Opernkritik-Otello-Parma-Foto-Roberto-Ricci

Opernkritik – Giuseppe Verdi: Otello (Teatro Regio, Parma)

Premiere: 1.10.2015
Regie, Bühne und Kostüme: Pier Luigi Pizzi
Musikalische Leitung: Daniele Callegari
Besuchte Vorstellung: 4.10.2015
Fotos: Roberto Ricci

Jedes Jahr im Oktober veranstaltet das Teatro Regio in Parma das Festival Verdi, um den wohl berühmtesten italienischen Opernkomponist in seinem Geburtsmonat besonders die Reverenz zu erweisen. Doch die diesjährige Eröffnungsproduktion Otello sollte kein überzeugender Start in die neue Festivalsaison werden. Bereits zwei Tage vor der Generalprobe gab der italienische Tenor Roberto Aronica die Titelpartie zurück und ernst nach längerer schwieriger Suche, bei der sogar Lance Ryan in Erwägung gezogen wurde, konnte der Südkoreaner Rudy Park für Premiere und die darauffolgende Vorstellung verpflichtet werden.

Verdis zweite Shakespeare-Oper Otello (Libretto von Arrigo Boito) nimmt die zerstörerischen Abgründe der menschlichen Seele in den Fokus. Fähnrich Jago fühlt sich bei der Beförderung Cassios zum Hauptmann von Otello übergangen und schmiedet von Neid zerfressen einen Racheplan. Durch geschickt eingefädelte Situationen weckt er das Misstrauen Otellos gegenüber seiner Freundin Desdemona. Ein von Jago drapiertes Taschentuch reicht dem Befehlshaber der venezianischen Flotte als Corpus Delicti, um das Fremdgehen Desdemonas zu belegen. Wehrlos gegenüber der Macht des Bösen wird er in den Sog des Verderbens gezogen und erwürgt grausam in rasender Eifersucht seine Freundin. Als die Intrige kurz darauf aufgedeckt wird und Desdemonas Unschuld bewiesen wird, begeht Otello Selbstmord. Jagos unheiliges Rachewerk ist vollendet.

In der Neuinszenierung für Verdis Seelendrama setzt der Altmeister unter den italienischen Regisseuren und Bühnenbildnern Pier Luigi Pizzi auf goldfarbene Module in Würfelform, die er etwas traurig zu klassisch-geometrischen Architekturformen zusammenfügt. Mit jedem Akt verengt sich der zentrale Raum in der Bühnenmitte, ein optisches Sinnbild für die sich langsam zuziehende Schlinge des Intriganten Jago. Zum Schluss bleibt nur ein ungewöhnlich starres, fast schon marmornes Himmelbett über, in dem Desdemona und Otello letztlich sterben. Dies scheint die wenig innovative Kernaussage der Inszenierung zu sein. Viele Schwachstellen und dramaturgische Fehler lassen sich in diesem Otello finden. Warum beispielsweise Otello im eher kümmerlichen Kostüm das ganze Stück über barfuß unterwegs ist, der Chor hingegen beschuht und mit aufwendig langen Tuniken und Umhängen (die Frauen ungewöhnlich farbenfroh, die Männer in weiß-beige), lässt sich nicht auflösen. Weiter fragt man sich, was denn genau die Leistung des Choreographen Gino Potente ist, wenn der Chor wahlweise unmotiviert rumsteht oder unruhig auf- und abgeht und so jede aufkommende Stimmung bereits im Keim erstickt.

Bei allen Schwierigkeiten um die Partie des Otello muss man Rudy Park als kurzfristigen Ersatz danken. Der Tenor konnte auf eine ausgefeilte Gesangstechnik zurückgreifen, allerdings ließ seine italienische Aussprache sehr zu wünschen übrig. Unnötigerweise machte Dirigent und Orchester ihm das Leben nicht gerade leichter. Streckenweise musste der in der Partitur im Sinne psychologischer Dramaturgie ausdifferenzierte Gesang monolithisch-blockhaften Gebrülle weichen. Die Sopranistin Aurelia Florian als Desdemona konnte mit ihrem dunklen Timbre nur in ihrer großen Soloszene im letzten Akt eine emotional-ergreifende Stimmung erzeugen: Ihr Ave Maria war mit einer solchen unheimlichen Innigkeit gesungen, dass im seelenbewegten Publikum mehrere Tränen geflossen sind und diese Szene zum Highlight des Abends wurde. Strippenzieher und Intrigant Jago wurde von Marco Vratogna gesungen. Der überwiegend als Scarpia (G. Puccini: Tosca) in der Opernwelt umherreisende Bariton konnte auch hier die Rolle des Buhmanns glaubhaft und vor allem auch schauspielerisch überzeugend darstellen. Die anderen Partien waren solide besetzt. Einzig Manuel Pierattelli als Cassio konnte in den wenigen Takten des 3. Akts, 5. Szene (Miracolo vago dell’aspo e dell’ago) Jago mit seinem strahlenden und brillierenden Tenor stimmlich Paroli bieten.

Die Filarmonica Arturo Toscanini war bemüht, den Klangfarbenreichtum der Partitur Verdis umzusetzen. Allererdings konnte, wie schon angesprochen, Dirigent Daniele Callegari das oft zu laut daherkommende und eher routiniert-lustlos spielende Orchester nicht bändigen. Vor allem bei den Chorszenen mit Solosängern drohte ihm die Musik aus den Händen zu entgleiten. Man darf also gespannt sein, wie Callegari bei den Münchner Opernfestspielen 2016 Verdis Un ballo in maschera dirigieren wird. Das parmaische Publikum reagierte unverhohlen enttäuscht auf die Eröffnungsproduktion. Die Leistungen der Hauptdarsteller goutierte es mit lauten Buhrufen. Der Dirigent wurde davon zwar verschont, allerdings hoben sicher weniger als die Hälfte die Hände für seinen Applaus.

Schreibe einen Kommentar

Zur Werkzeugleiste springen