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Opernkritik – Giuseppe Verdi: Aida (Teatro Regio, Turin)

Premiere: 14.10.2015
Regie: William Friedkin
Musikalische Leitung: Gianandrea Noseda
Besuchte Vorstellung: 25.10.2015
Wiederaufnahme aus dem Jahr 2005
Fotos: Alessandra Giannese, Alberto Ramella

Turin feiert die Neueröffnung seines frisch renovierten und neu gestalteten Museo Egizio, einer der weltweit ältesten und bedeutendsten Sammlungen von Ägyptischer Kunst. Anlässlich dieses Ereignisses startete die Opernsaison des Teatro Regio Torino mit Giuseppe Verdis Aida, nach einer Handlung des Ägyptologen Auguste Mariette. Für die Inszenierung aus dem Jahr 2005 wurde Oscar-Preisträger William Friedkin als Regisseur gewonnen. (Sein Debüt als Opernregisseur gab er übrigens 2006 an der Bayerischen Staatsoper mit einer Neuinszenierung von den beiden Einaktern Salome von Richard Strauss und Das Gehege von Wolfgang Rihm). Überall im Opernhaus treffen die Besucher mehrere altehrwürdige Original-Exponate aus dem Museum an. Ein Zeichen, wie eng die Verantwortlichen beide Ereignisse miteinander verknüpft wollen wissen.

Friedkin, der mit spannungsgeladenen Filmen wie French Connection und Der Exorzist zu Weltruhm gelangte, lässt zusammen mit dem Bühnen- und Kostümbildner Carlo Diappi das alte Ägypten prachtvoll wiederauferstehen. Ob Königspalast, riesige Tempelanlagen mit Säulen und Götterfiguren oder die Privatgemächer der ägyptischen Prinzessin – die historisch-realistische Darstellung ist bis ins kleinste Detail minutiös geplant. Inmitten dieser Bildergewalt entwickelt sich das Liebesdreieck, bestehend aus der Pharaonentochter Amneris, der versklavten äthiopischen Prinzessin Aida und dem Feldherren Radamès, der schlussendlich wegen Landesverrat zum Tod verurteilt und als Strafe lebendig in einer Krypta eingemauert wird. Die aufwändigen Bühnenbilder haben neben dem finanziellen vor allem aber einen dramaturgischen Preis: Insgesamt sind drei lange Pausen für die Umbauten nötig, so dass ein kontinuierlicher Spannungsaufbau schwer möglich scheint. Hinzu kommt, dass oftmals die Sänger in den großen Räumen verloren und etwas überfordert wirken. Ihre Aktionen haben mehr einen improvisierenden Charakter als durchgetaktete Personenregie. Ganz anders die verschiedenen Balletteinlagen der Choreographen Marc Ribaud (Neueinstudierung: Anna Maria Bruzzese). Ausgesprochen durchdacht ist das elegante Konzept aus wenig Stoff, artistisch schönen Körpern, klugen Gesten und sportlich beeindruckender Leistung. Die Zuschauer goutierten es mit lang anhaltendem Applaus.

Kristin Lewis als äthiopische Prinzessin Aida schaffte es, sich immer wieder selbst zur noblen Räson zurufen. Selbst in dem verzweifelten Momenten behält sie die Fassung, singt ganz nüchtern und schlank mit warmen und weichen Klang, wenngleich allerdings in hoher Lage der Ton an Schärfe gewinnt, verstärkt durch ein ausladendes Vibrato. An der Bayerischen Staatsoper ist sie zum Jahreswechsel als Mimì in Puccinis La boheme (Regie: Otto Schenk) zu erleben. Ihr männlicher Gesangspartner Marco Berti sang den ägyptischen Feldherrn Radamès. Die berühmte Auftrittsarie Celeste Aida versprach einen wunderbaren Abend, doch Herr Berti war offenbar nicht auf seiner Höhe. Vor allem am Ende fehlte ihm die Kondition und löste ein wenig Unbehagen bei manchen Opernbesuchern aus. Gesanglich ist Anita Rachvelishvili die unangefochtene Nummer eins des Abends. Sie hatte bereits dieses Jahr bei den Salzburger Osterfestspielen als Solistin in Verdis Messa da Requiem mit ihrem voluminösen, kräftigen und unheimlich wendigen Mezzosopran die übrigen Solisten, u.a. auch Jonas Kaufmann, in den Schatten gestellt. Durch ihre perfekte Beherrschung der Partitur, das effektvolle Spiel mit den Klangfarben und die schauspielerischen Fähigkeiten konnte sie der komplexen Figur der Amneris die Tiefenschärfe geben, die sie im Spannungsfeld zwischen Liebe, Fragilität, Bösartigkeit und Rache benötigt. Giacomo Prestia als fast schon pingelig genauer Hohepriester Ramfis und Mark S. Doss als energisch-kämpferischer König der Äthiopier Amonasro komplettierten das Gesangsensemble stimmig.

Mit einer ausgezeichneten, tadellosen Leistung konnte das Orchestra del Teatro Regio unter der Leitung von Gianandrea Noseda brillieren. Das Changieren zwischen den vielen privaten, intimen Momenten und öffentlicher Freude, die ihren Höhepunkt im Triumpfmarsch im zweiten Akt findet: dies alles konnte der Verdi-Spezialist feinfühlig realisieren und dabei ebenfalls auf den perfekt von Claudio Fenoglio einstudierten Coro del Teatro Regio zurückgreifen (besonders beeindruckend der A-cappella-Chor der Priester). Auch wenn insgesamt ein paar Abstriche zu verzeichnen sind: wenn am Ende Aida und Radamès in ihrem Grab-Gefängnis im Liebesduett vom Tal der Tränen (O terra, addio; addio valle di pianti) sich verabschieden und gleichzeitig Amneris der Göttin Isis die Seele ihres Geliebten empfiehlt (Pace t’imploro salma adorata) und die Oper mit ihren Friedensrufen endet, spätestens dann war jeder Opernbesucher aufs Tiefste berührt.

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