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Opernkritik – Giuseppe Verdi: La forza del destino (Teatro Filarmonico, Verona)

Premiere: 13.12.2015
Regie: Pier Francesco Maestrini
Musikalische Leitung: Omer Meir Wellber
Besuchte Vorstellung: 13.12.2015 (Premiere)
Übernahme von der Slovensko narodno gledališče Opera, Ljubljana (Slowenien)
Fotos: Ennevi Foto Verona

Ohne Zweifel: Die Opernproduktionen in Veronas antiker römischer Arena sind Spektakel. Hier verachtet man auf besondere Weise das ‚deutsche‘ Regietheater, hat man sich doch die scheinbar librettotreue Erzählweise mit Originalschauplätzen und Kostümen der jeweiligen Epoche auf die Fahne geschrieben. Effektvoll kommen allerlei pyrotechnische Hilfsmittel, ja sogar lebendige Tiere zum Einsatz. Und das nicht ohne Grund, denn schließlich gilt es Abend für Abend die 22.000 Sitzplätze der Arena zu füllen. Leider schreibt die Fondazione Arena di Verona dennoch schon länger rote Zahlen. Ausbleibende Sponsorengelder, der zurückgehende Kartenverkauf und die wetterbedingten zahlreichen Absagen haben allein bei den diesjährigen Opernfestspielen zu sieben Millionen Euro Verlust geführt, eine wahrliche Belastung zum bereits bestehenden Schuldenberg von 17 Millionen Euro. Die prekäre Finanzsituation des chronisch verschuldeten Opernbetriebs ist alarmierend und hat auch Auswirkungen auf die Opernsaison außerhalb der Festspiele im Teatro Filarmonico. Programmhefte gibt es schon seit Jahren nicht mehr. ‚Konsensfähige‘ Wiederaufnahmen von Produktionen anderer Häuser ersetzen kostspielige, eigene Neuinszenierungen. Dies alles sollte man im Hinterkopf haben, als sich am vergangenen Sonntag zur diesjährigen Spielzeiteröffnung der Vorhang für Giuseppe Verdis La forza del destino hob. Bei der Produktion handelt es sich um eine Übernahme der Slowenischen Nationaloper, die dort im März 2010 Premiere feierte.

Düster, verworren und vielschichtig ist dieses Drama, in dem laut Titel die Protagonisten von der Macht des Schicksals getrieben sind. Leonora und Alvaro sind ein Paar, doch Leonoras Familie, allen voran ihr Vater, lehnt diese Beziehung entschieden ab. Die Liebenden haben beschlossen, das alte Leben hinter sich zu lassen. Doch beim Verlassen des Hauses kommt es zum Streit mit dem Vater, ein versehentlich ausgelöster Schuss aus Alvaros Pistole trifft ihn tödlich. Im Sterben verflucht er seine flüchtende Tochter und ihren Geliebten. Leonora sucht Schutz in einem Franziskanerkloster und möchte sich als Einsiedlerin mit der Welt versöhnen. Alvaro zieht in den Krieg und rettet einen Unbekannten vor dem Tod. Doch stellt sich heraus, dass es Leonoras Bruder Carlo ist, der seinem Retter von Rachsucht getrieben zum Duell herausfordert. Alvaro hingegen hat die ständige Konfrontation mit dem Tod satt und flieht in ein Kloster. Es ist jenes Franziskanerkloster, in dem zufällig auch Leonora Zuflucht gefunden hat. Direkt vor ihrer Einsiedelei kommt es zum finalen Duell zwischen Alvaro und Carlo. Leonora eilt zu ihrem am Boden liegenden Bruder, doch ersticht dieser mit seinem letzten Atemzug die eigene Schwester und erfüllt so die Rache seines Vaters. Alvaro bleibt allein zurück.

Handelt es sich hierbei um eine zufällige Verkettung von Einzelfällen? Oder hat eine personifizierte höhere Macht das Leben der Protagonisten bestimmt, im Sinne göttlicher Vorhersehung? Oder gibt es nur Erlösung durch leidhafte Erfahrungen? Sowohl Librettist Francesco Maria Piave bzw. der für die Neufassung der Oper verantwortliche Antonio Ghislanzoni als auch Giuseppe Verdi haben diese Fragen offengelassen. Diese können in spannenden Inszenierungen nachgespürt werden, denn dazu geben zahlreiche reflektierende und emotionale Momente in der Oper viel Inspirationen und Möglichkeiten. In Verona setzt Regisseur Pier Francesco Maestrini hingegen lieber auf effektvolle Bilder und traditionellen Pomp in schlecht choreographierter Spielfilmqualität. Zugegeben: Die 3D-Projektionen von Bühnenbildner Juan Guillermo Nova lassen in nicht unattraktiver Art und Weise Wirtshaus, Klostermauer, Kirchenschiff, Schlachtfeld und Kartause entstehen. Die Choristen und Balletttänzer tragen die von Luca Dall’Alpi entworfenen realistischen Kostüme des 18. Jahrhunderts und werden tableauartig im Bühnenbild auftrumpfend positioniert, wahlweise statisch umherstehend, in religiöser Andacht versunken oder Fahnen schwenkend. Spätestens bei dem Il santo nome di Dio Signore des Padre Guardiano im Kloster-Finale des zweiten Aktes erreichen die umherwabernden Weihrauchschwaden auch die Zuschauer in der letzten Parkettreihe. Pyrotechnische Spielereien verwandeln nach der Pause die Bühne zum Schlachtgemetzel.

All dies bleibt jedoch leider auf der Ebene des billigen Effektes stehen. Sie sollen den Zuschauer Überwältigen, nicht einen größeren Gedanken erzählen. Das Produktionsteam vereinfacht dadurch den psychologischen Kern, die emotionalen Verstrickungen zwischen Liebe, Flucht, Ängste, Verzweiflung und Tod. Man könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass diese Art der Spektakelästhetik die Handlung bagatellisiert und die dramaturgische Komplexität des Werkes konterkariert. Die Verlegung der Sinfonia vor dem zweiten Akt (dem Bühnenumbau geschuldet) und die Streichung des für die Handlung zentralen zweiten Duetts zwischen Carlo und Alvaro im dritten Akt (ohne dieses ist der vierte Akt nicht zu verstehen) werfen erschwerend mehr Fragen auf, als sie lösen. Höhepunkte gab es dafür reichlich in der Musik.

Eine Offenbarung an diesem Abend war die chinesische Sopranistin Hui He, die mit ihrer betörend-klaren und in der Höhe völlig unangestrengten Stimme die Partie der Leonora ausgesprochen innig interpretierte. Jede Gesangslinie war bei ihr genauestens durchdacht, jede Nuance in ihrem Gesang dramatisch intendiert. Nicht nur ihr Monolog Son giunta!… grazie o Dio im zweiten Akt sondern auch ihre berühmte Friedensarie Pace, pace, mio Dio! zu Beginn des vierten Aktes löste beim Publikum einen wahren Beifallssturm aus. Ihr zur Seite stand Tenor Walter Fraccaro als Alvaro und überzeugte ebenfalls mit kraftvoller und ausdrucksstarker Stimme. Allerdings verhinderte sein Hang zu schleifenden Melodielinien den wünschenswerten feinen und nuancierten Gesang. In der Rolle als Don Carlo war der Slowake Dalibor Jenis zu erleben. Sowohl seine packenden schauspielerischen Fähigkeiten als auch seinen farbreichen, exzellent phrasierten Gesang honorierte das Publikum, vor allem bei seiner ersten großen Arie Son Pereda, son ricco d’onore, mit kräftigem Szenenapplaus. Von den verschiedenen Nebenrollen sind zwei besonders zu erwähnen. Chiara Amarù als zukunftssagende und kriegstreibende junge Zigeunerin Preziosilla mit agiler, wenn auch kleiner Stimme, und Gezim Myshketa als Fra Melotione. Der aus Albanien stammende Bariton konnte bei wohltuender sonorer Stimme in seinem Spiel bemerkenswert die Balance zwischen Brillanz und banaler Komödie perfekt ausloten. Myshketa ist Ensemblemitglied der Staatsoper Stuttgart.

Omer Meir Wellber am Pult des Orchestra dell’ Arena di Verona brachte mit fantastischer Präzision und leidenschaftlichen Emotionen die dramatische Kraft der Macht des Schicksals mit intensiven und nuancierten Spannungsbögen zu Gehör. Immer wieder überraschte er den Zuhörer durch klar herausgearbeitete Details der komplexen Partitur. Solisten, Dirigent und auch der von Vito Lombardi perfekt einstudierte Coro dell’ Arena di Verona waren nicht auf reine Effekthascherei aus, sondern führten durch das Nachzeichnen der unterschiedlich schattierten Dramatik den Abend auf musikalischer Ebene zum Erfolg.

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