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Opernkritik – Giuseppe Verdi: Attila (Teatro Comunale, Bologna)

Premiere: 23.1.2016
Regie: Daniele Abbado
Musikalische Leitung: Michele Mariotti
Besuchte Vorstellung: 23.1.2016 (Premiere)
Koproduktion mit dem Teatro Massimo, Palermo und dem Teatro La Fenice, Venedig
Fotos: Rocco Casaluci

Es war allerlei italienische Prominenz vertreten, als am vergangenen Samstag das Teatro Comunale in Bologna seine Spielzeit mit einer Neuinszenierung von Giuseppe Verdis selten aufgeführter neunter Oper Attila eröffnete. Nach Nabucco (1842), I Lombardi alla prima crociata (1843) und Giovanna d’Arco (1845) setzte Verdi zusammen mit seinem Librettisten Temistocle Solera den Typus der plakativ-monumentalen Historienoper mit ausgeprägter Vorliebe für Ensembles und große Chor-Tableaus fort. Als Grundlage für das Libretto diente die romantische Tragödie Attila, König der Hunnen von Zacharias Werner. Den dritten Akt, den Solera allerdings wegen privater Umstände nicht vollenden konnte, wurde grundlegend von Francesco Maria Piave umgearbeitet und fertiggestellt.

Die ‚neue Oper der Kürze‘ mit schlagenden, kaleidoskopisch wechselnden Bildern und extremen Emotionen, gerne auch aus der Effektkiste, geht allerdings entschieden zu Lasten einer ausdifferenzierten, spannenden Handlung. In Attila verteilen sich acht Bilder auf drei Akte und den Prolog. Bei den rund zwei Stunden Spielzeit verbleiben im Durschnitt also nur 15 Minuten pro Bild. So hätte sich das Regieteam um Daniele Abbado gut überlegen sollen, ob nicht ein durchdachtes Erzählkonzept das Werk schlüssiger vermitteln könnte als aneinandergereihte Szenen, denen häufige Vorhänge den inneren Zusammenhang und die Spannung nehmen. Das ist jedoch nur eines der Probleme der Inszenierung in der optisch reizvollen Bühne Gianni Carluccios.

Verloren umherstehende Solisten in klassischen Sängergesten, blockweise auf- und abtretende Massenchöre und ein ermüdender, unverständlicher Symbolismus entlarven das Spektakel als hilflose Bebilderung. Wer ist der Mann, der im Laufe des Abends abseits vom Bühnengeschehen mit einem Holzstab Symbole in den Staub zeichnet? Ein hunnischer Schamane? Und warum sitzt er da: Liest er mit Hilfe von Runen das Weltschicksal oder das Leben Attilas oder ist er der Verfasser eines Geschichtsmythos, zu dessen Füßen die Handlung zum Leben erwacht?

Und was bedeutet das im schwarzen, abstrakten Bühnenraum verteilte Bataillon an kopf- und gliederlosen Figuren, sitzend und in Rückenansicht? Eine Reminiszenz an die berühmte Terrakotta-Armee, die das Grab des ersten chinesischen Kaisers Qín Shǐhuángdì beschützt? Aber was hat das mit Attila zu tun? Wie sind die von der Decke hängenden Holzbalken zu interpretieren? Helfen können auch nicht die Kostüme von Daniela Cernigliaro. Die tarngrünen Uniformen der Hunnen erinnern an eine Kämpfer-Miliz, während die römischen Truppen elegant in Anzug oder Gehrock am Geschehen teilnehmen. Aber zur Klärung des Regiekonzepts taugt auch dies nicht. Das Publikum reagierte auf diese viele Fragen offen lassende Inszenierung äußerst zurückhaltend und hob sich den Applaus lieber für das formidable Sängerensemble auf.

Für die Titelpartie konnte Ildebrando d’Arcangelo verpflichtet werden, der 2014 sein Rollendebüt als Attila in einer Produktion der Asociación Bilbaina de Amigos de la Ópera im spanischen Bilbao gab (Musikalische Leitung: Francesco Ivan Ciampa, Regie: Ruggero Raimondi). Eigentlich ist der Italiener in den Mozartpartien Don Giovanni, Figaro und Guglielmo auf den international renommierten Opernbühnen der Welt zu erleben. Doch seit jüngerer Zeit wendet sich der Bassbariton verstärkt dem seriösen Fach zu. Nach seinem Engagement in Bologna wird er in diesem Jahr am Gran Teatre del Liceu, Barcelona (Spanien), als Jacopo Fiesco in Verdis Simon Boccanegra debütieren (Musikalische Leitung: Massimo Zanetti, Regie: José Luis Gomez). Mit entschiedenem und dunkel-gefärbtem Ton, tragender Tiefe und einer schmelzenden Noblesse bietet er sich für die ernsteren Verdi-Rollen perfekt an.

Besonders ausdifferenziert interpretierte d’Arcangelo seine große Soloszene im ersten Akt. Mit ausgesprochen langen Phrasierungsbögen und dichter Klanggestaltung erzählt er in der Arie Mentre gonfiarsi l’anima seinem Diener Uldino (Gianluca Floris), dass ihn im Traum ein alter Mann vor dem Feldzug nach Rom gewarnt hat. Der nachdenklich-reflektierende Charakter verschwindet selbsterklärend in Attilas zum Aufbruch fordernden Cabaletta Oltre quel limite, t’attendo, o spettro. Im anschließenden Finale erkennt Attila, unterstützt durch orchestrale Erinnerungsmotivik, in seiner nächtlichen Traumgestalt Papst Leo (Antonio di Matteo), der im Mozart’schen Komtur-Duktus den demütig zu Knien sinkenden und sein Gesicht verhüllenden Attila zum Rückzug auffordert. So ändert sich Attilas Charakter dank d’Arcangelos ausdifferenziertem Rollenporträt im ersten Akt glaubhaft vom skrupellosen Feldherrn und gefürchteten Hunnenschreck zum ehrfurchtsvollen Diplomaten.

Auch die anderen Gesangspartien waren luxuriös besetzt. Simone Piazzola bestach als römischer Offizier Ezio, der sich durch den Waffenstillstand des schwächlichen, minderjährigen Kaisers Valentinian mit Attila um den militärischen Sieg gebracht fühlt. Zusammen mit Klarinette, Fagott und Horn, die einen mystischen, orgelähnlichen Klang bilden, beklagt er mit klangschönem, fließendem Bariton in der Arie Dagl’immortali vertici diese Schmach für das militärisch potente Imperium, ehe er ein schmachtendes Loblied auf Rom anstimmt. Aufrührerisch, hemdsärmelig, martialisch: So gestaltet Piazzolla intensiv und in kraftvollen Forte-Höhen die effektvolle Cabaletta E’gettata la mia sorte, unterstützt von kriegerisch aufpeitschendem Rhythmus im Orchester. Der in unseren Ohren übertriebene Vaterlandsfanatismus des Ezio, der von einigen Exegeten gerne als versteckte Botschaft Verdis und Soleras für das Risorgimento gedeutet wird, wurde in der Inszenierung nicht weiter kommentiert.

Mit schön timbriertem Tenor und einem fantastischen Gespür für Phrasierung und Ausdruck sang Fabio Sartori den eifersüchtigen, schwächelnden Helden Foresto. Mit einer immensen Strahlkraft und resonanzreicher Stimme auch in den höchsten Lagen beschwörte er zusammen mit dem Chor der Vertriebenen in seinem Cara patria già madre e reina den frei erfundenen und für die Handlung dramaturgisch irrelevanten Gründungsmythos Venedigs herauf. Doch dass der Tenor in diesem Operntypus hörbar in der Krise ist, tritt vor allem in den beiden Arien Ella in poter del barbaro und Che non avrebbe il misero zu Tage. In ihnen beklagt Foresto, dass seine Geliebte in den Fängen von Attila sei. In seiner stark auf Verzweiflung fokussierten Interpretation mit fast schon überzeichnetem seufzendem Charakter tendiert Sartori allerdings etwas zu larmoyanter Tonfärbung, was dem Rollentypus des wehleidigen Geliebten angemessen erscheint.

So stimmgewaltig dieser Männerhaufen auch war, Maria José Siri sang ihn in Grund und Boden. Sie debütierte in der Rolle der aquileianischen Aristokratin Odabella. Weiträumige Intervallsprünge, Koloraturkaskaden bis zu den Stimmgrenzen ausgereizt und oftmals vom blechbläsertobenden Orchester begleitet, machen diese Rolle unbestritten zusammen mit Abigaille (Nabucco) und Lady Macbeth (Macbeth) zu einer der schwierigsten Verdipartien überhaupt. Doch die aus Uruguay stammende Sopranistin wartete mit vorzüglicher Intonation, kraftvoll-intensiver Stimme auch in den Extremlagen und verlustfreier Agilität auf. Sie gab authentisch in der Arie Allor che i forti corrono die von Verdi gewollte Rachefurie und schraubte sich mit ihrem dunklen Timbre in der folgenden Cabaletta Da te questo or m’è onocesso mühelos in dramatische Höhen hinauf. Ein wenig royale Empfindsamkeit war freilich auch bei ihr zu finden. Zu Beginn des ersten Aktes steht Odabella ganz alleine und unbeobachtet auf der Bühne und beklagt, in einer Naturszene eingebunden, die Ermordung ihres Vaters durch Attila. Maria José Siri fügte sich in die Romanze Oh, Nel fuggente nuvolo mit ganzer Intimität und Hingabe in das filigrane Klanggewebe aus Englischhorn, Flöte, Harfe und Cello ein.

Das Bologneser Premierenpublikum war von diesem erstrangigen und intensiven Gesangserlebnis überwältigt. Frenetisch bejubelte es mit langanhaltendem Applaus die Sänger am Schluss der Oper. Dass dieser Abend zu einem regelrechten Stimmfest wurde, ist vor allem Michele Mariotti zu verdanken, seit 2014 Musikalischer Leiter des Teatro Comunale in Bologna. Dem als laut, krude und effektheischend verschrienen frühen Verdi erteilte er eine Absage. Zusammen mit dem Orchestra del Teatro Comunale di Bologna und dem von Andrea Faidutti präzise einstudierten Coro del Teatro Comunale du Bologna analysierte er die Partitur eingehend. Er zauberte durch perfekt auf jede Gesangsnummer abgestimmte Tempi, spannungsgeladene Melodiebögen, unzählige Details und rhythmische Präzision, gepaart mit einem Gespür für die stellenweise ausgesprochen raffinierte Instrumentation, einen farbenfrohen und differenzierten Verdi-Klang und eine Atmosphäre höchster Emotionen. Seine Leistung honorierte das Publikum verdientermaßen mit dem größten Beifall.

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