Opernkritik – Hector Berlioz: Les Troyens (Opéra National de Paris)

Premiere: 25.01.2019
Regie: Dmitri Tscherniakov
Musikalische Leitung: Philippe Jordan
Besuchte Vorstellung: 31.01.2019
Foto: Vincent Pontet/ Opéra National de Paris

„Aux armes!“, „Zu den Waffen!“ schallt es an diesem Abend durch die Pariser Opéra Bastille. Im Finale des dritten Aktes von Hector Berlioz’ Les Troyens lässt der trojanische Held Énée seine Verkleidung fallen und bietet der verzückten Didon, der Königin von Karthago, seine Hilfe und die seiner Krieger an, um ihre zahlenmäßig unterlegenen Truppen im Kampf gegen den nubischen König Iarbas zu verstärken. Entschlossener Kriegsgesang und Vorhang. Doch anstatt das großartige Sängerensemble, an der Spitze Ekaterina Semenchuk als leidenschaftlich-selbstaufopfernde Didon und Brandon Jovanovich als unverwüstlichen Énée zu bejubeln, bricht sich ein selten gehörter Buh-Orkan Bahn. Was ist passiert?

Regisseur Dmitri Tscherniakov, auch in dieser Produktion sein eigener Bühnenbildner, hat sich für das monumentale Antikendrama im französischen Gewand einer legitimen, wenngleich folgenreichen Idee verschrieben: Keine Helden auf der Bühne! Schon im ersten Teil („La prise de Troie“ – „Die Einnahme von Troja“) zeigt er Troja als seelenlose osteuropäische Stadt unter despotischer Herrschaft von General Priam. Während der gedrillte Chor in kriegsgeschädigten, kalt-grauen Betonbauten dem Familienclan huldigen muss, macht sich selbige in einem mahagonigetäfelten Salon bereit für ein neues Familienfoto. Tscherniakov nutzt die sukzessiven Auftritte, um jede Figur namentlich via Schriftprojektion vorzustellen. Mit dem Beginn der Ouvertüre wird oberhalb des Salons ein Liveticker mit den „breaking news“ angeschmissen, der auf Französisch und Englisch das Publikum für die nächsten 90 Minuten auf den Laufenden halten wird.

Aufgefüttert mit ein paar Theatereffekten (ein brennender Mensch geht bei der Geistererscheinung von links nach rechts) und ein paar oberhalb des Salons projizierten Klischee-Sequenzen (es wird angedeutet, dass sich General Priam an der minderjährigen Cassandre vergeht), erzählt Tscherniakov diesen ersten Teil nachvollziehbar und gut durchchoreographiert. Vor allem die Szene mit der öffentlichkeitswirksamen Trauer um den gefallenen Prinzen Hector und die aufmüpfig emanzipierte, zwangsverheiratete und das Ende vorahnende Cassandre ist stark.

Doch auch aus dem ersten Teil muss alles Heldenhafte verbannt werden. So wird Énée, der bei der Trauerfeier mitansehen muss, wie Hectors Sohn zum Kronprinzen erkoren wird und nicht er bzw. sein Sohn Ascagne, völlig unnötig zum Verräter und Komplizen der Griechen, hat Énée die feindlichen Truppen durch das Trojanische Pferd in die Stadt geschmuggelt. Erst als seine in der Oper eigentlich nicht vorkommende Frau Krëusa niedergemetzelt wird, bereut er die verhängnisvolle Kollaboration. Auch das typische Grand Opéra-Finale des ersten Teils mit dem Massensuizid der trojanischen Frauen unter Anführung von Cassandre verweigert Tscherniakov. Er zeigt hingegen eine sich im Wahn radikalisierte Cassandre, die sich selbst anzündet und mit ihrer Tat die Frauen wie die feindlichen Truppen mit lauten Schreien zur Flucht bewegt.

Schon nach diesem ersten Teil war die Stimmung im Publikum kühl. Doch mit dem zweiten Teil („Les Troyens à Carthage“ – „Die Trojaner in Karthago“) und einer mit Pappkrone und Pappmache-Mantel ausstaffierten denkbar unköniglichen Didon sollte Tscherniakov die ganze Missbilligung des Pariser Publikums zu spüren bekommen. Bezeichnenderweise hat sich Elīna Garanča schon nach den ersten Proben aus „gesundheitlichen Gründen“ von dieser Produktion abgemeldet. Man kann Tscherniakov allerdings nicht vorwerfen, dass er sein Handwerk nicht beherrsche. Die Missfallenskundgebungen richten sich gegen sein Regiekonzept: Karthago ist bei ihm eine Rehaklinik für Kriegsgeschädigte und nebenbei bemerkt eine Art Selbstplagiat, hatte er diese Bild-Idee doch schon in seiner Inszenierung von Georges Bizets Carmen 2017 für Aix-en-Provence umgesetzt.

Ein sicherlich spannendes Setting, doch reicht ein Chor von in Watte eingehüllten Schwersttraumatisierten in bunten Gewändern, die unter Anleitung von Pflegekräften die Geschichte von Didon und Énée spielen, nicht aus, um über zwei Stunden Musik zu tragen. Auch die Auflösung am Ende der Geschichte hat Tradition: Didon vergiftet sich mit einem Tablettencocktail selbst und stirbt als Spielleiterin der von andern gespielten ‚Geschichte der verlassenen Didon‘ auf der Bühne. Ähnlich verfuhr bereits David Cronenberg 1993 in seinem Film M. Butterfly. Daran ist prinzipiell nichts auszusetzten, doch bleibt Tscherniakovs Regiekonzept letztlich im Klischee stecken und verschließt dadurch eher den Zugang zum Werk als das er es tiefsinniger oder bildmächtiger erschließt.

Auch wenn im großen Liebesduett „Nuit d’ivresse“ Ekaterina Semenchuk und Brandon Jovanovich an zwei verschiedenen Tischen jeder für sich singen muss: Musikalisch ist es der Gänsehautmoment des Abends und zeigt, wie gut Musikdirektor Philippe Jordan alle Beteiligten im Griff hat. Unter seiner Leitung laufen der formidabel singende Choeurs und das bestechend differenziert spielende Orchestre de l’Opéra national de Paris zu Höchstform auf. Ob feinsinnige, kammermusikalische Passagen oder große gigantische Chöre mit überwältigender Klangkraft: Jordan entlockt der Partitur souverän die faszinierende Klangwelt Hector Berlioz’. Die Wiener Staatsoper darf sich freuen, ihn bald als neuen Generalmusikdirektor am Haus am Ring begrüßen zu dürfen. Den größten Eindruck hinlässt allerdings die Mezzosopranistin Stéphanie d’Oustrac für ihr glaubhaftes, verzweifeltes Rollenprofil der hellsichtigen Cassandre.

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