Opernkritik-Macbeth-Bologna-Rocco-Casaluci

Opernkritik – Giuseppe Verdi: Macbeth (Teatro Comunale, Bologna)

Premiere: 6.10.2015
Regie, Licht, Bühne und Choreographie: Robert Wilson
Musikalische Leitung: Roberto Abbado
Besuchte Vorstellung: 17.10.2015
Wiederaufnahme aus dem Jahr 2013
Koproduktion mit dem Theatro Municipal, San Paolo (Brasilien)
Fotos: Rocco Casaluci, Renato Morselli, Lorenzo Gaudenzi

In liturgischer Langsamkeit schreiten die Sänger den Bühnenraum ab, versuchen in ihren aufwendig gestalteten und wuchtig daherkommenden japanisch-inspirierten Kostümen mit einer formalisierten Körpersprache dem Zuschauer etwas zu vermitteln. Die Chorsänger bleiben überwiegend auf der Hinterbühne und sind im Halbdunkel nur als eine Masse schemenhafter Gestalten zu erkennen. In den ganzen zweieinhalb Stunden Musik kommt es zu keiner einzigen Berührung zwischen den weißgeschminkten Protagonisten. Mimik und Gestik werden auf ein Minimum runtergefahren und wirken wie kurz vor dem absoluten Nullpunkt. Stattdessen ergeben ein abstrakt-leerer Bühnenraum, hängende Objekte von der Decke, monochrome Farbflächen als Hintergrund und eine ausdifferenziert-raffinierte Lichtregie eine überwältigende Bildsprache. Unverkennbar eine Inszenierung des amerikanische Regisseur Robert Wilson.

Das Teatro Comunale di Bologna eröffnete 2013 seine 250. Spielzeit mit eine Neuinszenierung der Oper Macbeth von Giuseppe Verdi und gratulierte damit auf seiner Weise dem Komponisten zu seinem 200. Geburtstag. Gespielt wurde die für das Théâtre Lyrique in Paris revidierte Fassung (UA 21. April 1865), allerdings in der italienischen Rückübersetzung und ohne die Ballettszenen. Die Produktion wurde im Oktober 2015 wiederaufgenommen, wie in der Premieren-Serie lag die musikalische Leitung in den Händen von Roberto Abbado.

Das Schottland des 11. Jahrhundert. Hexen weissagen Macbeth, er werde künftiger König von Schottland werden. Seine machthungrige Frau, durch einen Brief ihres Gatten über die Prophezeiung informiert, möchte gerne den Prozess der Krönung beschleunigen. Sie nötigt ihn, den König zu töten und schmiedet weitere Pläne zur Machterhaltung. Davon angestachelt entwickelt sich ihr Gatte zu einem skrupellosen menschenmordenden Diktator. Erst eine Allianz aus Geflohenen und Vaterlandstreuen kann der tyrannischen Schreckensherrschaft Macbeths durch seine Tötung ein Ende setzten. Verdis Oper Macbeth nach dem gleichnamigen Drama von William Shakespeare nimmt in der Welt der Oper eine Sonderstellung ein: Sie ist eine der wenigen Repertoireopern, die gänzlich ohne eine Liebesgeschichte auskommt. Hier stehen Macht, Intrigen, Gewalt, Unterdrückung und deren Konsequenzen im Zentrum des Geschehens.

Doch ein solch spannungsgeladenen und handlungsreichen Plot mit der unheimlich expressiven Musik Verdis und das eingangs skizzierte Konzept Wilsons? Verträgt sich das? Stimmungsvolle Bilder gibt es zu sehen, ohne Frage. Allerdings hat die Verweigerung von einer konkreten, ausgefeilten Personenregie ihren Preis: Gerade bei einer Oper wie Macbeth, in der die Handlung wie selten in einer Oper auf den dramatischen Kern zugeschnitten wurde, wirkt das Regiekonzept über weite Strecken statisch und droht langweilig zu werden. „Mich interessiert die Psychologie auf der Bühne nicht. Ich habe nicht eine ‚Nachricht‘. Ich suche nicht nach einer ‚Interpretation‘. Meine Verantwortung oder das der Schauspieler ist nicht, den Zuschauern eine Idee aufzuzwingen. Ich habe nie zu einen Schauspieler oder einen Sänger gesagt, was er fühlen oder denken soll. Etwas erleben ist eine Art zu denken, die Zen-Philosophie sagt uns etwas darüber. Ich folge ihr und versuche, mich offen zu halten.“ So äußert sich der Regisseur im Programmbuch zur Inszenierung (auf Italienisch). Bei allen konzeptuellen Überlegungen ist es aber trotzdem nur ein schwacher Trost, wenn die Konsequenz drohende Langeweile ist.

Freilich: alles andere als langweilig waren Orchester und das Gesangsensemble. Dario Solari ließ als Macbeth keine Wünsche offen. Sein Bariton erwies sich als unheimlich wendig und konnte zwischen (scheinbar) starken Herrscher und dem an Schuldgefühlen zerbrechenden Mörder klangstark alles abdecken. Amarilli Nizza als rachsüchtig-blutrünstige Lady Macbeth, die ich dieses Jahr in der gleichen Rolle in Amsterdam (Inszenierung: Andrea Breth) gehört habe, konnte auch dieses Mal nicht in allen Punkten überzeugen. Ihre durchschlagskräftige Stimme mag gegenüber vielen Sängern ein Pluspunkt sein, doch ihr zuweilen sehr hochdramatischer Sopran wirkt in der Höhe oftmals scharf und schrill. Vor allem die Koloraturen waren wegen dem ausladenden Vibrato oft unsauber intoniert. Besonders herausragend indes war neben dem Tenor Gabriele Mangione (Macduff) Riccardo Zanellato. Dieser hat bereits 2014 als museumsführender Ferrando im Salzburger Trovatore (Regie: Alvis Hermanis) Publikum und Kritiker überzeugen können. In Bologna begeisterte er nun als Banquo die Zuschauer. Schade, dass er bereits im zweiten Akt getötet wird!

Das Orchestra del Teatro Comunale di Bologna unter der Leitung von Roberto Abbado musizierte gespannt-zupackend und vor allem sängerfreundlich. Einen zauberhaft wunderbar ausdifferenzierten Verdi-Klang. Vor allem die Blechbläsergruppe muss hier gelobt werden. Absolut spitzenklassig war allerdings jemand ganz anderes: der Coro del Teatro Comunale di Bologna! In der Inszenierung ein wenig stiefmütterlich behandelt konnte er dafür klanglich herausragend disponiert bei den Zuschauern betörendes bewirken und verhalf, den Abend zu einem glänzenden Operngenuss werden zu lassen. Dem Chor und seinem Leiter Andrea Faidutti gehörte zusammen mit dem Dirigenten der größte Applaus.

 

3 Kommentare

  1. peter alsbergs
    4. April 2017 @ 20:07

    MACBETH IM TEATRO COMUNALE BOLOGNA,

    ES IST ZWAR SCHON SEHR LANGE HER, DAS BOLOGNAS OPERNHAUS OEFTERS UEBERZEUGENDERE AUFFUEHRUNGEN ALS DIE SCALA ODER DIE ROEMISCHE OPER HATTE,
    TROTZ DER WELTSTARS UND OFT AUCH DEN FINANZIELLEN KOLLAPS HATTE, DEN DAS ROTE BOLOGNA DAMALS NIE HATTE. DAZU EINE LAENGERE OPERN, BALLETT UND KONZERTSAISON ZU BIETEN HATTE.

    IN DEN 70-ER JAHREN EINE GROSSARTIGE MACBETH-EINSTUDIERUNG HATTE, MIT MAESTRO FRANCESCO MOLINARI PRADELLI, DER DAMALIGE CHEFDIRIGENT DES HAUSES
    DAZU EIN ERLESENES ENSEMBLE MIT MARIO ZANASI UND MARION LIPPERT, BEIDE AUCH
    SCHON IN DER ARENA VON VERONA EINEN AUSSERGEWOEHNLICHEN ERFOLG HATTEN
    DIE REGIE FUER JAHRE DIE UEBERZEUGENDSTE MACBETH AUF EINER FREILICHTBUEHNE.
    DIESES DUO UEBER ZWEI SPIELZEITEN AUFGETRETEN WAREN.
    SELBST DAS VERSNOBTE PUBLIKUM VON PARMA BEIDE MIT OVATIONEN BEDACHTEN.

    DER BOLOGNESER MAESTRO IN DER METROPOLITAN OPERA NEW YORK DIE DEUTSCHE
    SOPRANISTIN MARION LIPPERT GEHOERT HATTE (IHR GLANZVOLLES TURANDOT-DEBUT)
    UNBEDINGT AN SEIN STAMMHAUS VERPFLICHTEN WOLLTE.. .ALS TURANDOT WELTWEIT
    GEFEIERT WURDE…UND WAS WOHL AUCH FUER BOLOGNA SPRICHT MIT DIESEM OPERNHAUS AUCH IM AUSLAND GASTIERTE, MIT EINER SAENGERIN MIT ENORMER AUSSTRAHLUNG, GRANDIOSEM BELCANTO IN ALLEN FACETTEN.
    VIELE AELTERE OPERNBESUCHER IN BOLOGNA SICH AUCH NOCH NACH JAHRZEHNTEN AN
    DIESE UNGEWOEHNLICHE DEUTSCHE SOPRANISTIN, FUER SIE EIGENTLICH EINE ITALIENERIN WAR…SIE SCHAETZTE BOLOGNA UND BOLOGNA FREUTE SICH AN IHRE AUFTRITTE.

  2. peter alsbergs
    4. April 2017 @ 20:31

    AUCH WENN ES EINE UNPERSOENLICHE ZUSCHRIFT WAR,
    FREUT MICH DIE REAKTION. ABER ICH DARF BEMERKEN, DAS ICH DIE „OPERN-KRITIK“
    ERST WENIGE MALE GELESEN HABE UND VORHER AUCH NICHT GEKANNT HATTE.
    AUCH AUCH DESHALB NOCH KEINEN KOMMENTAR GESCHRIEBEN HATTE.

    DAZU LEBE ICH TAUSENDE KILOMETER VON EUROPA ENTFERNT UND MEINE ZAHLREICHEN OPERNBESUCHE IN ITALIEN, UM DAS MAL ZU ERWAEHNEN, SIND ETLICHE
    JAHRZEHNTE HER.
    WAS ICH HEUTZUTAGE DANK LIVE-MITSCHNITTE VON DEN GROSSEN DEUTSCHEN BUEHEN
    NOCH MITBEKOMME (TROTZ GROSSARTIGER SAENGERINNEN UND SAENGER)
    WUERDE ICH MIR NICHT ZUMUTEN, BESONDERS WAS DIE REGIE BETRIFFT, ALLES IN FRAGE GESTELLT, ENTSTELLT UND LEIDER SELTEN UEBERZEUGEND BZW. WAR.
    DANN DOCH LIEBER EIN OPERNABEND IM KLEINEREN LUEBECKER THEATER, DAS MAL ALS BEISPIEL. AUCH DAS ZAEHLT BEI MIR „ES WAR EINMAL“.
    MIT FREUNDLICHEN GRUSS

    peter alsbergs, jaipur, rajasthan, indien

  3. Florian Amort
    5. April 2017 @ 11:52

    Herzliche Grüße zurück nach Indien und vielen herzlichen Dank für Ihren Kommentar.
    Ihr Florian Amort

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