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Opernkritik – Giuseppe Verdi: Il corsaro (Teatro Regio, Parma)

Premiere: 14.10.2015
Regie: Lamberto Puggelli (Neueinstudierung durch Grazia Pulvirenti Puggelli)
Musikalische Leitung: Francesco Ivan Ciampa
Besuchte Vorstellung: 20.10.2015
Wiederaufnahme aus dem Jahr 2004
Koproduktion mit dem Teatro Carlo Felice, Genua
Fotos: Roberto Ricci

Als dritte Opernproduktion des diesjährigen Festival Verdi wird, bereits zum wiederholten Male, Il corsaro wiederaufgenommen. Dem Libretto liegt das Gedicht The Corsair von Lord Byron zugrunde. Verdi selbst hatte offenbar mit dieser Oper zu kämpfen. Durch einen Vertrag verpflichtet übergab er das Autograph dem Verleger Francesco Lucca mit den Worten, er könne damit machen, was er wolle. Er blieb der Uraufführung am 25.10.1848 in Triest demonstrativ fern – Kritiker verrissen die Oper. Zusammen mit Jérusalem, einer Umarbeitung der Oper I Lombardi alla prima crociata nach Vorbild der französischen Grand opéra, sei es, so diverse Musikwissenschaftler, das schlechteste Werk im Œvre Verdis. Dass die beiden degradierten Werke wegen diesem Pauschalurteil in der Bedeutungslosigkeit versunken sind, haben sie allerdings nicht verdient.

Der aus dem Adel stammende Corrado hat sich den Korsaren angeschlossen, um als Hauptmann gegen die osmanische Flotte im Ägäischen Meer zu kämpfen. Während seine Gefährten das vogelfreie Leben besingen, verabschiedet sich Corrado von seiner Frau Medora. Sie fürchtet, dass ihr Gemahl nicht lebend zurückkehren wird. Gleichzeitig wird im Harem des muslimischen Herrschers Pascha Seid seine Lieblingssklavin Gulnara von Odalisken besungen, die ihr auch reich verzierte Gewänder sowie Schmuck bringen. Sie hingegen ist von ihrem Gebieter und seinen Geschenken angewidert. Seid und seine Mannen stimmen kurz vor der Abfahrt gegen die Korsaren eine Hymne zu Ehren Allahs an (Santo in pace, terribile in guerra, per gli Osmani è il gran nome di Allah!), bevor Corrado als Derwisch verkleidet um Asyl bittet. Sein Gefolge hat währenddessen ein Feuer im Palast gelegt. Der daraufhin enttarnte Corrado gibt den Befehl, die Muselmanen niederzumetzeln und abzuschlachten. Kurz vor dem Sieg stehend hören Sie die Hilferufe der Liebessklavinnen im Harem. Sie können die Frauen retten, jedoch kann sich dadurch die Truppe des Seid neu formatieren und die Korsaren siegreich schlagen. Corrado wird in den Kerker gebracht und wartet dort auf seine Hinrichtung. Gulnara, durch die Geschehnisse in ihren Retter verliebt, erbittet bei Seid vergeblich um Gnade und weckt stattdessen sein Misstrauen. Sie indes besticht den Kerkerwächter und versucht so Corrado zu befreien, der aber ablehnt. Gulnara sieht als einzigen Ausweg die Ermordung des Paschas, um den Korsaren von der Flucht zu überzeugen. Den blutigen Dolch noch in der Hand fliehen sie letztendlich mit Hilfe eines Schiffes in Richtung Korsareninsel. Medora hat aus Verzweiflung Gift genommen, da sie nicht mehr mit der Rückkehr ihres Mannes rechnet und lieber mit ihm im Tod vereint sein möchte. Kurz bevor sie stirbt erblickt sie den lebenden Corrado und dankt Gulnara für seine Rettung. Corrando stürzt sich aus Verzweiflung von der Klippe, Gulnara bricht unter der Last ihrer Gefühle zusammen.

Diese unbekannte Opernhandlung, hier deswegen etwas ausführlicher dargestellt, ist aus heutiger Sicht auf mehreren Ebenen problematisch: Rassismus, Überlegenheitsvorstellungen von Religionen, Diskriminierung von Frauen. All dies wurde von Regisseur Lamberto Puggelli und seinem Team unkommentiert auf die Bühne gebracht. Stattdessen werden der ganzen Oper hindurch die von Marco Capuana (Bühnenbild) konstruierten, mit Segel bespannten Masten mit Hilfe von Seilen permanent ein- und wieder ausgeholt. Einzig die säbelbeschwingte Szene im zweiten Akt, die in jedem Freibeuterfilm obligatorisch vorkommen muss, bringt ein wenig Aktion in das Geschehen. Die aktuellen Geschehnisse in der Welt hätten genügend spannende Ideen geboten, sich neben den Themen wie Eifersucht, Liebe und Tod auch kritisch mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen und mit Klischees aufzuräumen, ohne dem Werk durch avantgardistisch-experimentelle Regiekonzepte in irgendeiner Form Gewalt anzutun. Eine zeitgemäße Deutung hätte dieser unbekannten Oper fast schon erschreckende Aktualität verliehen. Wirklich eine verpasste Chance.

Ähnlich wie bei der Eröffnungsproduktion Otello gab es auch bei Il corsaro Umbesetzungen. Es war hörbar, dass Dirigent Francesco Ivan Ciampa, den eigentlichen musikalischen Leiter Alain Guingal ersetzend, nicht genügend Zeit zum Proben hatte. Die Sänger und die Filarmonica Arturo Toscanini konnten sich trotz wild umherwedelnden Dirigenten in vielen Stellen nicht auf ein gemeinsames Tempo einigen. Auch seine Versuche, mehr Klangfarbenreichtum und dynamische Schattierungen in den unausgewogenen Orchesterpart zu bekommen, blieben leider ungehört. Auch die Rolle des Pascha Seid musste kurz vor der Generalprobe neu an Ivan Invrerardi, Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin, vergeben werden (ursprünglich war Kiril Manolov vorgesehen). Seine große Soloszene zu Beginn des dritten Aktes (Cento leggiadre vergini/ S’avvincina il tuo momento) sang er ausdrucksstark kraftvoll mit gut ausdifferenzierten Klang. Nur in der Höhe hatte der Bariton wohl wegen dem nicht gerade sängerfreundlichen Wetter in Parma ein klein wenig Schwierigkeiten. Diego Torre konnte gleich bei der ersten Arie der Oper (Tutto parea sorridere) mit anschließender Cabaletta (Sì, di Corsari il fulmine) das melodische Potenzial der verdischen Komposition durch seine klangstarke Interpretation des Korsarenfürsten Corrado ausloten. Unmittelbar darauf folgt eine der wohl schönsten Szene, die Verdi je komponiert hat. Die Auftrittsarie der Medora (Non so le tetre imagini) wurde glänzend von der jungen italienischen Sopranistin Jessica Nuccio, seit diesem Jahr ebenfalls im Ensemble der Deutschen Oper Berlin, mit starker Intensität gesungen und verlieh der Arie einen ganz besonderen traurig-meditativen Charakter. Silvia Dalla Benetta konnte als Gulnara in ihrer Auftrittsszene im zweiten Akt sowohl Cavatine (Vola talor dal carcere) als auch anschließende Cabaletta (Ah conforto è sol la speme) ebenfalls intensiv-überzeugend darstellen. Auch wenn der nur 100 Minuten langen Oper im Gesamten der klangliche und dramaturgische Tiefgang fehlt und Il corsaro sicherlich kein Geniestreich des italienischen Opernheiligen ist, bilden einige Arien richtige Kleinodien, die sich lohnen auch außerhalb des Opernhauses anzuhören.

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