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Opernkritik – Gioacchino Rossini: La scala di seta (Teatro Fraschini, Pavia)

Premiere: 27.11.2015
Regie: Damiano Michieletto (Neueinstudierung durch Andrea Bernard)
Musikalische Leitung: Francesco Ommassini
Besuchte Vorstellung: 29.11.2015
Übernahme vom Rossini Opera Festival, Pesaro
Fotos: Alessia Santambrogio

Gioacchino Rossinis La scala di seta gehört zu den fünf einaktigen farse, die der Komponist im Alter zwischen 18 und 21 Jahren für das Teatro San Moisè in Venedig komponierte. Diese Operngattung war ursprünglich als komisch-burleske Einlage zwischen den Akten meist größerer Opere serie gedacht. Doch Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts erfreute sich die farsa in der Lagunenstadt größter Beliebtheit. Jeweils zwei Einakter, manchmal auch ein Ballett, wurden als Paar an einem Abend in den verschiedenen Theatern gespielt. Die Opernhandlungen mit fünf bis acht Sängern folgen dabei meist einem etablierten Grundschema. Ein Liebespaar, zwei lustige Partien und mehrere Nebenrollen ergeben eine Liebesgeschichte voller Überraschungen, Missverständnisse, Versteckspiele und Verkleidungsszenen.

So auch in La scala di seta (Libretto: Giuseppe Maria Foppa). Giulia hat heimlich ihren Geliebten Dorvil geheiratet. Ihr Vormund Dormont hätte der Vermählung  nie zugestimmt, möchte er doch sein Adoptivkind mit seinem Bekannten Blansac verheiraten. Dorvil sieht sich dadurch jeden Tag genötigt, mit Hilfe einer seidenen Leiter zu nachtschlafender Zeit auf Giulias Balkon zu klettern, um so die Nacht mit seiner Frau verbringen zu können. Als nun Blansac sie besuchen kommt, überschlagen sich die Ereignisse. Dorvil wird von Giulia auf nächste Mitternacht vertröstet. Sie selbst heckt einen Plan aus: Blansac könne doch ihre Cousine Lucilla ehelichen. Mit Hilfe des Kammerdieners Germano versucht Giulia herauszufinden, ob er ihrer Cousine würdig ist. Doch Germano missversteht anfangs die Worte und bildet sich ein, er soll ihr den Hof machen. Nachdem diese Angelegenheit geklärt wurde, tritt Blansac auf. Dorvil als Trauzeuge im Schlepptau muss ansehen, wie seine Ehefrau vom Nebenbuhler umgarnt wird. Er hat bereits den Verdacht geschöpft, dass seine Ehefrau ihn betrüge und rast nun vor Eifersucht. Doch Giulia erzählt ihrem Ehemann von dem Spiel. Er soll einfach wie jede Mitternacht über die seidene Leiter zu ihr hinaufklettern. Germano lauscht an der Tür und versteht abermals falsch. Aufgeregt berichtet er den verdutzen Blansac, er habe ja heute Abend ein Rendezvous mit Giulia. Lucilla, die sich mittlerweile in Blansac verliebt hat, erfährt ebenfalls vom Kammerdiener vom nächtlichen Stelldichein und kann es ebenfalls nicht glauben, hat doch Blansac auch ihr bereits unmissverständliche Avancen gemacht. Als nun die Mitternacht gekommen ist, haben sich Germano und Lucilla jeweils unabhängig versteckt. Über die vom Balkon herunterhängende seidene Leiter klettern nicht nur Dorvil und Blansac, sondern auch der verärgerte Vormund Dormont hinauf, der jeden einzelnen aus ihren jeweiligen Versteck herausholt und dem ganzen Spuk ein Ende macht: Blansac wird Lucilla heiraten – Giulia und Dorvil haben das bereits hinter sich.

Viele Musikwissenschaftler und Theatermacher bezeichnen La scala di seta als Rossinis Jugendsünde, ist laut ihnen die Opernhandlung doch eine fantasielose Abänderung der damals beliebten Oper Il matrimonio segreto von Domenico Cimarosa. Außerdem verschwand sie bereits nach zwölf Vorstellungen im Notenschrank des Theaters. (Im Übrigen gilt dies auch für die anderen vier Einakter). Doch sieht man sich die Gattungsgeschichte der farsa ein wenig an, muss man unweigerlich zu einem differenzierteren Bild kommen. Freilich: Es ist ein Jugendwerk Rossinis, doch folgt es eben der bereits beschriebenen Tradition der Zwischenakte, die als gattungskonstituierendes Element eine slapstickartige Handlung mit allerlei Scherzen, Versteckspielen und Verkleidungsszenen haben. Zur Unterhaltung des Publikums gedacht haben die produzierten Opern eine ausgesprochene Kurzlebigkeit, lebt doch ein Theater auch schon in dieser Zeit von Novitäten! Wenn also eine Oper nur zwölf Aufführungen erfährt, ist dies weniger ein Zeichen von schlechter Qualität, sondern mehr ein gattungshistorisch bedingtes Faktum.

Darüber hinaus ist bei der Rezeption des Werkes anzumerken, dass erst 1973 im Nachlass eines schwedischen Wissenschaftlers das Autograph zu La scala di seta wiederentdeckt wurde. 15 Jahre später folgte die Erstaufführung der neu erstellten Partitur beim Rossini Opera Festival in Pesaro. 2009 inszenierte die Oper dort der italienische Regisseur Damiano Michieletto zusammen mit seinem Bühnenbildner Paolo Fantin. Doch während seine diesjährige Neuinszenierung von Rossinis Guillaume Tell am altehrwürdigen Royal Opera House Covent Garden in London den größten Skandal in der Geschichte des Opernhauses provozierte, hat seine witzige librettonahe Deutung von La scala di seta bereits Kult-Charakter. Ende November stand diese Produktion auf dem Spielplan des Teatro Fraschini in Pavia.

Zu sehen ist der Grundriss eines Appartements, der genau die Anordnung der Möbel in den jeweiligen Zimmern festlegt. Während der Ouvertüre werden jugendlich moderne Möbel von nicht weniger jugendlich gutaussehenden Statisten unter Anleitung eines Architekten herbeigeschafft und dadurch die Bodenzeichnung mit dreidimensionalen Leben erfüllt. Ein schräg von der Bühnendecke nach hinten verlaufender Spiegel ermöglicht den uneingeschränkten Blick auf den Grundriss der Wohnung. Jeder Winkel der Wohnung ist für das Publikum zu sehen, denn die Türen und Wände sind nur auf dem Grundriss und im Spiel der Sänger zu sehen. In diesem Ambiente lässt Michieletto die kleinen Rituale des Alltags zum Leben erwecken, erzählt mit minuziös geplanter Personenregie und eindrucksvollen Stummfilmgesten die Geschichte und lässt keine noch so komische Szene aus. Ein herrlicher Spaß.

Bianca Tognocchi sang mit leichtem, klangschönem Diamant-Sopran die listige Adoptivtochter Giulia. Selbst bei Sportübungen gelangen ihr die Koloraturen mit spielerischer Unbeschwertheit. Ihren eifersüchtigen Ehemann Dorvil sang Francesco Brito. In seinem Tenor steckt enormes Potenzial, doch wirkte seine Stimme bei dieser Vorstellung sehr introvertiert. Mit Macho-Allüren und aller Weichheit des Belcantos ausgestattet musizierte im weißen Anzug Leonardo Galeazzi den Blansac. Obwohl er einer der zentralen Person in diesem Stück ist, findet sich für ihn in der Uraufführungspartitur keine einzige Arie. Es gibt Vermutungen, dass der Uraufführungssänger nicht die erforderlichen gesanglichen Voraussetzungen besaß. Allerdings erhielt sich aus der Entstehungszeit der Oper die Arie Alle voci dell’amore, die allem Anschein nach genau für die Rolle des Blansac von Rossini geschrieben wurde. Seit der Erstaufführung in Pesaro 1988 wird diese nach der (ahistorischen) Pause eingefügt. So konnte auch Galeazzi in dieser Soloarie sein Können unter Beweis stellen. Mezzosopranistin Laura Verrecchia interpretierte die Lucilla sehr hart und unangenehm, setzt aber dadurch perfekt das schauspielerische Konzept des Regisseurs um. Die spröde Jungfer im violetten Kostüm hätte am Ende ohne Hemmungen endlich ihre Jungfräulichkeit bei Blansac, oder bei den jugendlich gutaussehenden Statisten verlieren wollen. Als Kammerdiener Germano mit Prinz-Eisenherz-Frisur stolperte Filippo Fontana von einem Missgeschick ins nächste. Der witzig-brillante Charakterbariton konnte mit reichhaltigem, unvergleichliches Spiel das Publikum vollends überzeugen. Schlussendlich gab Manuel Pierattelli in der mageren Rolle des Dormont eine bodenständige Leistung. Leider musizierte das Orchestra I Pomeriggi Musicali di Milano unter der Leitung von Francesco Ommassini uninspiriert und mit wenig Witz, Theaterbiss und Melancholie. Auch wenn der Dirigent eine gute Balance zwischen Orchestergraben und Bühne schuf, fehlte an diesem Musiknachmittag im eigentlich quirligen Orchesterpart die berühmte Prise Salz in der Suppe.

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