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Opernkritik – Giuseppe Verdi: Simon Boccanegra (Teatro Carlo Felice, Genua)

Premiere: 22.10.2015
Regie und Bühnenbild: Andrea De Rosa
Musikalische Leitung: Stefano Ranzani
Besuchte Vorstellung: 28.10.2015
Koproduktion mit dem Teatro La Fenice, Venedig
Fotos: Marcello Orselli

Italien, 14. Jahrhundert. Es ist die Zeit der Ghibellinen und der Guelfen, der Kaisertreuen und der Papsttreuen. Es ist die Zeit, in der die politischen Beziehungen zwischen Genua und Venedig denkbar schlecht waren. Die Erzrivalinnen kämpften als repubbliche marinare, wie auch Pisa und Amalfi, um die Vorherrschaft im Mittelmeer. Es ist die Zeit, als verfeindete Lager um die Macht in Genua stritten und letztlich der Ghibelline Simon Boccanegra 1339 zum ersten Dogen der Republik gewählt wurde. Dies ist der historischer Hintergrund für Giuseppe Verdis Simon Boccanegra. Der spanische Dichter Antonio García Gutiérrez (eines seiner Hauptwerke diente auch als Grundlage für Verdis Il trovatore) schrieb ein gleichnamiges Theaterstück, das Francesco Maria Piave als Grundlage für sein Libretto diente. Eine überarbeitete zweite Version wurde von Arrigo Boito erstellt und 1881 in Mailand uraufgeführt.

Verdis Engagement für die nationale Einigung Italiens fand in Zusammenarbeit mit seinen Librettisten in vielen der gemeinsam erarbeiteten Bühnenwerke Widerhall. Doch anders als in Geschichtsbüchern sind für den Komponisten die politischen Ereignisse höchstens Auslöser, aber nicht Hauptaugenmerk der eigentlichen Opernhandlung. Verdi geht es um die emotionalen Schicksaale seiner Figuren, die er versucht in Musik zu übersetzen. Nirgends sind die individuellen und gesellschaftlichen Folgen politischen Handelns so beispielhaft durchdekliniert wie in dieser Oper. Der Patrizier Jacopo Fiesco verweigert seiner Tochter Maria wegen Standesunterschiede die Erlaubnis, Simon Boccanegra zu heiraten. Im Hausarrest stirbt sie, die gemeinsame Tochter ist spurlos verschwunden. In dieser Situation wird Boccanegra gegen seinen Willen zum Dogen gewählt. Während seiner Amtszeit sucht er nach seiner verloren geglaubten Tochter Amelia und findet sie auch. Aber dieses Glück ist unheilvoll mit seinem politischen Amt verknüpft, denn Amelia liebt Gabriele Adorno, dessen Vater einst von Boccanegra getötet wurde. Boccanegras politische Vision und privates Glück sind unvermeidbar ineinander verzahnt: Nach 26 Jahren Amtszeit wird er durch eine politische Intrige tödlich von Gabriele Adorno vergiftet.

Es ist das eine, dass das Teatro Carlo Felice Genova seine diesjährige Spielzeit mit der üblichen zweiten Version eben jener Oper eröffnet, die wie kaum eine zweite mit der Stadt Genua verknüpft ist. Dass allerdings die Produktion nun ausgerechnet, Kooperationen geschuldet, bereits im November 2014 im Teatro La Fenice in Venedig zu sehen war, ist dann vor allem auf einer Ebene spannend. Regisseur und Bühnenbildner Andrea De Rosa setzt in seiner ästhetisierend-historischen Inszenierung auf ein einfaches aber durchaus wirkungsvolles Bühnenbild. Der Hintergrund bilden Projektionen, wahlweise die Stadtansicht Genuas mit den Dächern und der Stadtsilhouette, die typische italienische Rivera oder das Ligurische Meer. Die Projektionen werden allerdings großflächig verdeckt von Objekten, beispielsweise von einem mit Maßwerk geschmückten Spitzbogenfenster im ersten Akt oder einer roten Brokatwand im zweiten Akt. Typische Elemente für den Dogenpalast – in Venedig! In der Inszenierung treffen Elemente zusammen, die sich in einer historischen Auffassung des Stoffes eigentlich verbieten: Venezianische Architektur vor Genueser Veduten! Als gegen Ende der Oper Simon Boccanegra seinen Monolog über die lieblichen Düfte, die süße Erfrischung, und die lauen Lüfte des Meeres anstimmt und sehnsuchtsvoll dort Ruhe finden möchte, öffnen sich neun riesige Jalousien einer schwarzen Wand und geben den Blick frei auf einen wunderbaren Sonnenuntergang vor der Genueser Küste. Eine merkwürdig erleichterte Stimmung machte sich plötzlich im Publikum deutlich bemerkbar. Mit dem Tod des Dogen wird auch die Farbe aus der Projektion herausgenommen. Regisseur Andrea De Rosa konnte zusammen mit dem Licht- und Videodesigner Pasquale Mari und dem Kostümbildner Alessandro Lai mit einfachen Mitteln ein wunderbares Ergebnis präsentieren. Nur bei der Personenregie hätte man sich ein wenig mehr Mühe geben können. Dies könnte aber auch dem Umstand geschuldet sein, dass knapp vor der Premiere einige Umbesetzungen nötig wurden.

Franco Vasallo, der als Ersatz für den Spanier Carlos Álvarez gewonnen werden konnte, debütierte in der schwierigen und komplexen Rolle des Simon Boccanegra. Der Bariton, in München für seinen Rigoletto stets hochgelobt, konnte mit seiner brillanten schönen Stimme einen sehr überlegten Boccanegra präsentieren. Sympathisch, ehrlich, stark, packend: Welch ein gelungenes Rollendebüt. In der weiblichen Hauptrolle (Amelia) konnte Barbara Frittoli der Partie nicht im gleichwertigen Umfang gerecht werden. Trotz warmen Timbres in der Mittellage wirkte die Höhe schrill und ihr ausladendes Vibrato versteckte Intonationsprobleme. Schauspielerisch hingegen ist sie mit einer außergewöhnlichen Bühnenpräsenz zugegen. Marco Spotti bot als Jacopo Fiesco mit seinem samtig-dunklen expressiven und klaren Bass einen wunderbaren Bösewicht. Als Gabriele Adorno konnte Gianluca Terranova durch seinen phänomenalen und wohltuenden Tenor-Gesang das Publikum restlos überzeugen. Respekt muss auch Stefano Ranizani am Pult des Orchestra Teatro Carlo Felice für seine solide Dirigierarbeit gezollt werden. Er musste den wegen orthopädischen Problemen ausgefallenen, erst 28 Jahre alten Nachwuchsdirigenten Andrea Battistoni kurzfristig ersetzten. Hoffen wir, dass der vielversprechende und talentierte Battistoni bald wieder mit Taktstock am Pult zu erleben sein wird.

3 Kommentare

  1. zsazsa
    12. Dezember 2015 @ 14:40

    Thank you for the nice article about the wonderful Simone Boccanegra in Genova! Yes, the magnificent, unique Tenor, Gianluca Terranova has a phenomenal Voice, thrilling timbre, is real MAGIC, He is a Genio di Canto!! His fantastic singing we will never ever forget! Everybody has made a wonderful job, that is real art and worth to the great Maestro, Verdi!

  2. Markus Laska
    12. Dezember 2015 @ 22:48

    Gianluca Terranova has never been member of the Deutsche Oper Berlin, but thanks for the great review.
    Gianluca Terranova war nie Ensemblemitglied an der Deutschen Oper Berlin, aber danke für die tolle Kritik!

  3. Florian Amort
    14. Dezember 2015 @ 1:22

    Liebe Leserinnen und Leser,
    ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass Tenor Gianluca Terranova nicht Ensemblemitglied an der Deutschen Oper Berlin war oder ist. Seine Biographie, die unter der Rubrik „Ensemble“ auf der Seite der Deutschen Oper Berlin zu finden ist, hat mich in die Irre geführt.
    http://www.deutscheoperberlin.de/en_en/ensemble/gianluca-terranova.84290
    Der Nebensatz ist deshalb aus der Kritik nachträglich herausgenommen worden.
    Herzliche Grüße
    Florian Amort

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