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Opernkritik – Gioachino Rossini: L’italiana in Algeri (Salzburger Festspiele)

Premiere: 5.8.2018
Regie: Moshe Leiser und Patrice Caurier
Musikalische Leitung: Jean-Christophe Spinosi
Übernahme von den Salzburger Pfingstfestspielen
Besuchte Vorstellung: 11.8.2018
Foto: Monika Rittershaus

11. August 1988: Jean Pierre Ponnelle stirbt mit nur 56 Jahren in München an Herzversagen. Wenige Wochen zuvor stürzte er bei Regiearbeiten in Tel Aviv in den Orchestergaben. Es war das schockierende Ende eines der bekanntesten Opernregisseure und Bühnenbildner seiner Zeit. Sein Streben nach Perfektion und der fantastische Realismus in seinen Inszenierungen setzten Maßstäbe; seine legendäre Deutung von Gioachino Rossinis L’italiana in Algeri beeinflusste mit ihrer minuziösen und detailverliebten Personenregie im optisch opulenten Pseudo-Orientalismus à la Tausendundeine Nacht nachhaltig die Rezeption des Werks. Noch heute ist sie in New York, Wien und Mailand im Repertoire.

Auf den Tag genau 30 Jahre nach dem Tod des Ausnahmeregisseurs ist bei den Salzburger Festspielen eine Italiana in Algeri zu sehen – eine Wiederaufnahme der Salzburger Pfingstfestspiele –, die sich in Sachen Personenregie an Ponnelle orientiert, allerdings mit einer ganz anderen Bildsprache. Denn das Duo Moshe Leiser und Patrice Caurier verlegen die Geschichte des in die Jahre gekommenen Bey Mustafà vom frühen 19. Jahrhundert in die Jetztzeit. Der lustvoll gezeichnete Klischee-Orientale hat die Lust an seiner Frau verloren und wünscht sich nichts sehnlicher als eine rassige Italienerin, die tatsächlich wenig später auch in Person von Isabella an seinem Hof auf der Suche nach ihrem festgehaltenen Liebhaber Lindoro eintreffen wird

Zwar meiden die beiden Regisseure zusammen mit Bühnenbildner Christian Fenouillat und Kostümbildner Agostino Cavalca den Orientkitsch. Doch sind sie sich für nichts zu schade und bringen jedes Klischee auf die Bühne, das man sich nur vorstellen kann: Mehrmals hallt der Ruf des Muezzin durch das Haus für Mozart. Statisten fühlen sich in ihren mit bunter Wäsche ausstaffierten Plattenbauwohnzellen gestört und erheben lautstark Protest, wenn der uruguayische Tenor Edgardo Rocha in seiner Auftrittsarie als Lindoro mit glasklarer und bestechender Stimmakrobatik seine Liebe zu Isabella bekundet.

Zur großen Scene der Isabella im zweiten Akt, Pensa alla patria, kommt die gefangengehaltene italienische Nationalmannschaft ausgehungert vom Spiel, sehnt sich lautstark larmoyant nach der fernen Heimat und verspeist in Abstimmung zur Musik ihre tägliche Ration Pasta. Herrlich auch der tölpelhaft umherwuselnde Alessandro Corbelli als Isabellas Exliebhaber Taddeo und der mit großartigen „Rampensau“-Qualitäten ausgestattete bolivianische Bass José Coca Loza als Haly. Ildar Abdrazakov indes darf mit voluminöser und farbenreicher Stimme als chauvinistischer Anführer einer Bande von Trainingsanzug tragenden Kleinkriminellen wahlweise leicht im Feinripp bekleidet seine Wampe zur Schau stellen, oder aber im mafiösen Nadelstreifenanzug in einer angerosteten Mercedes-Benz-Prollkarre seine Vorherrschaft als Mustafà bekräftigen.

Leisner und Caurier beherrschen aber nicht nur das überzeichnend parodistisch Plakative, sondern auch das Detail. Genial inszenieren sie bereits feinsinnig synchron zur Musik die Ouvertüre, in der die geschasste Ehefrau Elvira (luxuriös mit Rebeca Olvera besetzt) devot mit allen Mitteln versucht, ihren Exmann von ihrer Schönheit zu überzeugen. Der im Ehebett keinen Schlaf findende Mustafà ist offensichtlich von ihrer Kunstfertigkeit im Bauchtanz nicht angetan, verzieht angewidert das Gesicht und sperrt sich lieber im Badezimmer ein. Elvira greift zur Pralinenschachtel und träumt sich in eine Wunschwelt, die in einem zum Leben erweckten, animierten Bild mit zwei verliebten Dromedaren ihre kurzweilige Entsprechung findet. Ob jedoch die zum Finale des ersten Akts autoskootergleich umherfahrenden Wohnzimmersessel oder der gleich zweimal aufgerufene Fäkalhumor (zuerst ein lebensgroßes Stoff-Dromedar, am Ende eine Möwe) wirklich sein muss, ist Geschmackssache. Das sonst eher seriös gestimmte Festspielpublikum lacht jedenfalls bei einer solchen Situationskomik ausgesprochen viel.

Warum das Duo offenkundig die Lieblingsregisseure von Pfingstfestspielleiterin Ceclilia Bartoli sind, liegt auf der Hand, schenken sie ihr doch wahrhaft divenhafte Szenen. Ob zu Beginn auf einem Stoff-Dromedar hereinfahrend oder später sich lasziv im Schaumbad räkelnd: La Bartoli weiß um ihre Bühnenpräsenz und spielt sie gekonnt aus. Immerhin liegen ihr, der keck-frechen Isabella, gleich drei Männer bedingungslos zu Füßen. Auch stimmlich verführt, lockt, betört, quält und provoziert sie das Handlungspersonal. Historisch korrekt erweitert sie intelligent die von Rossini komponierten Koloraturen. Einfach herrlich, standing ovations für Santa Cecilia!

Einzig der hefig umherwirbelnde Jean-Christophe Spinosi am Pult seines Originalklang-Ensemble Matheus trübt den herrlich vergnüglichen Abend. Wie schon bei Rossinis Elisabetta, regina d’Inghilterra vergangenes Jahr am Theater an der Wien, setzt er auf krasse Tempomodifikationen, fragwürdige Artikulationsansätze und einen allzu ruppigen, gewaltsamen Orchesterklang, der so gar nicht mit dem brillierenden Belcanto auf der Bühne harmonieren wollte.

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