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Opernkritik – Heinrich Marschner: Hans Heiling (Theater Regensburg)

Premiere: 19.9.2015
Regie: Florian Lutz
Musikalische Leitung: Israel Gursky
Besuchte Vorstellung: 29.12.2015
Fotos: Jochen Quast

Heinrich Marschner und Albert Lortzing gehörten zu den erfolgreichsten deutschen Opernkomponisten zwischen 1830 und 1850. Doch die bis weit in das 20. Jahrhundert hinein gespielten Werke teilen heutzutage das gleiche traurige Schicksal: Sie sind fast gänzlich von den Spielplänen der Opernhäuser verschwunden. Zu Bindegliedern zwischen Carl Maria von Webers Der Freischütz und Richard Wagners Der fliegende Holländer degradiert, werden die beiden Komponisten selbst in musikwissenschaftlichen Abhandlungen kaum angemessen gewürdigt. Daher freuen sich Musikwissenschaftler und eingefleischte Opernfans gleichermaßen, dass in der wagnerdominierten Opernlandschaft das Theater Regensburg seine diesjährige Spielzeit mit einer szenischen Neuproduktion von Marschners musikhistorisch bedeutender Oper Hans Heiling eröffnete. Zum Jahresende war die erfolgreiche Produktion nochmals in einer ausverkauften Vorstellung zu erleben.

Eduard Devrients Libretto hat die deutsch-böhmische Volkssage Hans Heilings Felsen zur Vorlage. Die Erzählung über die die Steinverwandlung einer Hochzeitsgesellschaft ist unter anderem auch im Märchenbuch der Gebrüder Grimm zu finden. Gegen den Willen seiner Mutter, der Königin der Erdgeister, verlässt Hans Heiling das Reich der Unterwelt, um in Annas Armen ganz zum Menschen zu werden. Sowohl das bildhübsche Bauernmädchen als auch ihre Mutter Gertrud sind vom galanten und werbenden Auftreten des reichen Edlen begeistert. Im Wirtshaus allerdings muss Hans mit ansehen, wie der kernige Jäger Konrad Anna zum Tanz auffordert und ihr den Hof macht.

Seine Eifersucht ist nicht unbegründet: Anna gesteht sich auf ihrem Nachhauseweg selbst ein, dass sie Konrad und nicht Hans liebt. Ihr suspektes Gefühl gegenüber dem reichen Fremden wird durch die Begegnung mit der Königin und ihrem ganzen Gefolge im Wald unheilvoll bestätigt. Sie alle fordern drohend Anna auf, den Geisterfürst der Berge aus dem Netz der Liebeszauberei freizugeben. Konrad findet die daraufhin völlig Verstörte und sie gestehen einander ihre Liebe. Doch Hans ersticht in rasender Eifersucht den Nebenbuhler. Zurück in der Geisterwelt erfährt er, dass sein Attentat scheiterte und Anna und Konrad heiraten werden. Daraufhin kehrt er racheerfüllt mit einer Armee von Erdgeistern in die Menschenwelt zurück. Doch die Königin verhindert durch ihr Einschreiten eine Eskalation des Konflikts. Der Geisterprinz akzeptiert sein Schicksal, versöhnt sich mit den Menschen und kehrt in die Arme der wartenden Mutter zurück.

So zumindest erzählt es das Libretto. Doch mit Florian Lutz inszeniert in Regensburg ein junger, unkonventioneller Regisseur, der alles Märchenhafte, Romantische und Schauerliche großzügig entfernt. Der designierte Operndirektor in Halle bürstet auch in dieser Produktion kräftig gegen den Strich. Zu Beginn der Aufführung werden die Zuschauer mit Parkettkarten auf die Bühne gebeten. Mit dem ersten Ton finden sie sich mitten im Prolog. Choristen und Statisten fordern die Zuschauer auf, Geldbündel in die Mitte zu tragen, die dann von Chordamen in Frischhaltefolien gebündelt oder in Geldsäcke verpackt werden. Mitten im Gewusel: Die Königin der Erdgeister in grau-silbernen Kostüm, strenger Frisur und Klemmbrett, die erfolglos versucht, ihren in Richtung Schnürboden fliehenden Sohn zurückzuhalten. Die Königin erinnert in ihrem Auftreten an die BMW Großaktionärin Johanna Quandt, bis zu ihrem Tod in diesem Jahr die reichste Deutsche.

Matthias Laferi als aalglatter Moderator mit Zahnpastalächeln erklärt, wie öfters an diesem Abend, wie die Situation laut Regiekonzept zu verstehen sei. Die Menschheit zerfällt in zwei Gruppen: Die Großkapitalisten und das Proletariat. Die dualistische Weltsicht der Schauerromantik wird zum ideologischen Klassenkampf umgedeutet. So steht auch nach dem Prolog die folgenschwerste Entscheidung des Abends an: Soll man als Kapitalisten-Erdgeist im prachtvollen Zuschauerraum als passiver Beobachter die Parkettplätze einnehmen oder bleibt man auf der Bühne, um sich als Arbeiter mit den ausgebeuteten Menschen zu solidarisieren? Es ist ein typisches Motiv einer Lutz-Inszenierung, dass jeder Zuschauer im Laufe des Abends eine Rolle einnehmen wird, auch wenn er sich noch so dagegen sträubt.

Wer sich für das Proletariat entscheidet, findet sich wenig später im blauen Arbeitskittel, Hygienekappe und Plastikhandschuhen als Mitarbeiter der Heiling-Holding zum Kartoffelschälen auf der Bühne wieder. An der Rampe hingegen kommen sich nach kurzen Dating-Allüren des Moderators Hans und Anna im Zweimann-IKEA-Gartenhäuschen näher. Mutter Gertrud muss währenddessen draußen bleiben. Mit der zweiten Szene des ersten Aktes ändert sich grundlegend die Stimmung auf der Bühne. Denn anders als die Erdgeister können die einfachen Menschen nicht nur arbeiten, sondern auch ausgelassen im Wirtshaus feiern! Es wird Dosenbier und Wiener Würstchen mit industriegefertigten Kartoffelsalat gereicht, getanzt, Noten verteilt und gemeinsam der ‚Proletarierchor‘ Juchheisa angestimmt. Die Arbeiter genießen das einfache Leben in vollen Zügen.

Spätestens hier ist die Grundfrage der Inszenierung gestellt. Was macht den Menschen zum Menschen? Die Antwort wird praktisch minütlich gegeben: Es ist nicht der raffgierige Kapitalismus, der den Menschen schadet, sie zu Maschinen entindividualisiert und die Moral rücksichtslos aushebelt. Es sind die einfachen Arbeiter, die zwar mit ihrem Geld haushalten müssen, aber das Träumen und Lieben nicht verlernt und die Werte nicht verloren haben. Vielleicht ist es deshalb konsequent, wenn Hans am Ende librettofremd vor den Füßen seiner Mutter stirbt, diese jedoch sich lieber um die Gewinnmaximierung der Heiling-Holding kümmert.

Es ist eine spektakuläre und gehaltvolle Inszenierung, die Florian Lutz mit klarem Konzept auf die Bühne bringt. Jedoch ist die Vorschlagshammermethode sicherlich nicht jedermanns Geschmack. Denn um die Oper für diese Deutung brauchbar zu machen, wurden sämtliche gesprochene Dialoge gestrichen und auch musikalisch etwas gekürzt. Die übriggebliebenen Musiknummern werden mit neu geschriebenen Dialogen verbunden. Doch die ironisch vorgetragenen kommunistisch-marktschreierischen Slogans und die hochtrabenden soziologischen Worthülsen hinterlassen das Gefühl, dass der Regisseur die Oper nicht ganz ernstnehmen kann. Trotz dieser tiefgreifenden Eingriffe bleibt die Grundaussage erhalten, was für Hans Heiling spricht. Doch ob das von Regisseuren und Dramaturgen so geschmähte Libretto in Reimform wirklich so kitschig, albern und überkommen ist und daher eine Textmodernisierung die einzige Möglichkeit für eine gelungene Aufführung der Oper ist, darf wirklich angezweifelt werden.

Die tiefgehenden Regieentscheidungen sind aber auch für einen in der Oper eigentlich nicht zu unterschätzenden Aspekt folgenschwer: die Musik. Das Orchester wird suboptimal und in schlechter Qualität während des Prologs über Lautsprecher blechern auf die Bühne übertragen. Die anschließende Ouvertüre zum ersten Akt wird von einer wild redenden, raschelnden, verwirrten und plätzesuchenden Meute respektlos zertrampelt. Abhilfe hätte man leicht schaffen können, in dem der Dirigent mit dem Beginn der Ouvertüre abwartet, bis alle Zuschauer im Parkett oder auf der Bühne ihre Plätze eingenommen haben. Ebenfalls wurden nicht wenige Musiknummern entweder vom Talkshowmoderator oder von Megafonrufen zerschlagen. Besonders ärgerlich war dies bei der großen Soloszene Konrads, der neben seiner Arie noch mit kommunistischen Revolutionsparolen die protestierenden Proletarier koordinieren und anstacheln musste. Manchmal hätte mehr Marschner und weniger Brecheisen nicht geschadet.

Sängerisch wie schauspielerisch überzeugte an diesem Abend allen voran Theodora Varga als Königin der Erdgeister. In ihrer zentralen Szene im zweiten Akt schleuderte die rumänische Sopranistin mit beachtlicher dramatischer Wucht von der Mittelloge des erleuchteten Zuschauerraumes aus ihre Drohungen in Richtung Bühne. Der in den Logen und Rängen effektvoll positionierte Opernchor und Extrachor des Theaters Regensburg (Einstudierung: Alistair Lilley) vollendete dieses musikalisch eindrucksvolle und hochspannende Tableau. Mit Seymur Karimov als Hans Heiling ist ein solider Kavalierbariton gefunden worden, der die zerrissene Seele der Titelfigur authentisch vermittelte. Michaela Schneider interpretierte mit rundem Sopran und guter lyrisch-dramatischer Balance das Bauernmädchen Anna. Ihre Mutter Gertrud wurde warm timbriert von Vera Egorova gesungen. Besonders stach ihr Melodram Des Nachts wohl auf der Heide heraus. Mit lyrischer Kraft und James-Dean-Frisur war Steven Ebel als holzfällerhemdtragender Konrad zu erleben. Auch wenn dem kehligen Tenor nicht alle kämpferisch-kantigen Ausbrüche gelangen, schattierte er zwischen Revolutionsführer und schmachtendem Liebhaber stimmig ab.

Positiv anzumerken ist, dass Dirigent Israel Gursky aus Marschners Musik keinen Wagner machte. Das Philharmonische Orchester Regensburg spielte unter seiner Leitung temperament- und kraftvoll, verkam allerdings wie angedeutet durch die Bühnenaktionen bisweilen zu einer begleitenden Zirkuskapelle. Streckenweise schien die Koordination zwischen Sängern, Choristen und Orchester dem Konzept geschuldet dem Zufall überlassen worden zu sein. Auch wenn  das beeindruckende Regiekonzept meinungsfreudig aus dem Libretto entwickelt ist, ging es doch sehr auf Kosten der avantgardistischen und qualitätsvollen Musik Marschners. Die Aufgabe, Hans Heiling aus dem Schlaf der musikhistorisch angestaubten Fachliteratur zu erlösen, bleibt allerdings auch nach Regensburg aktuell.

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