La Boheme

Opernkritik – Giacomo Puccini: La bohème (Metropolitan Opera, New York)

Premiere: 14.12.1981
Regie und Bühnenbild: Franco Zeffirelli (Neueinstudierung durch J. Knighten Smit)
Musikalische Leitung: Carlo Rizzi
Besuchte Vorstellung: 1.10.2016
Fotos: Marty Sohl

Heilig Abend. Ein Kreuzungspunkt mehrerer belebter Straßen, die hier einen kleinen Platz bilden. Kaufläden aller Art, Wirtschaften – an der einen Seite das Café Momus. Großes mannigfaltiges Gedränge. Bürger, Soldaten, Mägde, Jugendliche, Kinder, Studenten, Näherinnen, Gendarmerie etc. Von der Schwelle ihrer Läden schreien die Verkäufer lobpreisend ihre Waren aus. Rodolfo und Mimì gehen im Gedränge umher. Collin weilt bei der Bude einer Flickerin. Schaunard kauft bei einem Hausierer eine Pfeife und ein Horn. Marcello, allein, wird von der Menge hin und her geschoben. Vor dem Café Momus sitzen Bürger. Es ist Abend. Die Läden sind mit Lämpchen geschmückt, auch die Straßenlaternen brennen, und vor dem Eingang zum Café hängt ein großer Lampion.

In solch detaillierter Ausführlichkeit beschreiben die Librettisten Luigi Illica und Giuseppe Giacosa das Quartier Latin, das traditionelle Studentenviertel im 5. Arrondissement in Paris – Schauplatz des zweiten Bildes von Giacomo Puccinis Oper La bohème und nicht zuletzt wegen der in blendenden Kontrasten schwelgenden und mitreißenden Musik eine der bekanntesten Opernszenen überhaupt. Sie lässt die Fantasie sprudeln, lädt ein zu Opulenz und Bildgewalt: Der Traum eines jeden Opernausstatters, der es so richtig krachen lassen möchte. Doch während die Anhänger einer wie auch immer gearteten werktreuen Interpretation solche Tableaus wie die kostbarsten Juwelen im erbarmungslos immer weiter vom Eurotrash verwüsteten Opernschmuckkästchen hüten, sehen die Parteifreunde des Regietheaters in einer solchen Ästhetik den Inbegriff pompöser Spielfilmeffekte, unreflektierter Vergangenheitsverklärung und romantischer Selbstbefriedigung.

Letztere sollten daher lieber keinen Fuß in die Metropolitan Opera in New York setzen, schon gar nicht, wenn Franco Zeffirellis La bohème-Inszenierung aus dem Jahr 1981 angesetzt ist. Der italienische Film- Theater- und Opernregisseur nimmt nicht nur das gesungene Librettowort, sondern auch minuziöse Beschreibungen wie eingangs zitierte für die Gestaltung des Bühnenbildes demonstrativ ernst. Er zaubert eine Pariser Straße der 1840er Jahre auf die Bühne, inklusive 250 prächtig von Peter J. Hall eingekleideter Choristen und Statisten sowie einer Blaskapelle im blau-weiß-roten Trikolorenschick. Musetta darf mit Kutsche und lebendem Pferd Hof halten, der arme Spielzeughändler Parpignol hingegen muss sich trotz aufwendigen, farbenfrohen Gewandes mit einem Esel begnügen. Die übrigen Solisten sind im Gewusel schwer zu erkennen: Es ist ein gewaltiges Wimmelbild á la Pieter Bruegel der Ältere.

Hinsichtlich des Alters der Produktion verbietet sich eine Inszenierungskritik nach heutigen ästhetischen Maßstäben. Noch dazu, weil die Kulturförderung in den Vereinigten Staaten in erheblichen Maße von einem etablierten Mäzenatentum abhängig ist. Die Reaktion des Publikums auf ein solches Spektakel indes kam nach Sekunden: Der Vorhang war für das zweite Bild noch nicht zur Hälfte geöffnet, da brach begeisterter Jubel aus. Die Orangen-, Maronen-, Schmuck-, Kreuze-, Mandelkuchen-, Pasteten-, Datteln-, Forellen- und sonstige Rufe des Chores gingen da fast schon unter. Très chic!

Zum 1292. Mal steht Puccinis La bohème auf dem Programm der MET und ist damit unschlagbar die am häufigsten gespielte Oper in der Geschichte des Hauses. Allein Zeffirellis Inszenierung schlägt mit mehr als 400 Vorstellungen zu Buche. Und bei allen unterschiedlichen Positionen zum Begriff Inszenierung kommt man nicht umhin, das gut gearbeitete Handwerkliche und die lustvolle Spielfreude der Sänger mit unzähligen Feinheiten hervorzuheben. Ein Beispiel: Schaunard faltet im ersten Bild zu seiner kurzen Erzählung über einem Papagei aus einem Tuch selbiges Tier.

Ob nun staubige Dachböden, behagliche Kaffeehaus-Stimmung und ein verschneites Paris des frühen 19. Jahrhunderts – gesungen wird auch in der MET immer live. Die US-amerikanische Sängerin Ailyn Pérez, von der New York Times als eine der führenden Sopranistinnen nobilitiert, präsentierte effektvoll eine zwischen intimen Liebesschmerz und explodierenden Gefühlsausbrüchen changierende Mimì. Musikalisch deutlich überzeugender und darstellerisch vielschichtiger gelang allerdings Susanna Phillips das Rollenporträt der Musetta. Sie verzichtet mit leuchtender und farbiger Stimme auf das grobschlächtige Image einer kecken Nervensäge.

MET-Debütant Dmytro Popov blieb leider hinter den Erwartungen zurück. Zwar präsentierte der ukrainische Tenor einen grundsoliden Rudolfo mit bewundernswertem Spiel, doch seine Stimme blieb einfarbig und entwickelte vor allem in der Höhe wenig Schmelz oder Strahlkraft. Probleme in der Intonation, entstanden durch das Drücken auf die Stimme in der Höhe, wurden bei den zahlreichen Oktavverdopplungen im Orchester besonders ohrfällig. Vielleicht war er einfach nicht fit, immerhin sang der die Rolle bereits an den großen Opernhäusern wie München, Wien und London.

Die Bohemien-Truppe, David Bizic als Musetta-Liebhaber Marcello, Rodion Pogossov als Schaunard und Ryan Speedo Green mit einer stark gesungenen Mantel-Arie als Colline, überzeugten besonders in den Ensembles. Musikalisch die beste Leistung brachte an diesem Abend Carlo Rizzi am Pult des Metropolitan Opera Orchestra. Mit überdeutlicher Schlagtechnik konnte er dynamische Feinheiten, nuancierte Bögen und spannende instrumentatorische Farbdetails aus der Partitur herauskitzeln, die den Sängern zugutekamen und wohl auch geübten Hörern bis dato entgangen sein dürften. Denkanstöße finden sich nicht in der Inszenierung, ein emotionales Erlebnis ist sie trotzdem, die Bohème an der MET.

Ein Kommentar

  1. Chrissi Hansl
    26. März 2017 @ 19:34

    Behandeln den Stoff in der Schule. Kritik sehr hilfreich. Bringt mir vielleicht eine gute Note ein. Prima!!!

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