die_englische_katze_hannover_foto_thomas_jauk

Opernkritik – Hans Werner Henze: Die englische Katze (Staatsoper Hannover)

Premiere: 26.11.2016
Regie: Dagmar Schlingmann
Musikalische Leitung: Mark Rohde
Besuchte Vorstellung: 26.11.2016 (Premiere)
Fotos: Thomas M. Jauk

Hochmut, Habsucht, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit: Symptome einer moralisch zerrütteten Gesellschaft. Bekannt sind sie unter dem Begriff der Sieben Todsünden. Unter Einbezug dieses Sündenmotivs schuf der englische Librettist Edward Bond auf Grundlage der Kurzgeschichte Les peines de coeur d’une chatte anglaise von Honoré de Balzac das Libretto zu Hans Werner Henzes bitterböser Fabel-Oper The English Cat. Unter der Regie des Komponisten wurde die Oper 1983 bei den Schwetzinger Festspielen uraufgeführt. Vergangenes Wochenende feierte eine Neuinszenierung an der Staatsoper Hannover Premiere.

Den Kern der Englischen Katze bildet eine operntypische Dreiecksgeschichte: Der alte Kater Lord Puff heiratet auf Anordnung seines Frauchens Mrs. Halifax, die in der Geschichte nie persönlich in Erscheinung treten wird, die viel jüngere Katze Minette. Als zukünftiger Präsident der Katzengesellschaft K.G.S.R., der Königlichen Gesellschaft zum Schutze der Ratten, schickt es sich nämlich, eine Frau zu haben – am besten eine Unschuld vom Lande. Die neu Angetraute verliebt sich allerdings kurz darauf in den viel spannenderen Streunerkater Tom. Der glücksspielsüchtige Arnold, Neffe von Lord Puff, steht hoch in Schulden und fürchtet das Abwandern seines Erbes zu Minette. Er lässt die noch nicht sehr fortgeschrittene Affäre skandalträchtig auffliegen.

Der gesellschaftliche Schaden ist immens, die Scheidung wird eingereicht. Minette wird von einem korrupten Gericht verurteilt und auf Anordnung von Mrs. Halifax ertränkt. Tom, der als Erbe überraschend zu einem Großvermögen gekommen ist, tröstet sich mit Minettes fescher Schwester Babette. Doch auch sein Stündlein hat schon bald geschlagen: Bevor er ein Testament zugunsten Babettes unterschreiben kann, wird er von einem nicht minder korrupten Bürogehilfen ermordet. Sein Tod wird als Selbstmord deklariert und das Erbe der K.G.S.R. zugesprochen. Die Waisenmaus Louise, die von der K.G.S.R. als Vorzeigeobjekt und Beweis für die eigene moralische Makellosigkeit bewusst klein gehalten wird, traut den gar so pazifistischen Katzen schon lange nicht mehr. Angewidert von den Vorgängen in der Katzenwelt verschwindet sie, nicht ohne vorher die Sammelbüchse der Katzengesellschaft zu plündern.

Dagmar Schlingmann, derzeit amtierende Generalintendantin des Saarländischen Staatstheaters in Saarbrücken und ab der Spielzeit 2017/18 Intendantin des Staatstheaters in Braunschweig, verzichtet in ihrer Inszenierung des Stückes nicht nur auf Katzenköpfe und Fellkostüme sondern auch auf konkrete gesellschaftspolitische Begebenheiten – von einer kleinen Brexit-Karikatur in Banksy-Manier mit einem Nagetier als Demonstrant einmal abgesehen. Schlingmann dreht den Spieß um, deutet die parabelhafte Fabel hin zu einer überzeichnenden, bitterbösen Gesellschaftssatire und deckt Seilschaften und den moralischen Verfall einer bigotten, geldgierigen, dekadenten Upperclass-Gesellschaft auf.

Durch die aufwendige, katzengleiche Haarpracht der ansonsten pompös-menschlich gekleideten Protagonisten (Kostüme: Ellen Hofmann), die dezenten Katzenöhrchen, gelegentliches Fauchen und einem bisweilen unnatürlich geschmeidigen Gang stellt Schlingmann subtil das Animalische im Menschen dar. Durch tierische Gestik und wohldosierte, exzentrischer Mimik kehrt sie dadurch die ganze im Inneren der Charaktere verborgene Schlechtigkeit glaubhaft nach außen.

Dass in dieser Katzenwelt der Haussegen im wahrsten Sinne schief hängt, zeigt auch Bühnenbildnerin Sabine Mader. Der nur aus Boden und zwei Wänden bestehende, stark geneigte Guckkasten mit Flügeltüren, ausgeblichenem Teppich und Jugendstillüstern samt Kissen, Wollknäuel und Kratzbaum ist abgetakelt. Einzig der Tresor ist neu; er wird später im zweiten Akt als Gefängnis für Minette dienen. Unterhalb des schwebenden Raumes ist das Reich der kleinen Maus Louise. Nur die im Laufe des Stücks immer größer werdenden Berge schwarzer Müllsäcke lassen sich nicht direkt erklären.

Auf hohem musikalischem Niveau überzeugten uneingeschränkt Sänger und Orchester. Von Koloraturzauber bis hin zu inniger, ausdrucksstarker Wärme führte Anja Vegry als Minette virtuos ihre agile Sopranstimme vor. Bühnenpartner Matthias Winckhler alias Tom zeigte mit seinem jugendlich-klangschönen Gigolo-Bariton vor allem im zweiten Akt seine ganze stimmliche Bandbreite. Mit glasklarem, vibrato-reduziertem Sopran stach vor allem Julia Sitkovetsky (Louisa) hervor. Das eindrückliche, zu jeder Begebenheit skandalträchtig keifende Gesangsensemble führte neben Daniel Eggert (Arnold) und Hanna Larissa Naujoks (Babette) der brummiger Charaktertenor Sung-Keun Park (Lord Puff) an.

Die Geschichte für Sänger und Instrumentalisten fest im Griff hatte der erste Kapellmeister von Hannover, Mark Rohde. Zusammen mit dem Niedersächsischen Staatsorchester präsentierte er dem fast ausverkauften Auditorium einen bunten Strauss verschiedener Musikstile in der Nummernoper, von Tango bis Walzer, von neoklassischen Arien in Reimform bis zu kammermusikalischen Intermezzi mit Reihentechnik. Langanhaltender Applaus mit schallenden Bravi-Rufen am Ende für diesen starken Opernabend.

Intendant Michael Klügl, der seit der Spielzeit 2006/2007 die Opernsparte leitet, konnte sich an diesem Abend noch ein zweites Mal freuen: Stellvertretend für das gesamte Haus nahm er am Ende der Premiere den Preis der Deutschen Theaterverlage entgegen, verliehen von der Stiftung Verband deutscher Bühnen- und Musikverlage. Laudator Manfred Trojahn, als Komponist selbst der Staatsoper innig verbunden, hob die „innovative Spielplangestaltung“, die „intensive Pflege des modernen Repertoires“ und die „neuen, wagemutigen Regieansätze“ hervor und würdigt überdies ihr außergewöhnliches Engagement für junge Kunstschaffende.

Modernes Musiktheater lebt in Hannover: Luigi Nonos Intolleranza, Karl Amadeus Hartmanns Simplicius Simplicissimus, Detlef Glanerts Caligula und Kurt Weills Street Scene  – alles nicht gerade oft gesehene Stücke auf deutschen Spielplänen. Nun fügt sich Hans Werner Henzes Die englische Katze in diese Reihe ein, die bereits am 1. April 2017 mit der Uraufführung von Lot (Libretto: Jenny Erpenbeck; Musik: Giorgio Battistelli) fortgesetzt wird.

Ein Kommentar

  1. Frank Dietzschold
    26. März 2017 @ 19:31

    Lese gern Kritiken! Diese hier hat mir besonders viel Freude bereitet! Man bekommt einfach Lust, sich diese Oper anzuschauen! Danke dafür !!!

Schreibe einen Kommentar

Zur Werkzeugleiste springen