmerksam, als sie den Nestlé and Salzburg Festival Young Conductors Award gewann. Mit guter Laune und gewitzten Schwung stand die gebürtige Litauerin am Pult des Mozarteumsorchester Salzburg. Doch leider spielte das sonst bessere Orchester allzu routiniert und lustlos. Die staubige Akustik des Opernhauses ist gnadenlos und verzeiht keinen einzigen Fehler, zu oft war Intonation in den Streichern ein Fremdwort. Aber vielleicht haben die vorhergegangenen Weihnachtsfeierlichkeiten ein Trägheitsgefühl in den Fingern einiger Orchestermusiker verursacht. Bei einer solchen Unterhaltungsproduktion kann man allerdings wohlwollend ein Auge zudrücken, bei künftigen Projekten eher nicht.

Zur Werkzeugleiste springen