Don_Carlo_München_19.01.2017_Wilfried_Hösl

Opernkritik: Giuseppe Verdi: Don Carlo (Bayerische Staatsoper, München)

Premiere: 1.7.2000
Regie, Bühne, Kostüme und Lichtkonzept: Jürgen Rose
Musikalische Leitung: Paolo Carignani
Besuchte Vorstellung: 19.1.2017
Fotos: Wilfried Hösl

Drei kräftige Blechbläserstöße kündigen ihn an, den Großinquisitor in Giuseppe Verdis Don Carlo. 90-jährig, blind, mächtig, einflussreich und gefürchtet – kurzum: eine éminence grise. Doch wer die zweite Vorstellung der Wiederaufnahme von Jürgen Roses 16 Jahre alter Carlo-Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper besuchte, erlebte nicht nur einen Grande Inquisitore wie aus dem Bilderbuche, sondern selten Gehörtes.

Von den mit einem hinkenden Rhythmus einsetzenden tiefsten Orchesterinstrumenten im bedrohlichen f-Moll unterstützt, tastet sich Günther Groissböck in dem meist stockdunklen, aber wandelbaren Guckkasten mit einem schräg an die linke Wand angelehnten, raumgroßen und alles dominierenden Kreuz mit überlebensgroßem nacktem Christus vorwärts, bis er auf eine Stuhllehne gestützt zum Stehen kommt. Für die große Soloszene des Großinquisitors zieht der österreichische Sänger alle Register seines Könnens. Er erhebt seine Stimme und Bassgewalt bricht sich Bahn. Son io dinanzi al Re? Stehe ich vor dem König?, donnert es mit voller Wucht von der Bühne. Unbarmherzig und unnachgiebig fordert Groissböck mit durchdringendem, dichten Ton und langen, orakelhaften Phrasierungen bei dezentem Vibrato die Auslieferung des Marquis de Posa –der eindrücklichste Moment der Vorstellung.

An diesem Abend tragen besonders die tiefen Männerstimmen zum Festspielcharakter bei. Direkt vor der Soloszene des Großinquisitors präsentiert Ildar Abdrazakov eindrucksvoll einen zwischen Staatsraison, Gehorsam gegenüber der Kirche und Vaterliebe zerrissenen König Philipp II. Glaubhaft zeigt er mit samtiger, klangintensiver Bassstimme einen mächtigen und zugleich machtlosen Herrscher. Mit Spannung ist Christian Gerhahers Interpretation des Posa erwartet worden. Bisher hatte er nur einmal, 2013 in Toulouse, diese Verdi-Partie gesungen – und man fragt sich nach dem Abend: Warum eigentlich nicht öfter? Gerhahrer, nicht umsonst als Liedinterpret höchstgelobt, stellt ein sehr überlegtes, fein ausdifferenziertes und nuanciertes Rollenprofil vor. Es ist nicht der hemdsärmliche, aufrührerische Freiheitskämpfer für das unterdrückte Flandern, sondern ein Reflektierender, ein Grübelnder, der sich jedoch auch im Finale des dritten Aktes kräftig und klangschön zupackend jedem in den Weg stellen kann, vor allem dem Königssohn Don Carlos.

Zwischen den beiden ist es sowieso eine ungleiche Männerfreundschaft, die dramaturgisch im Laufe der Oper einer Achterbahnfahrt gleicht. Musikalisch hingegen wird sie mit Yonghoon Lee zu einer Via Dolorosa. Während Gerhaher dem Rodrigo ein tiefgehendes Rollenprofil gibt, ist der südkoreanische Tenor mit Stemmen, Forcieren und Drücken beschäftigt. Die Diskrepanz der beiden nicht miteinander harmonierenden Stimmen wird im berühmten Dio che nell’alma infondere besonders ohrenfällig. Metallen klingt Lees Stimme in der Höhe, wenn er – selten genug – sein Dauerfortissimo zügelt, brechen ihm die fahl gewordenen, unsauber intonierten Töne weg. Hinzu treten zugekniffene Augen, eine Mimik, die man aus dem Gewichtheben kennt, und ‚operntypische‘ Gesten längst vergangener Zeiten. Das mag für manche Zuschauer kämpferische Leidenschaft ausdrücken, es klingt aber nicht nur undifferenziert, grobschlächtig und monochrom, sondern auch, um es mit den Worten Rossinis zu sagen, wie der Schrei eines Kapauns, dem man die Kehle durchschneidet.

Glücklicherweise ist es der einzige Griff in die interpretatorische Oberflächlichkeit. Denn auch Tamara Wilson, frischgebackene Gewinnerin des Richard Tucker Award 2016, brilliert mit lockerer, farbenreicher Höhe und feinfühliger Phrasierung in der Partie der Elisabeth von Valois und feiert so einen gelungenen Einstand an der Bayerischen Staatsoper. Nadia Krasteva als intrigante Prinzessin Eboli macht ich Sache grundsolide. Großen Applaus gibt es für das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Paolo Carignani, der sich gerade zeitgleich mit der Neuproduktion von Otello an der Staatsoper Hamburg (Inszenierung: Calixto Bieito) im Verdi-Rausch befinden dürfte. Ungewohnt präzis erweckt er die energiegeladene musikdramatische Sprache der Oper mit zahlreichen Feinheiten zum Leben.

Ein Kommentar

  1. Andrea Sieber
    26. März 2017 @ 19:25

    Sehr ausführliche und detaillierte Kritik ! Danke !

Schreibe einen Kommentar

Zur Werkzeugleiste springen