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Opernkritik – Giuseppe Verdi: Giovanna d’Arco (Teatro alla Scala, Mailand)

Premiere: 7.12.2015
Regie: Moshe Leiser und Patrice Caurier
Musikalische Leitung: Riccardo Chailly
Besuchte Vorstellung: 4.12.2015 (Anteprima)
Fotos: Marco Brescia und Rudy Amisano

Wie jedes Jahr zelebriert das Teatro alla Scala in Mailand ausgiebig seine inaugurazione. Die Spielzeiteröffnung des italienischen Operntempels alljährlich am 7. Dezember, dem Gedenktag des Heiligen Ambrosius, Schutzpatron der Stadt, gilt als das italienische High-Society-Event. Unzählige nationale und internationale Prominente werden erwartet. Und dieses Jahr sollte es etwas ganz besonderes werden: Giuseppe Verdis selten gespielte siebte Oper Giovanna d’arco kehrt 170 Jahre nach der mäßig erfolgreichen Uraufführung an den Erstaufführungsort zurück. Die Oper in drei Akten mit vorangestelltem Prolog basiert auf Friedrich Schillers romantischer Tragödie Die Jungfrau von Orleans und ist nach nur wenigen Aufführungen wieder vom Spielplan verschwunden. Zwar wurden die mitreißenden Chöre und einige wenige Soloarien Verdis allseits hoch gelobt, doch kritisierten viele die nur an wenigen Stellen erreichte emotionale Tiefe in der etwa 120 Minuten umfassenden Partitur. Dies lag vor allem an dem Libretto von Temistocle Solera. Schillers komplexe Tragödie wurde von ihm auf wenige Handlungsstränge zusammengestutzt, nicht weniger als 22 Personen vielen seinem Rotstift zum Opfer.

Doch wenn Anna Netrebko die Hauptpartie übernimmt und zusammen mit Francesco Meli und Carlos Álvarez die Traumbesetzung der Produktion bildet, lässt sich Intendant Alexander Pereira bereitwillig auf dieses finanziell sicherlich wenig risikobehaftetes Wagnis ein. Schließlich war er es, der die russische Starsopranistin zu dieser Rolle brachte. Seit der konzertanten Aufführung bei den Salzburger Festspielen 2013 ist die Primadonna assoluta offenbar auf dem Geschmack gekommen. Nachdem bereits die Ausschnitte Qui! Qui… dove più s’apre libero il cielo und O fatidica fortesta aus der Oper auf ihrer Verdi-CD (Deutsche Grammophon) erschienen sind, soll also nun eine szenische Produktion folgen. Bereits am Freitag gab es für junge Menschen unter 30 Jahre die Anteprima. Für den stimmlich angeschlagenen aber spielenden Carlos Álvarez sang Devid Cecconi als Cover von der Seitenbühne.

In Giovanna d’Arco existieren zwei unterschiedliche Handlungsebenen: Die pseudohistorische Geschichte der Jungfrau von Orleans nach Schiller bzw. Solera und die Stimmen guter und böser Geister in Giovannas Kopf. Sie repräsentieren dramaturgisch den inneren Konflikt der Hauptperson: Zwischen göttlichem Auftrag, der Befreiung Frankreichs im Namen Gottes, und irdischer Begierde, sprich körperliche und emotionale Liebe zu König Carlo VII. Ausgehend von diesen Chören der Engel und Dämonen schreibt das Regie-Duo Moshe Leiser und Patrice Caurier den pseudohistorischen Plot ebenfalls der zweiten Handlungsebene zu, interpretieren sie die Operngeschichte als schizophrene Gedanken eines von religiösen Wahnvorstellungen gepeinigten jungen Mädchen des 19. Jahrhunderts. Bereits während der Ouvertüre geht für wenige Minuten der Vorhang auf. Zu sehen ist ein hochgemauerter Raum mit dezenten Stuckgesims und einer mannshohen Holzvertäfelung (Bühnenbild: Christian Fenouillat). Um ein Bett schart sich eine Menschentraume, darunter Giovannas Vater Giacomo sowie ein Arzt. Im Bett liegt Giovanna, die gerade eine Wahnvorstellung erleidet, ehe sie ruhig einschläft, die Menschen den Raum durch eine Tür verlassen und der Vater sich neben dem Bett in ein Stuhl setzt, mit dem Rücken zum Publikum.

Mit dem Prolog beginnt Giovannas Fiebertraum. Schleusenartig öffnen sich Teile der Holzvertäfelung und geben den Blick frei auf den Chor. Die Wände erzählen Giovanna von der Belagerung Orleans durch die Engländer während des Hundertjährigen Krieges. Die hohen Wände im Zimmer verwandeln sich während dieser Erzählung durch Projektionen (Video Étienne Guiol) zu einem scharlachroten Schlachtfeld und zeigen vom Krieg gezeichnete Männer, Frauen und Kinder. Ängstlich hinter dem Stuhl des Vaters versteckt sich Giovanna und sieht den regierenden aber noch nicht gekrönten Carlo VII. von Frankreich abdanken. Carlo ist ganz in Gold und wirkt, wie eine zum Leben erweckte Statue. Im Traum wurde er aufgefordert, seinen Helm und sein Schwert nahe einem Marienbildnis niederzulegen, damit Frankreich von der rechten Person gerettet werde. Für Giovanna ist klar: Sie ist die gesuchte Auserwählte, die Erlöserin Frankreichs im Kampf gegen die Engländer. Sie schneidet ihre langen Haare ab, rafft ihr Gewand und legt von Kampfeslust erfüllt die von Carlo deponierte goldene Rüstung an. Überdimensionierte Speere kommen aus den Wänden. Carlo sieht in der jungen Frau nicht nur die Erfüllung der Prophezeiung, sondern auch seine große Liebe. Giovannas nun einsetzender innerer Wettkampf zwischen göttlichen Auftrag und irdischer Begierde wird ebenfalls durch Projektionen visualisiert: Ihre in vielen Legenden beschriebene Fahne mit dem Schriftzug Jesus Maria sowie einigen Symbolen und die Animation zweier nackter, sich gegenseitig streichelnder Körper werden übereinander geblendet. Die nackten Körper sollen gewinnen, Giovanna erliegt den Verführungen des Königs. Am Ende des ersten Aktes begraben zahlreiche kleine Teufelchen das in Giovannas Bett liebkosende Paar unter sich. Der Chor der bösen Geister singt triumphierend Vittoria, vittoria! Plaudiamo a Satàna.

Im zweiten Akt wird die hintere Wand etwas auf die Seite geschoben und ein riesiges  maßstabsgetreues Modell der Kathedrale von Reims erhebt sich aus der Unterbühne. Während der Chor zur feierlichen Krönung von Carlo in der Kathedrale das Te Deum singt (interessanterweise entschied sich der Librettist für Italienisch, nicht Latein) steht Giovanna auf dem Vorplatz. Ihr ehrscheint der dornengekrönte und gegeißelte Christus höchstselbst, der ihr sein Kreuz überreicht. Kurz vor dem Höhepunkt der Oper werden in dieser Szene mehrere Aspekte vereint. Zum einen wird hier auf die Idee der sog. Imitatio Christi, der Nachfolge Christi, angespielt. Zum andern wird aber das nun kommende vorweggenommen und interpretiert. Giovannas Vater Giacomo hat bereits während dem Prolog den Verdacht, dass seine Tochter mit den Mächten des Bösen im Bunde steht. Er geht zu den verfeindeten Engländern und verrät seine Tochter, wie Judas Christus verraten hat. Als nun nach der Krönungszeremonie Carlo auf dem Vorplatz der Kathedrale Giovanna zur Schutzheiligen von Frankreich ausruft, schreitet Giacomo ein, bezichtigt seine Tochter vor allen Leuten der Hexerei und unterzieht sie durch dreimaliges anklagendes Fragen einer Art Exorzismus. Ihr Schweigen wird als Schuldbekenntnis gewertet und sie wird den Engländern ausgeliefert, die bereits einen Scheiterhaufen errichtet haben. Dies erinnert ebenfalls an die Passionsgeschichte Christi. Auch er schwieg und gab auf die Fragen von Pilatus keine Antwort. Weiter wurde auch Christus von seinen Zeitgenossen als Messias nicht anerkannt, sondern musste als Gotteslästerer den Kreuzestod sterben. Die religiöse Wahnvorstellung von Giovanna (das Gleichsetzen ihres Schicksaals mit dem Christi) erreicht zusammen mit der Dramaturgie der Oper ihren Höhepunkt am Ende des zweiten Aktes.

Die Figur des Vaters im Allgemeinen ist für das Verständnis der Oper von höchster Bedeutung, ist er dramaturgisch gesehen die wichtigste Person, der Motor in der Handlung. In dieser Inszenierung ist Giacomo zwischen den beiden Handlungsebenen angelegt. Er versucht in der ‚Realität‘ mit Giovanna zu sprechen, sie aus ihrem Wahn herausholen, sie aufzuwecken. Das während der kompletten Oper am linken Vorderrand stehende (leere) Bett, der sich im Wesentlichen nie ändernde Bühnenraum sowie die Kleidung Giacomos aus dem 19. Jahrhundert verweisen auf diese Handlungsebene. Allerdings beeinflusst der Vater durch dieses Zusprechen das Geschehen in Giovannas Wahnvorstellung, ja er wird wie vorhin gezeigt sogar Teil der fiktiven zweiten Handlungsebene, verdächtigt er doch seine Tochter der Hexerei und klagt sie öffentlich an. Die Idee, Giacomo diese Scharnierfunktion zwischen den beiden Handlungsebenen zu geben, ist somit ebenfalls konsequent aus dem Libretto entwickelt.

Das Konzept weitergedacht kann das grande finale der Oper verständlicherweise nicht mit dem geforderten Spektakel (der Befreiung Giovannas durch den nun doch an dem göttlichen Plan glaubenden Vater, ihrer tödlichen Verwundung in der Schlacht, ihrer nach dem Tod anschließenden Vision der Jungfrau Maria mit ätherischem Sternenlicht am Himmel sowie der Übergabe ihrer Fahne an Carlo) enden. Stattdessen berichtet sie dies alles halluzinierend und bricht am Ende ihrer Wahnvorstellung einfach tödlich zusammen, der Vater neben ihr stehend und sichtlich mitgenommen. Zugegeben, um diese Inszenierung in ihrer Tiefe zu durchblicken bedarf es neben der genauen Kenntnis der Opernhandlung und einzelner musikalischen Elemente auch ein wenig an kulturhistorischem Wissen. Schnell würde man sonst diese Deutung als oberflächlich, effektheischend und schön bebildert abstempeln. Doch das haben Moshe Leiser und Patrice Caurier sowie ihr Team für diese sehr durchdachte Inszenierung der doch etwas sonderbar wirkenden Opernhandlung wahrlich nicht verdient!

Anna Netrebkos voluminöse Stimme ist nochmal um ein kleines Stück nachgedunkelt und kann dadurch der Giovanna die perfekte dramatische Schwere geben. Trotzdem bleibt ihr Sopran erstaunlich geschmeidig, agil und facettenreich. Egal ob lyrisch sanfte Gesangsphrasen oder dramatisch hinausschleudernde Effekte: Durch ihre unschlagbare Stimmbeherrschung gepaart mit einer unglaublichen schauspielerischen Präsenz ist sie ungeschlagen der Star des Abends. Doch in Sachen kraftvoller Stimme und Bühnenpräsenz hinkt Francesco Meli als König Carlo VII keinen Millimeter hinterher. Man kann nur über seinen kraftvoll-strahlenden Tenor staunen! Zusammen mit seinem perfekten Spiel konnte er ein zupackendes Rollenporträt präsentieren. Devid Cecconi lieh seine Stimme den spielenden Carlos Álvarez in der Rolle als Giacomo und gab damit sein Scala-Debüt. Der italienische Bariton verlieh der dramaturgisch wichtigsten Person in der Oper durch seine sonore runde Stimme die wünschenswerte Präsenz. Trotz Distanz zur Hauptbühne und zu den darauf spielenden Sängern gelangen ihm durch penible Präzision alle Duette und Ensembles tadellos. Man darf gespannt sein, wie sich seine Karriere weiter entwickeln wird. Zu Beginn des nächsten Jahres ist er an der Oper Leipzig in den Titelpartien zu Nabucco (Inszenierung: Dietrich W. Hilsdorf) und Rigoletto (Anthony Pilavachi) zu erleben. Dmitry Beloselskiy als Talbot und Michele Mauro als Delil komplettierten das Sängerensemble. Für den neuen Musikdirektor der Mailänder Scala Riccardo Chailly ist es am Montag die erste inaugurazione.

Mit äußerster Präzession und gut gesetzten Tempi dirigierte er am Freitag das Orchestra del Teatro alla Scala. Einzig seine langgezogenen ritardandi jeweils am Ende einer großen Szene wirkten etwas zu viel des Guten. Sie ermutigten zusätzlich das ohnehin schon sehr applaudierfreudige Publikum bereits mehrere Sekunden vor dem letzten Akkord einer Szene in Beifall auszubrechen. Wer also am Montagabend noch nichts vorhat: Der Fernsehsender Arte überträgt die Spielzeiteröffnung der Mailänder Scala mit Verdis Giovanna d‘Arco ab 21:50.

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