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Opernkritik – Giovanni Battista Pergolesi: La serva padrona/ Livietta e Tracollo (Teatro Litta, Mailand)

 

Premiere: 11.12.2015
Regie, Bühne und Kostüme: Athos Collura
Musikalische Leitung: Christian Frattima
Besuchte Vorstellung: 12.12.2015
Fotos: www.concertodautunno.it

Mit großem Erfolg beendete am vergangenen Wochenende die Société d’opéra Coin du Roi ihre diesjährige Spielzeit mit einem Dittico Pergolesi. Die noch junge aber bereits international bekannte Institution bringt jährlich selten aufgeführte Opern des 18. Jahrhunderts als szenische Produktionen auf die Bühne des Teatro Litta in Mailand. Nach der italienischen Erstaufführung von Wolfgang Amadeus Mozarts Apollo et Hyacinthus im Oktober folgten zum Jahresende die Intermezzi La serva padrona (Libretto von Gennaro Antonio Federico) und Livietta e Tracollo (Libretto von Tomaso Mariani) von Giovanni Battista Pergolesi. Die beiden Werke wurden der Aufführungspraxis des 18. Jahrhunderts folgend als von der Hauptoper unabhängige, komisch-burleske Einlage zwischen den Akten größerer Opere serie konzipiert: La serva padrona für die Oper Il prigionier superbo, komponiert 1733 für den pompös begangenen Geburtstag von Elisabeth Christine, Ehefrau von Kaiser Karl VI. und Livietta e Tracollo für Adriano in Siria anlässlich des 42. Geburtstages von Königin Elisabeth von Spanien im darauffolgenden Jahr. Die zwei im Teatro San Bartolomeo in Neapel uraufgeführten Intermezzi bestehen aus nur zwei Gesangsrollen, damals vom beliebten Buffo-Paar der Zeit Gioacchino Corrado und Laura Moneti der Hofgesellschaft offeriert. Sie wurden wie alle Intermezzi vor dem Vorhang am Bühnenrand gesungen und dienten während des Bühnenumbaus zur Erheiterung des Publikums.

Daher ist nicht verwunderlich, dass die beiden Opernhandlungen der Gattung folgend voll von Überraschungen, Missverständnissen, Versteckspiele und Verkleidungsszenen sind, die Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner Athos Collura nach aller Kunst gekonnter Personenführung stimmig und mit viel Witz auf die Bühne bringt. La serva padrona spielt im antiken Pompeji, genauer gesagt in der Villa des mürrischen aber wohlhabenden Uberto. Elegante Marmorsäulen, alte (weltberühmte) Fresken und der Torso eines Athleten zieren zusammen mit einer Bronze-Badewanne und einem Diwan der Zeit sein Domizil. Die Dienerin Serpina beschimpft, beleidigt und kränkt in Wutausbrüchen Uberto, doch tief in ihrem Herzen möchte sie gerne ihren Herren heiraten. Es ist nicht überraschend, dass dieser angesichts des Verhaltens seiner ungehorsamen Dienerin diese Idee nicht im entferntesten teilt. Er beauftragt seinen Diener Vespone eine Frau für ihn zu suchen. Serpina greift zu einer List: Sie erschleicht sich den Ehevertrag mit Hilfe von Vespone, der als ihr furchteinflößender römischer Gladiator-Verlobter verkleidet Uberto aufsucht und eine Mitgift vom 4000 Scudi fordert. Geizig wie Uberto ist, heiratet er lieber selbst seine Dienerin. Auch nach der Aufdeckung der Intrige steht er zu seinem Eheversprechen.

Für Livietta e Tracollo bleibt der Vorhang erst einmal geschlossen. Livietta hat sich mit ihrer Freundin Fulvia als französische Studierende verkleidet und stellen dem Fahrraddieb Tracollo eine Falle. Gemäß seiner Auftrittsarie A una povera Polacca, stark an einem Lamento aus dem ernsten Sujet angelehnt, tritt dieser kunstvoll als schwangere polnische Bettlerin drapiert und mit einem Bolzenschneider ausgestattet auf die Bühne. Sein mafiös daherkommender Gehilfe Facenda bietet dem Publikum die unter seinem Mantel versteckt gehaltenen cornicelli, neapolitanische Glücksbringer in Form einer Peperonischote, zum Verkauf an. Als Tracollo die Fahrradkette mit dem Bolzenschneider löst, ‚erwachen‘ die beiden Studierenden und rufen die Polizei. Obwohl Livietta ihn im Geheimen liebt, lehnt sie ein Eheangebot des verhafteten aber am Ende entkommenden Diebes ab.

Mit Öffnung des Vorhangs zum Beginn des zweiten Teils von Livietta e Tracollo wird es überraschend beklemmend-ernst: Altehrwürdige Fresken werden mit politischen Plakaten respektlos überklebt, zwei Sprayer bearbeiten ein Grafitto, zwischen archäologischen Überresten verlassener historischer Grabungsstätten vergnügt sich ein Polizist mit einer Prostituierten (zugespitzt zu einem männlichen Transvestit). Der Kollege des Polizisten lässt sich währenddessen die Karten von einer Wahrsagerin legen. Vor und nach dem Besuch des Freiers betet die Prostituierte zu einer geschmacklos-kitschigen Madonna mit LED-Heiligenschein. All dies zeigt, sicherlich etwas überspitzt, das Neapel der Jetztzeit. Eigentlich sollte Tracollo als Astrologe verkleidet das Herz Liviettas erobern, nachdem dieser vor einem Selbstmord zurückschreckte. Livietta hingegen würde sich durch einen vorgetäuschten Tod seiner Liebe vergewissern, ehe ein Happy End folgen sollte. Stattdessen liegen die beiden mit Drogen zugedröhnt auf einem Platz, durch ihren Hippe(alp)traum unfähig die Realität zu erkennen. Regisseur Athos Collura begnügt sich in seiner Inszenierung nicht mit einer bloßen Verdopplung der slapstickartigen Komik. Er möchte am Ende einen starken Kontrast zwischen der altrömischen blühenden Zivilisation und dem aktuellen Verfall der italienischen Kultur am Beispiel von Neapel herstellen. Die tragische Musik im zweiten Teil von Livietta e Tracollo, eigentlich eine ironisch-überspitze Parodie von Arien aus der Opera seria, wird hier zu einer Trauerklage, einem Lamento auf die aktuelle Lage in Italien. In dieser Deutung der eigentlich lustigen Intermezzi bleibt das Lachen im Halse stecken.

Auf allen Ebenen herausragend war die kalabrische Sängerin Aurelia Tirotta in der Rolle der Serpina/ Livietta. Mit voller, brillierender Stimme verkörpert sie mit einer Leichtigkeit die Frau von Welt. Mit Carmine Monaco als Uberto/ Tracollo stand ihr ein vielseitiger Bariton zur Seite, doch blieb er wegen seiner fast schon sprechenden Diktion musikalisch eindimensional. Beide überzeugten hingegen uneingeschränkt mit einer selten gesehenen schauspielerischen Qualität. Sie zogen ungehemmt alle Register für lebendige Arien, an der sich das Publikum erfreuen konnte. Sie bestachen aber auch im beschriebenen tragischen Ende als zugedröhntes Hippiepaar. Ausdrucksstark waren ebenfalls die beiden pantomimisch agierenden Schauspieler Nino Faranna (Vespone/ Facenda) und Cristina Castigliola (Vespina/ Fulvia), die geschickt die speziellen Anforderungen dieser Inszenierung gekonnt und überzeugend meisterten. Dirigent Christian Frattima schaffte zusammen mit dem Orchestra Coin du Roi dank gut gesetzter Tempi, philologischer Korrektheit, Schönheit im Klang und ausdrucksstarker Präzession eine Hommage an das 18. Jahrhundert. Die rhythmisch ausgefeilten Pergolesithemen lässt er elegant mit einer Leichtigkeit aufleben. Einen kleinen Kritikpunkt gibt es allerdings doch zu nennen: Bei seinem oft sehr raschen Tempo hatten stellenweise, vor allem am Ende von Arien, die Sänger Schwierigkeiten mitzukommen. Doch trübt dies nicht die qualitätsvolle Aufführung dieser beiden Intermezzi des italienischen Superstars des frühen 18. Jahrhunderts. Und dieser Abend zeigte deutlich, dass auch in einer scheinbar banalen Opernhandlung Potential für eine gezielt gesellschaftskritische Auseinandersetzung  in sich birgt.

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