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Opernkritik – Gioacchino Rossini: La Cenerentola (Oper Leipzig)

Premiere: 19.3.2016
Regie: Lindy Hume
Musikalische Leitung: Anthony Bramall
Besuchte Vorstellung: 5.5.2017
Koproduktion mit der Opera Queensland, Brisbane (Australien) und der New Zealand Opera, Auckland (Neuseeland)
Fotos: Kirsten Nijhof

Sunnyboy Dladla! Diesen Namen sollte man sich merken, denn der südafrikanische lyrische Tenor erobert zurzeit erfolgreich Schritt für Schritt die große Opernbühne. Schon während seines Studiums am South African College of Music der Universität von Kapstadt sang er am örtlichen Opernhaus unter anderem Don Ottavio in Wolfgang Amadeus Mozarts Don Giovanni oder Nemorino in Gaetano Donizettis L’elisir d’amore. Nach seinem Europa-Debüt 2009 am Teatro Filarmonico in Verona sicherte er sich für die Spielzeiten 2012/13 und 2013/14 einen Platz im Internationalen Opernstudio des Opernhauses Zürich. Von da aus führte ihn sein Weg schon nach Berlin, Stuttgart, Wien, Wiesbaden – und nun nach Leipzig.

Anfang Mai war er dort in einer einzigen Vorstellung von Gioacchino Rossinis La Cenerentola (deutsch: Aschenputtel) als Don Ramiro zu erleben. Prädikat: formidabel! Dladla zeigte mit seiner eleganten Phrasierung und seiner enormen Beweglichkeit bei hell-strahlendem Timbre das Potenzial eines aufstrebenden Rossini-Tenors. Kein maschinelles oder gar verschmiertes Abspulen aberwitziger Koloraturen war zu hören, sondern flexible und nuancierte Gestaltung. Zusammen mit der stets mühelosen Höhe, freilich jugendlich-kraftvoll schmetternd und vielleicht mit einer kleinen Spur zu viel Vibrato, hebt sich seine Interpretation wohltuend von der vieler Kollegen ab. Sì, ritrovarla io giuro, singt der Prinz der entschwindenden Angelina alias Cenerentola im zweiten Akt hinterher, Ich schwöre, ich werde sie wiederfinden. Schönster Belcanto der Affekte und Effekte!

Angesichts eines solch stimmlichen Übergewichts hatten es insbesondere die Damen schwer. Zwar konnte die junge kanadische Mezzosopranistin Wallis Giunta als koloraturleichte und legatofeste Cenerentola dem primo uomo besonders schauspielerisch Paroli bieten, jedoch schmälerte ihre etwas kraftlos wirkende Mezzotiefe und der kaum hörbare Vokalausgleich ihre Leistung. Sopranistin Magdalena Hinterdobler und Mezzosopranistin Franziska Rabl hingegen trieben es szenisch wie musikalisch deutlich zu weit. Sympathisch müssen einem die Schwestern Clorinda und Tisbe freilich nicht werden. Doch überzeichneten Hinterdobler und Rabl sie zu derart hysterischen, übertrieben umherschwänzelnden Egomanen, dass die mit einem zu großen Pinsel gemalten Girly-Karikaturen im Plüsch-Rüsch-Schick auf Dauer nicht nur schwer verträglich waren, sondern auch die dramaturgischen Kontrastspitzen abstumpften.

Auch auf der Bühne herrscht bei viel Witz, Detailverliebtheit und kurzweiliger Unterhaltung überwiegend der grobe Strich und seichte Puppenstuben-Romantik. Regisseurin Lindy Hume und ihr Bühnen- und Kostümbildner Dan Potra zeigen neben einer repräsentativen Bibliothek mit einer von Wilhelm dem Eroberer über Heinrich VIII. und Elisabeth I. bis zu Georg IV. reichenden Ahnengalerie einen Garten mit Miniaturschloss im Hintergrund und einem aufklappbareren Ramsch- und Spielzeugladen, der direkt aus einer der erfolgreichen Rührschnulzen-Verfilmungen von Charles Dickens A Christmas Carol zu stammen scheint. Schon diese verhandeln die Frage nach der sozialen Ungerechtigkeit eher oberflächlich, wenn nicht gar arg verkitscht.

Schöne und aufwendige Bildlösungen mit allerdings wenig Deutung. So könnte man die Produktion zusammenfassen. Vergeblich versucht man zu Beginn die Anspielung an die britische Monarchie zu dechiffrieren (das Original spielt in Italien). Ist es doch eine Satire auf die Selbstinszenierung des Königshauses? Das Union-Jack-Flagge schwenkende, absichtlich ungelenk von Friedrich Bührer choreographierte rein männliche Dienstpersonal (Herren des Opernchores), manche von ihnen in Frauenkleidern, könnten noch dahingehend gedeutet werden. Doch der Blick auf den Besetzungszettel offenbart die Motivation: Die Opera Queensland, Brisbane (Australien) und der New Zealand Opera, Auckland (Neuseeland) werden als Koproduzenten genannt. Beide Länder sind Teil des Commonwealth of Nations und haben als Oberhaupt die britische Monarchin.

Für all diejenigen, die gerne unterhalten werden möchten, ist diese Cenerentola optimal. Vor allem dann, wenn Giulio Mastrototaro als schrulliger Don Magnifico mit Rampensaupotenzial und Jonathan Michie als grotesk aufgeblähter Diener Dandini angesagt sind. Allerdings sollte man vor einem Besuch auch das Konzertprogramm im Gewandhaus studieren. Am selben Abend gab es neben Aram Chatschaturjans Klavierkonzert auch Gustav Mahlers 5. Sinfonie. Die Folgen hörte man auch auf der anderen Seite des Augustusplatz in der Oper, insbesondere im Blech. Während die übrigen Musiker*innen des Gewandhausorchesters unter der Leistung des stellvertretenden Generalmusikdirektors Anthony Bramall ein zügiges, straffes und nur in den Ensembles etwas unflexibles Rossini-Feuerwerk entzünden konnten, trampelte das permanent lieblos und wenig grazil spielende Blech elefantengleich in jede noch so schöne Stelle der Partitur hinein. Povero Rossini!

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