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Opernkritik – Gioacchino Rossini: L’italiana in Algeri (Metropolitan Opera, New York)

Premiere: 10.11.1973
Regie, Bühnenbild und Kostüme: Jean-Pierre Ponnelle (Neueinstudierung durch David Kneuss)
Musikalische Leitung: James Levine
Besuchte Vorstellung: 4.10.2016
Fotos: Ken Howard

Es ist nicht das erste Mal in der Welt der Oper, das ein Sänger krank geworden ist und ein einspringender Kollege seiner Karriere zusätzlichen Schub verleihen konnte. So geschehen bei Gioacchino Rossinis 1813 uraufgeführter Oper L’italiana in Algeri an der Metropolitan Opera in New York. Als Isabella angesagt war eigentlich Elizabeth DeShong. Marianna Pizzolato übernahm als waschechte Italienerin die Titelpartie und gab damit ihr MET-Debüt. Mit ausgezeichneter Gesangstechnik, warm timbrierter und in der Höhe funkelnder Mezzosopranstimme bei ausdruckstarker und klarer Diktion auch in den flinken Stellen provozierte sie bereits bei ihrer Auftrittsszene Cruda sorte! Amor tiranno! das Publikum zum frenetischen Applaus. Besonders hervorzuheben die Cavatina Per lui che adoro im zweiten Akt. Solch dicht gestaltete Gesangsbögen und müheloses Abschwellen der Spitzentöne zum innigsten piano mit wohl dosierter Noblesse gibt es selten zu hören.

Mit René Barbera als Lindoro steht ihr ein nicht weniger bravouröser Primo Uomo zur Seite. Ein heller, durchdringender lyrischer Tenor mit kräftigen und voluminösen aber druckfreien Spitzentönen und dynamischer Feinschattierung. Zwei kraftvolle Orchestertuttischläge und ein in die Ferne schweifendes Hornsolo kündigen die technisch anspruchsvolle Auftrittsarie Languir per una bella des zweiten MET-Debütanten an. Das Auditorium goutierte die einfach herrlich anzuhörende Gesangsleistung nach fünf Minuten mit regelrechten Begeisterungsstürmen.

Bei einem solchen Sängerpaar hatte Ildar Abdrazakov Mühe, Schritt zu halten. Der russische Bass kann mit seiner kraftvollen, agilen und farbreichen Stimme Erstaunliches leisten. Als Méphistophélès brillierte er bereits diesen Sommer in Charles Gounods Faust (Inszenierung: Reinhard van der Thannen) bei den Salzburger Festspielen. Doch obwohl er in L’italiana in Algeri als Mustafà zweifelsohne die dritte Hauptpartie übernahm, konnte er seine Belcanto-Kunst weit weniger offen zur Schau stellen als die beiden anderen. Rossini und sein Librettisten Angelo Anelli bedachten den Bey von Algerien mit nur einer einzigen veritablen Arie: Già d’insolito ardore. Es liegt der Verdacht nahe, dass die beiden bei dieser Rolle mehr die karikatureske Überzeichnung eines intellektuell herausgeforderten, ungehobelten und frauenfeindlichen Muslims im Sinn hatten als beschwingte Melodienglücksseligkeit und Koloraturkaskaden.

Der Eindruck verstärkt sich mit Blick auf die Handlung: Eine italienische Dame nutzt ihren Charme und die Reize einer Frau, um den wenig galanten und seiner eigenen Frau(en) überdrüssigen Bey von Algerien auszutricksen und ihren in Gefangenschaft sitzenden Liebhaber zu retten. Der Trick: Mustafà wird von der Italienerin zum Pappataci („Vielfraß“) ernannt, einem erfundenen italienischen Ehrentitel, für den der Laureat bei der Aufnahmezeremonie ein reiches Mahl zu verzehren und nicht auf das Geschehen um ihn herum zu achten hat.

Hinsichtlich dieser Handlung und im Wissen um die aktuellen geopolitischen und religiösen Kriegsherde ist es beunruhigend, wenn nicht geradezu grotesk, die 43 Jahre alte Produktion von Jean-Pierre Ponnelle auszugraben. Sie verweigert sich bei aller minuziösen und detailverliebten Personenregie jeglicher Aktualisierung und verpflichtet sich einem optisch opulenten Pseudo-Orientalismus à la Tausendundeine Nacht mit schicken Turbanen und arabischen Spitzenschuhen. Ein großer Vorhang im beigen, ornamental verzierten Innenhof öffnet sich mehrmals, der Hintergrund zeigt wahlweise eine von Minaretten übersäte Stadt, die Bögen der Alhambra oder aber ein echtes Schiff.

Doch es geht noch schlimmer: Wirklich jedes Klischee, das im Entferntesten mit der arabischen Welt verknüpft wird, kommt auf die Bühne: Kautschukaufgeblähte Bäuche des Eunuchenchores, der die in einer Reihe am Boden knienden und lustvoll mit dem Gesäß wackelnden Haremsdamen synchron zur Musik auspeitscht oder aber der mit zottigen schwarzen Haaren an Rücken und Brust übersäte Mustafà, der sich kurz vor seiner Arie im Dampfbad mit irgendeiner seiner vielen Haremsdamen vergnügte, um nur zwei Beispiele zu nennen. Als am Ende der Oper der geprellte Bey die Spaghetti in Richtung des in der Ferne verschwindenden realen Schiffs schleudert, ist die Grenze des Klamauks schon meterweise überschritten.

Ob Ponnelle heute seine 43 Jahre alte, nach heutigen Maßstäben rassistische, antiislamische und pseudoorientalische Inszenierung noch akzeptieren könnte? Wir können ihn nicht mehr fragen, er fiel 1988 bei Proben in Tel Aviv in den Orchestergraben, erholte sich nur scheinbar und starb wenige Wochen später in München. Das Werk wegen den Unappetitlichkeiten im Libretto zu zensieren wäre genauso falsch wie die Historisierung und Glorifizierung einer nie existenten guten alten Zeit. Man braucht einen aktuellen Kommentar, besonders in einem Land, in dem Gender/Queer und Postcolonial/Decolonization Studies und political correctness im besten Sinne zur Gesellschaftsräson gehören. Doch diese Kritik geht an die Adresse des Intendanten Peter Gelb und nicht an einen vor knapp 30 Jahren verstorbenen Regisseur.

Zurück zur Musik: Als dritte im Bunde gab die junge Mezzosopranistin Rihab Chaieb als Zulma ebenfalls ihr MET-Debüt. Dank ihrer agilen und farbintensiven Stimme werden wir sicherlich in Zukunft noch einiges von ihr hören. Die kanadisch-tunesische Sängerin ist Mitglied des Lindemann Young Artist Development Programm, dem „Opernstudio“ der MET. Die Rolle ihrer Bühnenherrin Elvira übernahm die chinesische Sopranistin Ying Fang, ebenfalls ein MET-Gewächs. Die vom Librettisten Anelli im Libretto sehr larmoyant-eindimensional charakterisierte, sitzengelassene Ehefrau Mustafàs konnte sie mit ihrem perlenden Sonnenwonnen-Sopran und feinfühligem Spiel deutlich aufwerten. Bei den Herren gilt es den international gefragten Bariton Nicola Alaimo (Taddeo) mit seiner sonoren, samtigen Stimme hervorzuheben.

Alle Zügel fest in der Hand hatte allerdings ein Altmeister: James Levine. Seit 1971 stand er zuerst als Chefdirigent und musikalischer Leiter, später als künstlerischer Direktor am Pult des Metropolitan Opera Orchestra. Etwa 2500 Vorstellungen von 75 Opern – das ist seine stolze Met-Bilanz. Zum vergangenen Saisonende verabschiedete sich der an Parkinson erkrankte 73-jährige von dieser Position. Nach einer Übergangszeit wird 2020 der Kanadier Yannick Nézet-Séguin übernehmen. Für Levine indes schuf das Opernhaus das Amt des Music Director Emeritus, mit L’italiana in Algeri gab er seinen Einstand. Der Jubel im Saal war gewaltig, als er im Rollstuhl sitzend mit einem Lift auf Pulthöhe hochgefahren wurde. Seine Bewegungen mögen beim Dirigieren reduziert sein, doch der leichte, spritzige und präzise Klang sowie die charmant umherflitzenden Motive sprechen für ihn, und insbesondere für die Streicher und Holzbläser.

Belcanto! Das sind Melodien mit Ohrwurmcharakter, wunderbare Bravourarien und Koloraturkaskaden, gesungen auf technisch höchst anspruchsvollem Niveau. Rossinis L’italiana in Algeri an der MET wurde Dank eines Sängerensembles in Bestbesetzung zu einem virtuosen und leidenschaftlichen Stimmfeuerwerk. Bräuchte es nur noch eine gleichwertige, zeitgemäße Inszenierung…

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