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Opernkritik – Giuseppe Verdi: Rigoletto (Teatro alla Scala, Mailand)

Premiere: 13.1.2016
Regie: Gilbert Deflo (Neueinstudierung durch Lorenza Cantini)
Musikalische Leitung: Nicola Luisotti
Besuchte Vorstellung: 17.1.2016
Wiederaufnahme aus dem Jahr 1994
Foto: Marco Brescia und Rudy Amisano

Diese Aufführung von Giuseppe Verdis Rigoletto wird in die Annalen des Teatro alla Scala in Mailand eingehen. Bis! Bis! (lat.: zweimal). So schallte es am Ende des zweiten Aktes aus dem wild-applaudierenden Zuschauerraum. Als Leo Nucci (Rigoletto) und Nadine Sierra (Gilda) endlich vor den Vorhang traten, bahnte sich ein regelrechter Beifallsorkan den Weg in Richtung Bühne. Lauthals forderte das Publikum von den beiden Sängern mit weiteren Bis! -Rufen die Wiederholung der schlagkräftigen und energischen Schlusscabaletta Sì, vendetta, tremenda vendetta. Sichtlich gerührt wischte sich Nucci hastig eine Träne aus dem Auge und blickte auf seine im Freudentaumel befindliche Gesangspartnerin, ehe Dirigent Nicola Luisotti seinen Taktstock hob, dem Orchester den Einsatz gab und so durch den Bruch eines ungeschriebenen Scala-Gesetztes ein Stück Operngeschichte geschrieben wurde.

Kein Geringerer als der italienische Jahrhundertdirigent Arturo Toscanini bezeichnete das Wiederholen einzelner Gesangsnummern als Fehlverhalten von Künstlern und Publikum gleichermaßen und untersage die in seinen Augen schlechte Angewohnheit. An dieses Tabu rüttelte die Scala in ihrer neueren Geschichte nur vier Mal. 1984 musste auf lautstarken Wunsch des Publikums der Chor O signore, dal tetto natìo aus Verdis Oper I Lombardi alla prima crociata (Inszenierung: Gabriele Lavia, Musikalische Leitung: Gianandrea Gavazzeni) wiederholt werden, wie auch in den Jahren 1986 und 1996 der Gefangenenchor aus Verdis Nabucco (Inszenierung: Roberto de Simone, Musikalische Leitung: Riccardo Muti).

Als erstem Solosänger seit 1933 wurde Juan Diego Flórez 2007 die Ehre zu Teil, mit der Cavatina Ah! mes amis einschließlich der Bravour-Cabaletta Pour mon âme mit den berühmten neun hohen C’s aus Gaetano Donizettis Oper La Fille du Régiment (Inszenierung: Filippo Crivelli und Franco Zeffirelli, Musikalische Leitung: Yves Abel) eine Arie in der Scala noch einmal zum Besten zu geben. In dieser kurzen wenngleich geschichtsträchtigen Liste reihen sich nun die beiden Hauptdarsteller des Abends gleich zweimal ein, denn auch vier Tage zuvor verlangte das nicht weniger tobende Premierenpublikum ein Bis! von den beiden Sängern am Ende des zweiten Aktes.

Die ergreifende Geschichte um den verkrüppelten, hässlichen Berufsnarren Rigoletto am Mantuaner Hof verkörperte der 73-jährige Leo Nucci in seiner Karriere schon mehr als 500 Mal und schuf zusammen mit seiner enormen Sängererfahrung ein ausgefeiltes Rollenporträt. Erfreulicherweise war auch bei der 516. Rolleninterpretation keine Sekunde Langeweile oder Routine zu spüren. Der Ausnahmebariton ist trotz seines hohen Sängeralters wahrscheinlich einer der besten Rigoletto-Darsteller, die es gerade auf dem Erdenrund gibt. Mit klangstarker und technisch einwandfreier Stimme schuf er dank seiner breiten Farb- und Ausdruckspalette Gänsehautstimmungen. Ob (aufgesetzte) Fröhlichkeit, Resignation, Angst, Wut, Kummer und Leid: all das zeigt Nucci im Brennglas emotionaler Extremsituationen, und stellt bei all der väterlichen Überbehütung und den fast wahnhaften Rachegelüsten vor allem das zerbrechlich Menschliche heraus, in starker Opposition zur lüsternen Selbstbezogenheit des Herzogs und dem Pragmatismus des Auftragskillers Sparafucile.

Besonders ergreifend war an diesem Abend Nuccis Interpretation der großen Soloszene im zweiten Akt, die Verdi für die Hauptpartie komponierte. Die Höflinge haben, so glauben sie, Rigolettos Geliebte in einer nächtlichen Entführungsaktion geraubt und dem Herzog zum vergnüglichen Zeitvertreib in sein Schlafzimmer gebracht. Sie verspotten den Hofnarren, der lustlos lallend statt fröhlich singend in den Palast gekommen war, um seine Tochter Gilda zu suchen. Donnernd bricht es aus ihm heraus, dass die Höflinge nicht seine Freundin, sondern seine Tochter in die Hände des Wolllüstlings gegeben haben. Doch als sie ihm trotzdem den Zugang zu den Herzogsgemächern verweigern, schmetterte Nucci wütend das Cortigiani, vil razza dannata im c-Moll und mit wühlender Streicherbegleitung den Spöttern in einer derartig wuchtigen Stimmexplosion entgegen, das man meinen könnte, er würde mit seiner Stimme den kompletten Mantuaner Hof zum Einsturz bringen wollen. Als Steigerung der Szene sinkt Nucci auf die Knie und fleht schluchzend, zusammen mit Solo-Cello und Englischhorn, die Höflinge an, seine Tochter endlich freizugeben. Selbst der hartgesottene Opernbesucher konnte sich den freigesetzten Emotionen nicht entziehen. Einzig der Dirigent konnte mit seinem Einsatz für das Orchester den jubelnden, nicht enden wollenden Szenenapplaus beenden.

In der Rolle der Gilda gab die erst 27-jährige Nadine Sierra erfolgreich ihr Debüt an der Mailänder Scala. Die junge amerikanische Sopranistin sorgte bereits mit ihren Arien im Rahmen des auf RAI übertragenen Neujahrskonzertes des Teatro La Fenice in Venedig für Schlagzeilen in Italien. Und auch als scheinbar naive, schüchterne Tochter des Hofnarren blieb sie keineswegs hinter den hohen Erwartungen zurück. Leicht und beweglich sind ihre übersprühenden Koloraturen, kraftvoll ihre Spitzentöne. Beispielsweise bei der eingangs erwähnten Cabaletta traf sie aus dem Stand problemlos und präzise das hohe Es. Mit ihrer jugendlich-frischen Sopranstimme zeichnete sie eher das packende Bild einer schon emanzipierenden jungen Frau, als das klischeehafte Biedermeiermädchen des 19. Jahrhunderts. Sie steht gesanglich mit den beiden männlichen Hauptpartien unbestritten auf Augenhöhe und zeigt dem Zuschauer eindrucksvoll, wie sie rebellierend aus den Fängen des Vaters auszubrechen versucht. Sie wird nicht von dem zu Anfang als Student verkleideten Herzog schamlos verführt, sondern will mit ihm selbstverständlich Sex haben. Eine Deutung, die freilich in der Inszenierung nicht zu finden ist.

Im Gegenteil: Mit ordentlichem Sexappeal und körperbetontem Kostüm eroberte Vittorio Grigolo als Duca di Mantova eher die Herzen der Damen und mancher Herren im Publikum, als die von Gilda und Maddalena auf der Opernbühne. Mit kraftvollem Gesangsvolumen, höhensicherem Tenor und klarster Textartikulation interpretierte er den despotisch-arroganten, aber leidenschaftlichen Bilderbuch-Womanizer als Traum einer jeden Schwiegermutter. Doch so schwankend der Klischee-Herzog mit der Treue gegenüber jungen Frauen umgeht, genauso schwankend gestaltete Gigolo-Grigolo vielleicht schon etwas zu manieriert seine Arien und verlangte Dirigent und Orchester einiges an Tempo-Spontaneität ab. Dem langanhaltenden Applaus tat dies allerdings aber keinen Abbruch. Von den andern überwiegend bodenständig besetzen Sängern stach mit weichen, fast schon eleganten Ton die imposante Stimme von Carlo Colombara als Sparafucile heraus. Auch Annalisa Stroppa als quirlig-kecke Maddalena durfte sich über kräftigen Applaus freuen. Einzig Giovanni Furlanetto enttäuschte als fahler Monterone mit seinem wenig beängstigenden Fluch gegen den Herzog und Rigoletto.

Abgesehen von einem besonders hässlichen Schnitzer im Fluch-Motiv gleich am Beginn der Ouvertüre wartete das Orchestra del Teatro alla Scala mit einer fulminanten Gesamtleistung auf. Vor allem Solovioline, Solocello und Englischhorn führten in den Arien ihre Stimmen ausgesprochen synchron zu den Sängern und hatten trotzdem musikalisch Freiraum für ihre Gestaltung. Die ist vor allem der minuziös-präzisen Leitung von Nicola Luisotti zu verdanken. Er ließ das Orchester angesichts dieses Feuerwerks der Stimmen nicht zur berühmten Verdi’schen Riesengitarre verkommen, sondern verstand es, seine musikalischen Ideen zielgerichtet zu verfolgen und die ganze Farbigkeit, die teilweise versteckt-verspielten Details aus der eindrucksvollen Rigoletto-Partitur herauszukitzeln und einen kompakten Verdiklang zu erzeugen.

Angesichts dieses musikalisch wunderbaren Erlebnisses ist es auch akzeptabel, dass die Scala zum achten Male die Inszenierung von Gilbert Delfo aus dem Jahre 1994 auf den Spielplan setzte. Es ist wohl eine der letzten noch gespielten Rigoletto-Inszenierungen, die sich jeglichen Regietheaters verweigert hat. Bühnenbildner Ezio Frigerio lässt in aufwändigen Kulissen imposante Renaissancepaläste in Fensterbutzenscheibenromantik zum Leben erwecken, die zusammen mit den nach historischem Vorbild entworfenen Brokatkostümen von Franca Squarciapino eine beeindruckende Bildergewalt erzeugen. Auch wenn diese Produktionsästhetik, das Aufleben längst vergangener Zeiten, freilich diskussionswürdig erscheint, ist es auch in einer sogenannten traditionellen Inszenierung schwer zu akzeptieren, dass bei der Wiederaufnahme gänzlich auf Personenregie verzichtet wurde und es alleine den Sängern überlassen wurde, sich in Stummfilmgesten szenisch ausdrücken zu können.

Seit der Uraufführung am 11. März 1851 im Teatro La Fenice in Venedig gehört Verdis Rigoletto zu den meistgespielten Opern der Welt. Massenbewegende Prunkstücke draus sind schon längt Opfer von Gala-Veranstaltungen, Tiefkühlkostpizza-Werbungen und Klassik-Highlights-CD-Boxen geworden und sehen im Ruf, durch mittelprächtige Einspielungen und Aufführungen ausgelutscht und abgenudelt zu sein. Sicherlich hat sich so mancher Tourist nur wegen des allseits bekannten La donna è mobile auf einem 300€-Sitzplatz im Teatro alla Scala eingefunden. Doch diese Aufführung zeigte durch das hohe musikalische Niveau deutlich die musikalische Schönheit des Werkes. So mancher Besucher versteht nun besser, warum Rigoletto zusammen mit Il trovatore und La traviata zu Recht Verdis berühmte Trilogia popolare bilden.

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