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Opernkritik – Giuseppe Verdi: Jérusalem (Theater Bonn)

Premiere: 31.1.2016
Regie: Francisco Negrin
Musikalische Leitung: Will Humburg
Besuchte Vorstellung: 31.1.2016 (Premiere)
Koproduktion mit der Asociación Bilbaina de Amigos de la Ópera, Bilbao
Fotos: Thilo Beu

Der erste Blick in das premierenfrische Programmheft des Theater Bonn zu Giuseppe Verdis Jérusalem ruft eine gewisse Verwunderung hervor. Auf einer der ersten Seiten ist ein Auszug aus dem berühmten Aufruf von Papst Urban II. zum ersten Kreuzzug aus dem Jahr 1095 abgedruckt, auf der folgenden Seite ein Bericht über den Einfall der Christen in Jerusalem von Ibn Al-Athir, einem bedeutenden muslimischen Historiker des Hochmittelalters. Sicherlich ist es naheliegend, solche Texte für Jérusalem im Programmheft abzudrucken. Immerhin bildet der erste Kreuzzug den historischen Hintergrund der Opernhandlung. Doch zeigt diese Gegenüberstellung sehr deutlich die politische, gesellschaftliche und vor allem religiöse Sprengkraft des Werkes, besonders im gegenwärtigen Weltgeschehen. Wer denkt bei Kreuzrittern, Pilgern, Büßern, Sarazenen und Haremsfrauen, die kriegerisch aufeinanderprallen, nicht an die aktuell in allen Medien präsente Flüchtlingskrise, den von manchen Pegidisten heraufbeschworenen Untergang des Abendlandes und den allgegenwärtigen islamistischen Terrorismus?

Das Theater Bonn, das seinen Zyklus der frühen Verdi-Opern mit Giovanna d’Arco letztes Jahr begann (Inszenierung: Momme Hinrichs und Torge Møller) und in der kommenden Spielzeit mit Attila (Inszenierung: Dietrich Hilsdorf) fortsetzen wird, ließ sich auf ein solches Wagnis ein – als erstes deutsches Opernhaus! Einzig 2001 wurde in Dresden Jérusalem konzertant aufgeführt. Dabei erfreute sich das Werk lange Zeit großer Beliebtheit, wenngleich ausschließlich in Frankreich. Im Sommer 1847 unterzeichnete Verdi einen Vertrag mit der Pariser Opéra über ein neues Werk, das allerdings noch im Herbst auf die Bühne gebracht werden sollte. Die Direktoren der prestigeträchtigen Institution standen gewaltig unter Druck. Unter beachtlichem Jubel hatte das konkurrierende Théâtre-Italien bereits die Verdi-Opern Nabucco, Ernani und I due Foscari herausgebracht. Allerdings reichte Verdi die Zeit für eine neue Oper bei Weitem nicht aus. Sein Vorschlag, seine vierte Oper I Lombardi alla prima crociata zu einer Grand opéra umzuarbeiten, fand die Zustimmung seitens der Direktoren der Pariser Opéra.

Strenggenommen muss Jérusalem aufgrund der substanziellen Veränderungen als weitgehend eigenständiges Werk betrachtet werden. Auf Empfehlung von Eugène Scribe wurden rasch die Librettisten Alphonse Royer und Gustave Vaëz mit der Übersetzung und der Überarbeitung des Textbuches von Temistocle Solera betraut. Aus lombardischen werden französische Kreuzritter, die Hauptpersonen bekommen neue Namen und aus Mailand wird Toulouse. Verdi komponierte einige Chorszenen und zahlreiche Solo-Nummern neu und verfeinerte vor allem seine Instrumentierung. Doch auch wenn die religiös-politische Kreuzzugthematik in Jérusalem zu Gunsten des tragischen Schicksals eines Liebespaares in den Hintergrund tritt und die Handlung dadurch an Stringenz gewinnt, bleibt das Werk schwierig. Unbestreitbar bedürfen die in unserer Zeit als rassistisch und diskriminierend geltenden Neben-Elemente der Oper sowie das darin enthaltene Schnellfeuer an religiösen Feindbildern einer aktuellen Stellungnahme.

Doch blättert man im Programmheft weiter, wird klar: An diesem Abend bringt Regisseur Francisco Negrin keine Flüchtlinge, AfD-Demonstranten, Satire-Journalisten, Politiker, IS-Milizen und weitere religiöse Fundamentalisten im großen Showdown auf die Opernbühne. Samuel Huntingtons kontrovers diskutiertes Buch Clash of Civilizations bleibt im Bücherregal stehen. Statt einer politischen Deutung wird der Leser mit Dantes Divina Commedia, der Offenbarung des Johannes, dem Psalm 108 und der Antiphon In paradisum, entnommen aus der katholischen Sterbeliturgie, eingestimmt auf eine theologische Auseinandersetzung mit der Thematik.

Im Zentrum der Handlung steht das junge Liebespaar Hélène und Gaston. Doch Roger liebt ebenfalls Hélène, pikanterweise seine eigene Nichte. Um den Nebenbuhler aus dem Weg zu räumen, schiebt er Gaston einen gescheiterten Mordversuch an Hélènes Vater, dem Grafen von Toulouse, in die Schuhe. Belegt mit dem Kirchenbann geht Gaston ins Exil ins Heilige Land. Doch Hélène ist von der Unschuld ihres Geliebten überzeugt und so entwickelt sich eine zwischen fanatischem Glauben, bedingungsloser Liebe und sehnsuchtsvoller Hoffnung changierende Geschichte. Regisseur Francisco Negrin legt in seiner Deutung den Fokus auf das Leiden Gastons und verknüpft es mit der Divina Commedia. Eine animierte Karte, die während der Ouvertüre auf den geschlossenen Vorhang projiziert wird, zeichnet den Weg ausgehend vom diesseitigen Jerusalem über die Vorhölle (Limbus), das Fegefeuer (Purgatorium) und die Hölle (Inferno) bis hin zum jenseitigen Jerusalem, dem himmlischen Paradies.

Mit der Öffnung des Vorhangs nach der Ouvertüre wird der Blick frei auf einen von Paco Azorín entworfenen Tunnel, der von schwarzen Öffnungen durchzogen wird. Die Videoprojektionen von Joan Rodón und Emilio Valenzuela Alcaraz verlängern diesen ins Unendliche gehenden Raum. Einzelne Bühnenelemente werden im Laufe der Oper verschoben, um den Chor in den zahlreichen Tableaus eindrucksvoll zu drapieren. Im Finale des dritten Aktes, der Kernszene der Inszenierung, soll tatsächlich der Raum zum Höllenschlund werden. Gaston konnte die im Harem des Emirs gefangene Hélène erfolgreich befreien. Doch als der Graf mit seinem Kreuzzugsheer in Ramla einmarschiert und seine Tochter mit dem vermeintlichen Attentäter von damals erblickt, trennt er gewaltsam das Liebespaar und fordert Gastons Hinrichtung.

Das Regieteam lässt hierfür bilderstark das Inferno hereinbrechen, allen voran Kostümbildner Domenico Franchi, der die Soldaten und Büßer in fantasyartige Dämonenkostüme steckt. Gaston, der wie ein Prediger christusgleich auf einem Pfeiler stehend seine Unschuld betont, wird durch die Zerstörung seines Schildes, Helmes und Schwertes gedemütigt und aller ritterlichen Ehre beraubt. Dieser Dreischritt erinnert, wenngleich pervertiert, stark an das Ecce lignum crucis aus der Karfreitagsliturgie. Mit dem Höhepunkt der Opernhandlung wird Gaston in seinem Leiden Christus gleichgesetzt. Dies wird rückwirkend in der ersten Szene des vierten Aktes verstärkt, als Roger in einem Monolog an die Qualen Christi denkt, Regisseur Negrin allerdings den im Libretto bestehenden Bezug zum Ölberg szenisch verweigert.

Wirkungsmächtig ist auch das Schlussbild der Oper mit dem Chorhymnus A toi gloire, dieu de victoire. Am Ende des Leidensweges angekommen, wird das rückwärtige Bühnenelement versenkt und Hélène und Gaston strecken dicht gefolgt vom Chor ihre Hände in ein gleißend weißes Licht, dass das Tor zum Himmlischen Jerusalem markiert. Keine Erlösung hingegen finden Hélènes Vater und der päpstlicher Legat Adhémar de Monteil, die jeweils links und rechts von der Bühnenrampe zusammengekauert auf einer Bank sitzen. Auch Roger, der als Einsiedler im Heiligen Land seine Tat bereut, es aber nicht geschafft hat, sich mit der Welt und Gott zu versöhnen, bleibt sie verwehrt. Er wird am Ende nicht bei der Schlacht vor Jerusalem tödlich verwundet, sondern begeht librettofremd Selbstmord. Im Sterben bekennt er sich schuldig und bricht in der Bühnenmitte zusammen.

Etwas schwierig zu deuten bleibt in der sehr auf Stimmungen und Gefühl angelegten Inszenierung einzig das erste Bild des dritten Aktes. Hélène wird darin laut Libretto von den Haremsdamen verspottet. In Bonn entkleiden mehrere finster dreinblickende Damen Hélène und fixieren ihre Arme und Beide. Mit einer Art Zange geht eine besonders sadistische Dame auf ihren Unterleib los. Anfänglich sah es so aus, als würde die Person eine weibliche Genitalverstümmelung durchführen wollen, doch letztendlich schlitzt die Haremsdame einen von Hélènes Oberschenkel auf. Auch wenn die Grundaussage des drastischen Bildes, die vollkommene Erniedrigung und Verspottung Hélènes im Harem, verständlich ist, bleibt die Frage, ob es eine Anspielung auf allgemeine Folter oder aber doch auf einen konkreten Beschneidungsritus ist, der allerdings aus unbekannten Gründen nicht realisiert wurde. Jedenfalls verhindert im letzten Moment Freund Gaston Schlimmeres.

Leidenschaftlich, ausdrucksstark und mit voller Hingabe sang Sébastien Guèze die männliche Hauptpartie. Doch dem französischen Tenor fehlte für die schwierige Partie des Gaston die dramatische Kraft. Er hatte hörbar Schwierigkeiten, es mit Verdis großem Orchester aufzunehmen. Ähnliches gilt für die russische Sopranistin Anna Princeva als Hélène. Trotz emotionaler Momente und stimmlicher Virtuosität war auch sie nicht die Idealbesetzung für die anspruchsvolle Partie. Franz Hawlata hingegen von der Wiener Staatsoper wartete als Roger mit einem durchdachten und überzeugenden Rollenporträt auf. Der Bassbariton, in München für seinen Sir Morosus in Richard Strauss’ Oper Die schweigsame Frau (Inszenierung: Barrie Kosky) gefeiert, interpretierte den zwischen Gut und Böse, Eifersucht und Reue changierenden Gegenspieler zu Gaston eindrucksvoll in einer fast schon rigolettohaften Zerrissenheit.

Verdis Grand opéra kennt indes noch zwei weitere Gegenspieler. Mit beängstigendem Bariton und im wahrsten Sinne des Wortes handgreiflichem Spiel verkörperte Csaba Szegedi Hélènes groben Vater, den Grafen von Toulouse. Priit Volmer, Ensemblemitglied am Theater Bonn, legte als päpstlicher Legat Adhémar de Monteil, seinen Rollenschwerpunkt überzeugend auf die diabolische und rein machtstrebende Seite. Den größten Applaus des Abends gab es allerdings für Will Humburg, seit der Spielzeit 2014/15 Generalmusikdirektor am Staatstheater Darmstadt. Er spornte das präzis koordinierte und engagierte Beethoven Orchester Bonn zu packenden Tutti, wirkungsvollen Chören, grandiosen Crescendi, sentimentalen Streicher-Klängen und verklärten Bläserchorälen an und konnte die energiegeladene musikdramatische Sprache der Oper mit zahlreichen Feinheiten zum Leben zu erwecken. Das Publikum dankte es ihm mit enthusiastischem Beifall.

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