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Opernkritik – Giuseppe Verdi: Stiffelio (Teatro La Fenice, Venedig)

Premiere: 22.1.2016
Regie: Johannes Weigand
Musikalische Leitung: Daniele Rustioni
Besuchte Vorstellung: 28.1.2016
Fotos: Michele Crosera

Das ist wirklich furchtbar hässlich! Selten hört man so etwas im Teatro La Fenice in Venedig. Immerhin kann das prachtvolle und beeindruckende Opernhaus auf eine lange und bedeutende Geschichte zurückblicken. Zahlreiche Werke weltberühmter Komponisten feierten dort ihre Uraufführung: Gioachino Rossinis Semiramide, Vincenzo Bellinis I Capuleti e i Montecchi, die Verdi-Opern Rigoletto und La traviata aber auch Igor Strawinskis The Rake’s Progress, Benjamin Brittens The Turn of the Screw oder Der feurige Engel von Sergej Prokofjew, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Auch Richard Wagners Tetralogie Der Ring des Nibelungen wurde dort 1883 erstmals einem italienischen Publikum präsentiert. Die Lagunenstadt ist zu Recht stolz auf ihr geschichtsträchtiges Opernhaus.

In dieser Woche allerdings gedenkt ganz Venedig an den verehrenden Großbrand im La Fenice vor 20 Jahren. Am 29. Januar 1996 legte ein Elektroingenieur zusammen mit seinem Cousin mehrere Feuer, weil er eine Konventionalstrafe in Höhe von 7.500€ wegen Arbeitsverzuges im Rahmen der aufwendigen Renovierungsarbeiten befürchten musste. Der historische Bau von 1790 fiel komplett den Flammen zum Opfer, da unglücklicherweise auch noch der nahe gelegene Kanal wegen den Arbeiten am Opernhaus trockengelegt wurde. Einzig die steinernen Treppen und die Grundmauern überlebten die Feuersbrunst. An diese Katastrophe erinnert eine gestern eröffnete Gedenkausstellung im La Fenice. Doch der deutsche Besucher meinte mit dem eingangs zitierten Satz (Das ist wirklich furchtbar hässlich!) nicht das Ausstellungsplakat, als er nach dem ersten Akt aus dem Zuschauerraum zusammen mit seiner Begleitung in Richtung Theaterbar stürmte. Sein wutschnaubender Ausruf galt unmissverständlich der aktuellen Stiffelio-Inszenierung von Johannes Weigand, für deren Besuch er etwas mehr als 300€ bezahlen musste. Die Verärgerung und Enttäuschung ist nicht unbegründet.

Im Jahre 1850 nahm Giuseppe Verdi neben dem Kompositionsauftrag für Rigoletto (1851) einen weiteren von seinem Verleger Tito Ricordi an. Aus diversen Vorschlägen, die sein Librettist Francesco Maria Piave machte, wählte er das Drama Le Pasteur ou L’Evangile et le foyer (1848) von Émile Souvestre und Eugène Bourgeois aus. Ausgehend von der Textvorlage erarbeitete das Duo in Busseto, Verdis Geburts- und Wohnort, das Libretto zu der Oper Stiffelio. Doch die zuständige Zensurbehörde akzeptierte das Textbuch nicht. Kein Wunder: Ein verheirateter protestantischer Pastor (Stiffelio), der von seiner Frau (Lina) betrogen und schließlich nach einigen Konflikten und der Ermordung des Nebenbuhlers (Raffaele) durch den Schwiegervater (Stankar) der biblischen Geschichte Jesus und die Ehebrecherin folgend zur Vergebung findet. Dieser Stoff musste 1850 im katholischen Italien den Zensor auf den Plan rufen. Gottesdienstdarstellungen auf der Opernbühne waren undenkbar, ebenso die Verwendung von originalen Texten aus Bibel und Liturgie. Sie konnten allerdings von Piave durch Paraphrasen ersetzt werden. Und aus dem evangelischen Pastor musste ein Sektenprediger werden. In einer solch stark zensierten und veränderten Version durfte sich am 16. November in Teatro Grande in Triest sich der Vorhang für die Uraufführung heben.

Doch auch nach der Uraufführung gab es zahlreiche Änderungen. Für die Aufführungen in Rom und Neapel wurde aus dem Sektenprediger Stiffelio sogar ein deutscher Minister namens Guglielmo Wellingrode. Verdi selbst war vom zurückhaltendem Erfolg und den ganzen Zensurbestimmungen unverhohlen verärgert. Noch 1856 schrieb er in einem Brief: Einige von meinen Opern, die nicht im Umlauf sind, kann ich getrost vergessen, denn die Stoffwahl war ein Missgriff. Indessen gibt es zwei, die ich nicht gerne vergessen sähe: Stiffelio und La battaglia di Legnano. Bis heute ist sich die Musikforschung nicht einig, warum Verdi gerade von diesem religiösen Stoff fasziniert war. In keiner anderen Oper des Komponisten werden liturgische Handlungen unverhohlen auf die Bühne gestellt und Religion und Privatsphäre derart durchgemischt wie in Stiffelio. Ehebruch, Ehre, Vergeltung, priesterlicher Dienst und göttliche Vergebung geben sich die Hand. Immerhin sollte nicht vergessen werden, dass Verdi 1847 in Paris die Sängerin Giuseppina Strepponi kennengelernt hat, eine Liaison, die vor allem in Busseto auf erheblichen Widerstand stoß. Erst 1859 sollten sie beiden heiraten.

Alles in allem also eine Oper mit vielen spannenden Anknüpfungspunkte. Doch nicht nur der damalige Zensor nahm Anstoß an dem offenkundig religiösen Gehalt der Handlung. Auch Regisseur Johannes Weigand, Generalintendant des Anhaltischen Theaters Dessau, konnte offenbar wenig mit der Oper anfangen, freilich aus unterschiedlichen Beweggründen. Er verfolgte, gemäß der traurigen Rezeptionsgeschichte des Werkes, einzig den Gedanken einer rigiden, grausamen religiösen Sekte, zugespitzt aus einer religionskritischen Perspektive des 21. Jahrhunderts. Die Bühnenbilder von Guido Petzold sind stark abstrahiert und strenggenommen beliebig austauschbar. Die rechteckigen Platten mit geometrischen Mustern in Schwarz-Weiß-Ästhetik könnten als eine Art Lettner interpretiert werden. In der Bühnenmitte ist ein Turm zu sehen, von dem aus Scheinwerfer Lichtkegel in den leeren, schwarzen Bühnenraum werfen. Am Ende betritt Stiffelio diesen Wachturm wie eine Kanzel und predigt von dort zu seinen Anhängern. Über diese sterile, kalte Welt hinter Gittern herrscht Stankar, der von Kostümbildnerin Judith Fischer ein militärisches Outfit verpasst bekommt. Ansonsten verfallen die Personen in die üblichen stereotypischen Bewegungen eines Opernsängers von vorgestern. Das dünne Regiekonzept, einzig auf das religionskritische Element ausgerichtet, trägt nicht einen ganzen Opernabend lang und läuft an dem vielschichtigen Inhalt regelrecht vorbei.

Ebenfalls enttäuschte der musikalische Part an diesem Abend. Egal ob Stefano Secco (Stiffelio) Julianna Di Giacomo (Lina) oder Dimitri Platanias (Stankar): Unsaubere Spitzentöne wurden unangenehm in die Höhe gestemmt, oftmals kamen die Sänger an die Grenze des Schreiens, manchmal sogar darüber hinaus. Das resümierte im kompletten Kontrollverlust der Stimme, eine musikalisch oberflächliche, undifferenzierte und grobe Interpretation ist die Folge. Unnötigerweise machte der 32-jährige Dirigent Daniele Rustioni, der sich schon für mehrere Produktionen am La Fenice verantwortlich zeichnete, den Sängern das Leben nicht gerade leichter. Verdi hat bei dem Dirigenten nur eine Dimension: Laut! Das Orchestra del Teatro La Fenice peitschte gnadenlos unter seiner Leitung mit einer selten gehörten Grobheit, Derbheit und ohrenbetäubender Lautstärke durch die Partitur, dass den Sängern nichts anderes übrig blieb, als noch mehr ins Gebrülle zu verfallen. Fein durchgearbeitete Klänge, stimmungsvoll-packende Szenen, leidenschaftliche Melodie: all das vermisste man an diesem Abend. Die Begeisterung des Publikums hielt sich bei einer solchen Gesamtleistung nicht verwunderlich in Grenzen. Povero Verdi!

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