Opernkritik – Georg Friedrich Händel: Alcina (Salzburger Festspiele)

Premiere: 5.8.2019
Regie: Damiano Michieletto
Musikalische Leitung: Gianluca Capuano
Besuchte Vorstellung: 8.8.2019
Übernahme von den Salzburger Pfingstfestspielen
Foto: Matthias Horn

Gastkritik von Katharina Schiller

Unzählige Männer hat sie auf ihre Zauberinsel gelockt, zu ihren Geliebten gemacht und anschließend, ihrer überdrüssig, in Pflanzen, Felsen und Tiere verwandelt: Alcina. Doch wer ist die geheimnisvolle Frau, die Georg Friedrich Händel ins Zentrum seiner 1735 uraufgeführten gleichnamigen Opera seria nach Ludovico Ariostos Epos Orlando furioso stellt? Eine über die Grenzen ihres Reiches hinaus gefürchtete, mächtige Zauberin oder doch eher eine von Minderwertigkeitskomplexen gepeinigte, immer älter werdende Frau auf der Suche nach Liebe?

Regisseur Damiano Michieletto bedient beide Parameter: In seiner bildgewaltigen, mitreißenden und umjubelten Inszenierung, eine Übernahme von den Salzburger Pfingstfestspielen, tritt Alcina aus einem goldumrandeten Spiegel heraus – die Märchen der Gebrüder Grimm lassen grüßen. Am Ende jedoch erblickt sie in dem von Ruggiero und von seiner als Mann Riccardo verkleideten Frau Bradamante zerstörten Spiegel ihr schon vorab immer wieder aufgetretenes, gealtertes und grauhaariges Double. Michieletto geht auf seelische Erkundungsfahrt, zeigt eine leidende Frau und gibt einen tiefen Einblick in die Gefühlwelt und Psyche der Hauptpartie.

Auch musikalisch ist die Aufführung ein wahrer Genuss, allen voran Cecilia Bartoli als darstellerisch wie musikalisch grandiose Alcina. Wer sich auf ihre berühmten gurrenden Koloraturkaskaden freut, muss allerdings bis zum zweiten Akt warten, legt sie doch ihre Alcina zu Beginn ausgesprochen lyrisch an – und zeigt dabei ganz andere Facetten ihrer Stimme. An ihrer Seite brilliert der französische Countertenor Philippe Jaroussky mit seiner hellgefärbten, durchdringenden Stimme. Koloraturreich aber auch ausgesprochen zärtlich lyrisch gibt er den jugendlichen Liebhaber Ruggiero.

Mit Sandrine Piau findet sich eine weitere hohe, ausgesprochen wandelfähige Stimme im Ensemble. Von der Verliebten zur herrischen, eingeschnappten und bereuenden Frau ist in ihrer Rolleninterpretation der Morgana alles zu erleben. Auch Kristina Hammarström als Bradamante weiß ihre dunkle Stimmfarbe mal neckisch, mal flehend einzusetzen und beeindruckt mit den wohl schönsten Arien in dieser Oper. Der Wiener Sängerknabe Sheen Park meistert seine Partie mit Bravour und fügt sich hervorragend in die Reihe der Erwachsenen ein. Man kauft ihm den verzweifelt Sohn, der seinen geliebten Vater sucht, vom ersten Moment an ab.

Die musikalische Leitung des Abends hat Gianluca Capuano inne. Les Musiciens du Prince-Monaco spielen gewohnt stilsicher auf Originalklanginstrumenten. Die Tempi des Italieners sind teilweise sehr schnell und auch die unterschiedlichen Tempomodifikationen führen stellenweise zu Koordinationsschwierigkeiten zwischen Bühne und Orchester. Im Laufe des Abends nehmen auch die dynamische Differenzierung und der Facettenreichtum des Orchesterklanges zu. Ein knapp fünf Stunden dauernder Abend, bei dem nicht nur Anhänger der Barock-Oper auf ihre Kosten kommen.

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