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Opernkritik – Giacomo Puccini: La bohème (Teatro Amilcare Ponchielli, Cremona)

Premiere: 7.10.2015
Regie: Leo Muscato
Musikalische Leitung: Giampaolo Bisanti
Besuchte Vorstellung: 7.10.2015 (Premiere)
Übernahme vom Macerata Opera Festival
Fotos: Umberto Favretto

Am 7. Oktober hob sich im Teatro Amilcare Ponchielli in Cremona der Vorhang für die Eröffnungspremiere der Spielzeit 2015/16. Gegeben wurde La bohème von Giacomo Puccini. Doch wer eine Inszenierung mit staubigen Dachböden, behaglicher Kaffeehaus-Stimmung und biederer Atmosphäre im verschneiten Paris des frühen 19. Jahrhunderts erwartete, wurde bitter enttäuscht. Regisseur Leo Muscato versetzt eine der wohl berührendsten Operngeschichten sehr überzeugend in die Zeit der Pariser Jugend- und Studentenrevolten des Mai 1968.

Ein Sammelsurium an Recyclingmöbel und politischen Kunstwerken bildet das Wohnzimmer einer Künstlerkommune, bestehend aus dem Dichter Rodolfo, dem Maler Marcello, dem Philosophen Colline und dem Musiker Schaunard. Die im besten Sinne geschmacklose Kleidung des Quartetts hätte jeden Kostümpreis einer Bad-Taste-Party problemlos gewinnen können. Als die mit weißem Schaal und türkisfarbenen Mantel elegant gekleidete Mimì dieses Biotop betritt, war es schon um Rodolfo geschehen. Im bewegenden Liebesduett vereint machen sich die beiden auf dem Weg in das überfüllte Cafè Momus. Dort herrscht Sodom und Gomorra! Showgirls in knappen Cocktailkleider und Männer in körperbetonten Achselshirts in Chippendales-Manier, wahlweise quietschbunt oder im Zebrachic, vereinigen sich mit den obligatorischen Schlaghosen zu einer beeindruckenden Revue, unter Federführung der Edeldame Musetta! Einzig der Kindechor in brav-roten Weihnachtsmützen mag nicht so ganz in die heraufbeschworene Zeit der freien Liebe und der shisharauchenden Hippiebewegung passen.

Nach der Pause allerdings weicht der Dunst von Freiheit den sozialen Problemen der Zeit. Vor den Toren einer Fabrik streiken Arbeiter. Auf hochgehaltenen Demoschildern ist unter anderem zu lesen: Soyez réalistes demandez l’impossible (Seid Realisten verlangt das Unmögliche), Il est inderdit d’interdire (Es ist verboten zu verbieten) oder Dire Non c’est penser (Nein sagen ist denken). Im Schlussbild stirbt Mimì in einem Krankenhausbett, umgeben von Krankenschwestern und einem Arzt, jedoch halten diese aus Angst vor einer Ansteckung wohlbedacht einen gehörigen Sicherheitsabstand. Die sexuelle Revolution der 60er Jahre hat zwar das Individuum von sexuellen Zwängen und Normen befreit, zugleich aber auch das Bewusstsein für Geschlechtskrankheiten minimiert. Sie decken den Leichnam hastig ab, verpackten ihn in einem Sack und transportieren ihn eilig ab. Mimis Freund Rodolfo durfte sich nicht von ihrem Leichnam verabschieden, er sinkt verzweifelt in die Hände seiner Freunde. Die zu Tränen rührende, bittere Musik dazu wirkt durch diese drastische Schlussinterpretation noch verzweifelnd dramatischer.

Die junge kalabrische Sängerin Maria Teresa Leva konnte mit ihrem süßlich-reinen und runden Sopran eine beeindruckende Gesamtinterpretation der Mimì präsentieren. Mit Matteo Falcier als Rudolfo stand ihr ein solider Tenor zur Seite. Fast etwas zu Keck war Musetta, gesungen von Larissa Alice Wissel. Ihr gelang es nicht, den vielschichtigen und schwierig zu gestaltenden Charakter überzeugend darzustellen. Mit seinem sonoren Bariton konnte Sergio Vitale (Marcello) zusammen mit Alessandro Spina (Colline) und Paolo Ingrasciotta (Schaunard) stimmig die drei Freunde Rudolfos verkörpern.

Das Orchestra I Pomeriggi Musicali di Milano unter der Leitung von Giampaolo Bisanti konnte dank der trockenen Akustik in dem kleinen, nur 1000-Plätze umfassenden Opernhaus fein gearbeitete kammermusikalische Klänge erzeugen, ohne auf die leidenschaftlichen Bögen zu verzichten. Der Applaus des mit allerlei lokalpolitisch besetzten cremoneser Publikums war warmherzig, wenngleich wohl wegen dem Regiekonzept und der daraus resultierenden Verweigerung jeglicher Romantik äußerst verhalten. Regisseur Leo Muscato hätte für seine gelungene Deutung wahrlich mehr Beifall verdient.

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