Franco Fagioli_Vereinigte Bühnen Wien

Opernkritik – Georg Friedrich Händel: Serse (Theater an der Wien)

Konzertante Aufführung am 22.10.2018
Musikalische Leitung: Maxim Emelyanychev
Foto: Vereinigte Bühnen Wien

„Ombra mai fu“ – so beginnt die Auftrittsarie des Serse aus Georg Friedrich Händels gleichnamiger Oper. Hunderte Male wurde sie schamlos von der Werbeindustrie missbraucht und zur musikalischen Umrahmung für Beerdigungen und Hochzeiten zweckentfremdet. Auch den Best of Classics-CDs fiel sie bedingungslos zum Opfer. Es überrascht daher keineswegs, dass die eingängige Melodie mit ihrem getragenen Tempo und dem charakteristischen punktierten Rhythmus, gerne pathetisch vorgetragen, heute zu den bekanntesten Stücken aus Händels Œuvre zählt. Doch kaum jemand weiß, worum es eigentlich in dieser Arie geht: Die absurde Liebeserklärung des Perserkönigs Serse an eine Platane, nachdem er seine Verlobte Amastre in die Wüste geschickt hatte und auf die Schnelle keinen Ersatz finden konnte: „Nie war der Schatten eines Baumes lieblicher, angenehmer und süßer.“ Allein der Beginn der Oper zeigt, dass sie als Komödie zu verstehen ist, als Persiflage auf übersteigerte Sehnsüchte, Verzweiflung und selbstzerstörerischen Größenwahn.

Serse, 1738 am King’s Theatre Haymarket in London uraufgeführt, ist eine der letzten Opern Händels und weist einige stilistische Besonderheiten auf. Händel verzichtet weitestgehend auf Da-Capo-Arien, hält die Rezitative kurz, wendet sich knappen Ensembles zu und versucht dadurch, dramaturgisch zu experimentieren, obwohl – oder gerade weil – der Text auf einem Libretto des 17. Jahrhunderts basiert, dem ältesten jemals von Händel verwendeten Libretto. Bereits Francesco Cavalli hat 1654 eine Vertonung vorgestellt, gefolgt von dem erst 23-jährigen Giovanni Battista Bononcini 1694. Fünf Jahre zuvor erstellte der Hamburger Dichter Christian Heinrich Postel ein Serse-Libretto für Johann Philipp Förtsch, das Händel möglicherweise kannte. Ob man nun seine komische Oper als unkonventionell oder richtungsweisend sehen möchte: mit seinem sperrigen Serse erntete Händel jedenfalls einen Misserfolg, der in einem eklatanten Widerspruch zur Gegenwart steht, zählt Serse doch heute zusammen mit Giulio Cesare in Egitto zu den am häufigsten gespielten Händel-Opern überhaupt.

Der junge russische Dirigent Maxim Emelyanychev hat zusammen mit dem Originalklangensemble Il pomo d’oro und einer hochkarätigen Sängerbesetzung Händels Serse eingespielt; die CD erscheint Anfang November bei der Deutschen Grammophon. Vorab touren die Musiker durch Europa: Paris, London, Lissabon, Essen. Am vergangenen Montag waren sie im Theater an der Wien zu Gast und spielten vor ausverkauftem Haus. Energisch und mit einer Vorliebe für einen perkussiven Klang setzten schon die ersten, scharf punktierten Töne der Ouvertüre ein. Beeindruckend präzise waren die Laut-Leise-Wechsel sowie die teilweise extremen Tempi durchchoreographiert, eine jede überraschende Wendung perfekt koordiniert. Das überzeugt, doch anders als die phänomenale Arianna in Creta bei den diesjährigen Händel-Festspielen in Halle blieb Emelyanychev zumindest im ersten Teil mit der Palette seiner Klangfarben in einem stellenweise hölzern wirkenden Grisaille zurück, wodurch Händels etwas schwerfällige Komik musikalisch bisweilen ins Tragische kippte.

Gesungen wurde ebenfalls auf hohem Niveau: Countertenor Franco Fagioli brillierte mit seiner ganzen Virtuosität als Serse in einer von seinen Paraderollen und bekam langanhaltenden Applaus. Bedauerlich jedoch, dass er sich über das halbkonzertante Konzept ‚divenhaft‘ hinwegsetzte und die Bühne verließ, sobald er mit seiner Arie fertig war. Von den Frauenstimmen hob sich insbesondere die junge italienische Sängerin Francesca Aspromonte mit ihrem eleganten, witzig-spritzigen Sopran als Atalanta ab. Vivica Genaux überzeugte mit ihrem dunkel gefärbten, aber auch wendigen Mezzosopran in der Hosenrolle der Arsamene, und Inga Kalna gab als Romilda ihr gelungenes Debüt am Theater an der Wien.

2019 setzen Maxim Emelyanychev und das Ensemble Il pomo d’oro ihren Händel-Zyklus mit Agrippina fort, abermals mit Starbesetzung: Joyce DiDonato, Kathryn Lewek, Luca Pisaroni, Franco Fagioli und Jakub Józef Orliński. Wir dürfen gespannt sein.

2 Kommentare

  1. Gabi Boehme
    27. Oktober 2018 @ 16:38

    Ach Herrjeh, was ist dem Rezensenten denn da über die Leber gelaufen? Diesen Satz kann ich so nicht stehen lassen „Bedauerlich jedoch, dass er (Fagioli) sich über das halbkonzertante Konzept ‚divenhaft‘ hinwegsetzte und die Bühne verließ, sobald er mit seiner Arie fertig war.“ Woher nimmt der Kritiker diese Annahme? Diese divenhafte Attitüde gehörte zur Rolle!!!!! Herr Fagioli wird sich keinesfalls über ein Konzept hinwegsetzen. Er ist ein wunderbarer Kollege und Teamplayer.
    Solche dummen Behauptungen grenzen beinahe schon an Rufschädigung! Deshalb hätte ich gern Aufklärung. Vielen Dank!

  2. Florian Amort
    8. November 2018 @ 9:38

    Liebe Frau Boehme,
    Danke für Ihre Nachricht und verzeihen Sie meine späte Reaktion, ich hatte keine Mitteilung erhalten, dass Sie mir geschrieben haben. Meine Aussage bezieht sich auf die Auf- und Abgangsanweisungen des Librettos. Ich bin mir natürlich dessen bewusst, dass das Libretto keine ausschließliche Kategorie mehr sein kann, allerdings ist aufgefallen, dass einzig Fagioli sich nicht daran hielt, die anderen Sänger durchaus. Daher vermute ich durchaus eine Intention, die von ihm stammen muss, denn einen Regisseur gab es ja nicht. Das dramaturgische Problem war meiner Meinung nach, dass dadurch der Adressat der Arie nicht erkenntlich war, warum diese Arie genau in dieser Form mit diesem Inhalt an dieser Stelle notwendig ist. Es ist keineswegs eine Rolle, die divenhaft per se ist. Händel hat in Serse, wohlgemerkt eine komische Oper, mit neuen dramaturgischen Elementen experimentiert, die durch einen vorzeitigen Abgang des Primo uomo nicht mehr ersichtlich werden. Darum, und einzig darum ging es mir. Ich glaube daher, dass meine Kritik weder „Dumm“ noch eine „Rufschädigung“ ist. Außerdem habe ich keineswegs seine Persönlichkeit („wunderbarer Kollege und Teamplayer“) noch seine musikalischen Qualitäten angegriffen.
    Herzliche Grüße
    Florian Amort

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